Zusammen sind Albert, Karlmann und Herbert fast 270 Jahre alt. Doch wirken sie jünger als mancher Dreißigjähriger: Keck sind sie allenthalben, eigenbrötlerisch, ein bisschen altersweise, sicherlich, aber keinen Moment altersstaubig. Unikate sind sie, jeder für sich. Und als solche haben sie viel erlebt im Leben: Der eine war jahrelang auf hoher See, der andere stammt aus gutem Hause und sehnte sich doch immer nach dem einfachen Leben der niederen Leute, der dritte schließlich gründete in den frühen 50ern das erste Tätowierstudio in Hamburg und damit einen ersten Anlaufpunkt für die "Szene", die sich deutschlandweit dort einfand. Um sich tätöwieren zu lassen, im Hinterzimmer zu posieren. Damals gab es noch keine Tätowiermagazine wie heute, wer sich tätowieren ließ, verließ willentlich die gute Gesellschaft und stigmatisierte sich als Außenseiter. In diesem Tatöwierstudio liefen die Lebenslinien der drei zusammen und für einige Zeit auch parallel: Die große Wohnung dahinter war gleichzeitig kommunenartiger Wohnraum, lange bevor ein solcher Lebensstil der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit zum Titelseitenschock gereichte.

Albert, Karlmann und Herbert sind tätowiert. Von oben bis unten. Auf ihnen kann man lesen wie in einem Bilderbuch. Etwas Alterspech hatte freilich Karlmann: Wo Albert und Herbert noch immer stattliche, also runde, Erscheinungen sind, schnurrte Karlmann sichtlich zusammen: Wo einst Bilder waren, ist nun mehr blaue Haut. Das passt gut zu dieser Figur, die zum Erschrecken dünn wirkt und mit papierner Stimme spricht, die Humor und entdeckungsfreudige Tappsigkeit aber auch im hohen Alter nicht verloren hat: Als er sich daran macht, ein Tortenstück anzuheben, mag dies nicht recht gelingen, das erste sei immer das Schwerste, kommentiert sein Sohn das Geschehen, worauf Karlmann, neunzigjährig, antwortet: "Das merke ich jetzt auch gerade."

Flammend' Herz portraitiert diese drei Männer mit allem unausgesprochenen Respekt, der nur in Selbstverständlichkeit liegen kann. Der Film ist weder Freakshow, noch Plädoyer; es geht nicht um die Gründe, warum man das macht, sich möglichst dicht zu tätowieren, noch ginge es um Reue, die diese drei Sympathen ohnehin nicht aufbringen. Es geht auch nicht um Außenseitertum, sondern, eben, nur um diese drei. Der Film lässt atmen, zuweilen aufatmen, beobachtet, sichtlich fasziniert zwar und auch voller Liebe, und er lässt sprechen, erzählen. Darin liegt seine bestechende Größe, sein großer Charme.

Irgendwann beginnt man zu ahnen, dass da noch ein biografisches Detail in der Luft liegt, das noch nicht recht zur Sprache kam. In der Tat, Albert und Karlmann sind zwar allenthalben zusammen im Bild, nur Herbert eben, der seit vielen Jahren in der Schweiz lebt, bleibt für sich; das Trio hatte sich, erfahren wir, irgendwann zerstritten, zumindest Albert und Karlmann mit Herbert. Warum, wird nicht recht deutlich; es ging wohl um die Zimmer- und Bettaufteilung, konkret ausgesprochen wird es nicht. So gelingt am Ende dann die Auflösung des Dramas: In Hamburg sitzen die drei Männer, Herren mag man sie nicht nennen, auf einer Bank, mit Rauschebärten und Stöcken, in dicken Jacke eingepackt. Ein ganz alltägliches Bild, möchte man erst meinen, solange man ihnen eben nicht auf die Hände schaut, in die blaue Tinte eingeritzt ist.

Erwähnenswert ist noch der Soundtrack des Films, den die Schweizer Band The Dead Brothers eingespielt haben und der auf dem großartigen Underground-Label Voodoo Rhythm, ebenfalls aus der Schweiz, erschienen ist. Die Dead Brothers spielen angeblich bevorzugt auf Trauerfeiern und ihre langsame, morbid angehauchte, hübsch schräge Musik, die sich irgendwo zwischen Matrosenkneipe und lakonischer Blas- und Tangomusik bewegt, macht einen dies gerne glauben. Sie runden den Film mit einer ganz eigenen melancholischen Komponente ab und tragen entschieden zu seinem Gelingen bei. Der Soundtrack, der, ohne dass ich den Film da schon gesehen hätte, zu meinen liebsten Platten des letzten Jahres zählte, wird zur Anschaffung empfohlen. Ein Stück kann man sich online hier anhören.


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