(Nicht-Berliner mögen dies Posting ignorieren)

Beim morgigen Berliner Entscheid werde ich mit "Nein" abstimmen und so der Argumentation des Senats folgen, derzufolge der Ethikunterricht weiterhin für alle Schüler verbindlich bleibt und konfessioneller Religionsunterricht freiwillig dazu gewählt werden kann.

Dass ich mich hier in aller Deutlichkeit dafür ausspreche, begründet sich in der, wie ich finde, Desinfomationskampagne der Antragssteller, der zufolge es um mehr "Freiheit" gehe. Dabei sollte es jedem klar sein, dass mit dem Freiheitsbegriff derjenigen, die ihn sich von Ikonen der Spieß- und Kleinbürgerlchkeit bewerben lassen, etwas grundsätzlich faul sein muss. Wenn dann die Sprache der Antragssteller in den berichterstattenden Journalismus schwappt, ist deutliche Positionierung geboten. So heißt es heute in der allerdings ohnehin CDU-nahen Berliner Morgenpost, morgen würde darüber entschieden, ob die Schüler in Zukunft zwischen Religion und Ethik "wählen dürfen". Richtig müsste es lauten: ob die Schüler zwischen Religion und Ethik wählen müssen.

Denn um nichts anderes als einen Zwang zur Wahl des einen Fachs zuungunsten des anderen Fachs geht es den Antragstellern. Die bereits bestehende Freiheit, gemäß der eigenen privaten Weltanschauung oder aus rein privatem Interesse konfessionellen Religionsunterricht freiwillig zusätzlich zu belegen, wäre damit dahin.

Wäre der Antrag erfolgreich, käme dies deshalb nicht nur einer Beschneidung von Lehrvielfalt gleich, es würde auch den, meines Erachtens für eine solide Charakterbildung absolut unerlässlichen Ethikunterricht unterminieren. Nur in diesem Fach stehen Grundfragen von gesellschaftlicher Erfahrung, von Fragen des miteinander Lebens und der Entscheidungsfähigkeit, der Reflexion des eigenen Handelns und der Geschichte solcher Überlegungen über den einzelnen konfessionellen Hintergrund hinaus, konkret zur Debatte. Der Ethikunterricht - in Bayern nur eine Wahlalternative, die ich seinerzeit bei Erreichen der Volljährigkeit umgehend genutzt habe, wofür ich mit dem anregendsten und spannendsten Unterricht meiner Schullaufbahn belohnt wurde - ist eine der wenigen Möglichkeiten im Schulalltag, in der Schüler konkret über ihr Handeln im Rahmen von Kulturalität und Gesellschaftlichkeit ins Gespräch kommen. Ich halte es für einen driftigen Fehler, all jenen Schülern, die sich aus weltanschaulichen oder anderen Gründen auch für den Religionsunterricht interessieren, diese Resource vorzuenthalten.

Deshalb: Nein.


° ° °




kommentare dazu:



patrick b. rau, Samstag, 25. April 2009, 17:00
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Deiner Argumentation kann ich nur beipflichten.

Auch in Baden-Württemberg war Ethik nur eine Wahlalternative, die ich seinerzeit genutzt habe.

Mal sehen, ob ich auch morgen abstimmen gehe. Letztes Jahr, als es um Tempelhof ging, habe ich keine Lust gehabt.


thgroh, Sonntag, 26. April 2009, 14:03
fände ich jetzt blöd, wenn in zukunft wahl- und verzichtszwang herrscht, weil in berlin heute das wetter schön ist und die leute lieber im park oder sonstwo liegen.


patrick b. rau, Sonntag, 26. April 2009, 15:05
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Oder weil Patrick B. Rau seine Unterlagen verschlampt hat, wie er zu seinem tiefsten Bedauern eben feststellen musste.


thgroh, Sonntag, 26. April 2009, 17:11
zum wählen reicht ein personalausweis, die unterlagen sind vollkommen egal! dein wahllokal kannst du hier ermitteln.


patrick b. rau, Sonntag, 26. April 2009, 18:55
Vielen Dank
Hat prima geklappt. Ich war nicht der Erste, der ohne Unterlagen aufkreuzte.

"Keine Unterlagen? - Sie müssen aus der Sponholzstraße sein. Die scheinen das da alle etwas lockerer zu nehmen."



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