Thema: radio
Im September gehe ich gerne nachts durch Berlin, in meinem Fall: durch Friedrichshain spazieren. Die Straßen sind etwas leerer, das Klima etwas feuchter, alles etwas dreckiger. Neulich habe ich das wieder gemacht, vor allem wegen einer Sache: Im Nachtstudio von Bayern2 habe ich so kurz nach Mitternacht entdeckt, dass bereits im Juli dort ein Gespräch mit Dominik Graf ausgestrahlt wurde, das der Sender auch als mp3 vorrätig hält:

» Nachtstudio-Gespräch mit Dominik Graf

Das habe ich mir (nachdem ich mir kurz dachte, dass es ja eigentlich immer irgendwelche langen Gespräche mit Dominik Graf im Radio gibt und dass man die mal archivieren müsste und wie wichtig es ist, auf diese Form oraler Filmkultur doch unbedingt mal hinzuweisen) auf den Player geholt, um es anschließend beim Spazierengehen zu hören. Dabei gefallen mir vor allem die Gebiete westlich der Warschauer Straße immer besser, also die Gegend um das Berghain, in dem es deutlicher menschenleerer zugeht als auf der anderen Seite. Schön ist es auch, nachts dann rüber in das Gebiet zwischen S-Bahn-Achse und Hafen rüberzulaufen, wo manchmal noch weniger los ist und die Oberbaumcity wie ausgestorben wirkt (manchmal sind da noch ein paar Prolls unterwegs, da liegt dann ein Hauch von Gefahr in der Luft).

Es passt gut, denke ich mir beim Laufen, dass es in dem Gespräch zum einen (sehr schön) über Dominik Grafs Schreiben über Film geht (das Gespräch wurde wenige Tage vor Michael Althens Tod aufgenommen), dann aber vor allem um Dominik Grafs und Michael Althens schön entrückten Essayfilm München: Geheimnisse einer Stadt, weil ich ja gerade selber nachts durch eher geheimnisvolle, in der Kartografie des trendbewussten Berlins weniger erschlossene Straßen unterwegs bin. Zu den Geheimnissen meiner Stadt gehört zum Beispiel, dass ich an einer Nazi-Bude in einem typischen Ost-Berliner Wohnhaus vorbeilaufe, die im Erdgeschoss die Rollos runtergezogen hat und sehr laut, so dass ich es auch noch mit Kopfhörer höre, Schrei nach Liebe von den Ärzten auf eine Weise grölt, die das Anti-Nazi-Lied offensichtlich lächerlich machen soll. Zu den Geheimnissen zählt auch, dass ich alle fünfzig Meter, während ich durch dunkle Friedrichshainer Straßen laufe, mindestens ebenso dunklen Polizeipatrouillen zu Fuß begegne, deren musternde Blicke - ich besitze nunmal fast nur schwarze, also ebenfalls sehr dunkle Kleidung - ich selbst im Finsteren noch spüre. Währenddessen erzählt Graf in meinem Ohr munter weiter, ausgerechnet der Polizeifilmregisseur. Warum so viel Polizei, frage ich mich kurz, na klar, der brennenden Autos wegen.

Irgendwann, langsam gegen Ende der Aufnahme, komme ich die Moderssohnbrücke rauf, wo ich eine Weile meinen Blick über die Stadt wandern lasse. Währenddessen erzählt mir Graf im Ohr davon, wie man im Alter an einen Punkt kommt, an dem man die Stadt nicht mehr entdeckt, sondern sich zu ihr erinnernd ins Verhältnis setzt. Wenn ich von der Moderssohnbrücke aus nach Westen schaue, also fast von der Grenze des Stadtzentrums in dessen Inneres, sehe ich eine Stadt, die sich massiv gewandelt hat. Dieses Arreal vor meinen Augen war mal eine ganz wunderbare Mondlandschaft, wie ein widerborstiger Dorn inmitten der Metropole - heute steht da die O2-World, wegen der ich schon längst meinen Mobilfunkvertrag mit O2 gekündigt haben wollte. Und wenn ich nach Osten blicke, sehe ich im Dunkeln die Großbaustelle schimmern, in der eines der schlimmsten Architekturverbrechen der Gegenwart ausgebrütet wird: Das Ostkreuz, einer der einstmals spannendsten, ältesten und verwinkeltsten S-Bahnhöfe der Stadt, wird abgerissen, dafür entsteht ein weiterer, anonymer Großbahnhof, der aussieht, wie sowas eben aussieht, siehe Südkreuz, wo dasselbe vor ein paar Jahren schon stattfand.

Ich gehe weiter, es ist schon fast halb drei. Das Gespräch ist an sein Ende gekommen, doch als Bonusmaterial gibt es noch eine Radiorezension eines Buchs über die Geschichte der Cahiers Du Cinéma, von Graf zwar nicht gelesen, aber von ihm verfasst. Seine Leidenschaft gefällt mir wahnsinnig gut - und während ich exakt an jenen Mauern in der Revaler Straße vorbeigehe, denen Dominik Graf am Ende seines wunderbaren Filmessays Den Weg, den wir nicht zusammen gehen (zu finden im insgesamt wenig sehenswerten Omnibusfilm Deutschland 09) ein Denkmal in Form einer filmmaterialästhetischen Liebeserklärung setzt, kommt Graf auf die hiesigen Kinoblogs zu sprechen, deren Furor er in der Tradition der Wut und Leidenschaft der frühen Cahiers sieht: Natürlich hoffe ich kurz auf eine Erwähnung, kommt aber nicht, egal, denn er erwähnt Cargo, Revolver und, was mich sehr freut, die Eskalierenden Träume (und unter "und wie sie noch alle heißen" fühle ich mich ganz einfach ebenfalls aufgehoben). Wer braucht eigentlich noch brave Filmzeitschriften, denke ich kurz, und wie toll das ist, was "wir" und dabei aber jeder für sich, ganz mühelos, scheinbar, aufgebaut haben/hat.

An der Mauer aus Der Weg, den wir nicht zusammen gehen bin ich einen Weg mit Dominik Graf gegangen, bin euphorisiert, beschließe, wieder mehr zu bloggen. Gesagt, getan,


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