Montag, 24. November 2003
Nicht nur die offensichtliche Zitation von Monty Normans berühmtestem Filmmusikthema, auch die Charakterzeichnung des Helden Hugh "Bulldog" Drummond (Richard Johnson), wie überhaupt dessen Gesichtszüge und die Verwendung der deutschen Synchronstimme von Sean Connery, lassen keinen Zweifel: Hier wird sich ohne Scheu an James Bond angelehnt. Auch die stellenweise reichlich abstrus konstruierte Geschichte ist am großen Vorbild orientiert: Ein skrupeloser Bösewicht hat sich aufgemacht, um sich mit allerlei Finten und Tricks - darunter auch so Kleinigkeiten wie etwa Mord - an den Ölkonzernen zu bereichern, diese gegenseitig auszuspielen und, wenn es sich einrichten lässt, zumindest die ökonomische Weltherrschaft an sich zu reißen. Ein Squad so verführerischer wie gefährlicher Frauen, die titelgebenden "Heißen Katzen", dient ihm beim trickreichen Ausschalten seiner Gegenspieler. Hierfür nun wiederum scheint Emma Peel ein wenig Patin gestanden zu haben, die in Mit Schirm, Charme und Melone, in den 60ern ebenso überaus erfolgreich, mit ähnlich aufreizendem Effekt im TV gelegentlich zur Waffe griff. Man kann der Ökonomie des B-Movies - "Reize aus, was der zahlfreudige Kunde bereits kennt und schätzt, und verdopple es!" - förmlich beim Arbeiten zusehen.

Dies ist nicht ohne Reiz. Wo das kommerzielle Vorbild, dem Markt gegenüber zum Kompromiss verpflichtet, zurückhalten und sich auf Andeutungen beschränken muss, kann das weit kostengünstigere und somit von den Geschmäckern des Konsens weit unabhängigere B-Movie all das ausformulieren, was einem James Bond verwehrt bleiben muss. So gehen Irma Eckmann (60ies Schönheit Elke Sommer) und Penelope (Sylva Koscina) so kaltblütig wie bezaubernd an ihr Handwerk und der Film auffällig zynisch an seine Erzählung: Ohne für einen Moment lang das dekorative Lächeln zu verlieren, werden ganze Flugzeuge mit Besatzung in die Luft gejagt, naive Jungmänner, die allzu leicht den Reizen der beiden verfallen, gefoltert und deren Appartements zerstört, unliebsame Gegenspieler mit Gift gelähmt und in den höchsten Etagen eines Hochhaus über den Balkon geworfen. Dies alles geschieht seitens der "Katzen" mit einer Leichtigkeit vor eleganter 60ies Kulisse, dass es kaum noch Wunder nähme, wenn im nächsten Moment die fröhlich plappernde Audrey Hepburn als Holly Golightly mit ihren Einkäufen von Tiffany's durch die Tür herein käme. Ein prägnanter Bruch, denn wer würde dieser bezaubernden Holly Golightly, der die "Katzen" im Auftreten durchaus ähnlich sind, ein derartig rabiates Verhalten unterstellen?

Auch ansonsten weiß der Film durch den Charme naiver Unbekümmertheit zu überzeugen. Dass es kaum Drummonds kriminologisches Geschick ist, das ihn quer durch Europa ans Mittelmeer bringt, um dort, auf einem Schloß, den Vigilanten zu konfrontieren, sondern wenig nachvollziehbare Schlussfolgerungen und bemerkenswert glückliche Zufälle, fällt da kaum ins Gewicht, dient eher schon dem Amusement, wie auch der Umstand, dass es keineswegs Drummonds Fähigkeiten geschuldet ist, dass die beiden "Katzen" sich selbst zum Ende hin ein denkbar vermeidbares Bein stellen. Wie überhaupt der Showdown: Als Kulisse dient dem ein Schachspiel auf saalfüllendem Spielbrett mit überlebensgroßen Figuren, die - Superverbrecher haben immer Zugriff auf die neuesten technologische Gadgets - mittels Computerspracherkennung gesteuert werden. Das große Spektakel, mit dem ein Bond sich zu beschließen pflegt, bleibt zwar aus, doch reizt die Idee dahinter, das Skurrile des Sich-Für-Nichts-Zu-Schade-Seins, solange es dem knalligen Effekt zu dienen weiß.

Was bleibt? Die filmische Version eines kleinen Abenteuer-Groschenromans mit reißerischem Cover in knalligen Farben vor mediterraner Spielfläche, der einem die ganz große Show verspricht, dieses Versprechen schon allein aus finanziellen Gründen nicht zur Gänze einlöst, im Zuschauer aber, ganz britischer Charmant, augenzwinkernd einen Komplizen sucht und diesen dort - sofern Bereitschaft besteht, sich auf diese Räuberpistole einzulassen - auch ohne weiteres findet. Und alleine schon Elke Sommer, die im wesentlichen, wie immer, sich selbst spielt, ist als sardonische Killerin eine Sichtung wert.

Die qualitativ überzeugende DVD erschien jüngst bei Koch Media.

>> Heiße Katzen (Deadlier than the Male, Großbritannien 1966)
>> Regie: Ralph Thomas
>> Darsteller: Richard Johnson, Elke Sommer, Sylva Koscina u.a.

imdb | elke sommer: tv-termine


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Einen der ältesten Western der Filmgeschichte, The Great Train Robbery von Edwin S. Porter aus dem Jahr 1903, gibt es hier zum kostenfreien und legalen Download in verschiedenen Formaten von American Memory.



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[via ronsens ]


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22.11., Heimkino

Dass man mit dieser Adaption eines erfolgreichen italienischen Comic Serials auf den populären James-Bond-Zug aufspringen wollte, ist offenkundig. Alles ist vorhanden: Lounge-Atmosphäre im futuristischen 60ies Look, die augenzwinkernde Eleganz, mit der jede brenzliche Situation gemeistert wird, das gute Leben eines Manns von Welt, der schnelle Wägen fährt und leichtbekleidete Frauen an der Taille umfasst. Und trotzdem: Der Held, ein dem französischen Fantômas nicht unähnlicher, maskierter Superverbrecher namens Diabolik (John Phillip Law), ist nicht etwa ein Lebemann, aber dennoch Vertreter bürgerlicher Ideologien, sondern ein hedonistischer Outcast, der ähnlich wie Batman in einer modischen Hi-Tech-Höhle lebt, vornehmlich den Staat beklaut und dessen Symbole und Vertreter der Lächerlichkeit preis gibt. Nicht nur sämtliche Steuerbehörden des Landes werden in die Luft gesprengt, auch das gesamte eingeschmolzene Goldvermögen der Nation in Form eines übergroßen Goldbarrens ist für ihn lohnendes Ziel. Und beinahe schon beiläufig sabotiert er eine live im TV übertragene Pressekonferenz des Innenministers, der, Diaboliks Spielereien gegenüber machtlos, die Wiedereinführung der Todesstrafe verkünden will, mit Lachgas.

Es ist dies die erfrischend unmoralische Würze, die das italienische Genrekino seit jeher zu dieser oft belächelten Schatzkammer der Filmgeschichte macht. Und mit Mario Bava, dem Meister des farbverliebten Filmemachens, der fast noch aus jedem B-Movie mit seinem Hang zum Ästhetizismus eine aufregende Achterbahnfahrt durch die Welt der filmischen Konventionen gemacht hat, war obendrein noch der für diesen Stoff geeignetste Regisseur verpflichtet.

Die dramaturgische Struktur gleicht sich dem Comic-Vorbild an und erzählt dergestalt eine zwar zusammenhängende Geschichte - im wesentlichen Inspector Ginkos (Michel Piccoli) Jagd auf den meist im Catsuit zu Werke gehenden Superverbrecher -, unterteilt diese aber in episodische Etappen mit kleinen Höhepunkten. So bleibt zwar zum Schluß das ganz große Knallbonbon, das man sich angesichts des unbekümmert zur Schau gestellten wilden Gestus eines angenehm unverkrampften Unterhaltungskinos erwartet hatte, aus - dafür gibt es einen leicht absurden Cliffhanger, an dem der Film genauso gut hätte weitergehen können, ein Sequel wurde trotz großen Erfolgs leider nie gedreht -, doch stellt sich ein rasantes Erzähltempo ein, das durch seine stete Verabreichung kleiner bis größerer Schauwertspitzen den freudigen Zuschauer bei Laune hält. Gewiss, man hat schon brillantere Drehbücher gesehen, doch bezieht Danger Diabolik seinen Reiz auch nicht etwa durch den sukzessiven Spannungsaufbau eines clever durchgezogenen Coups, man ist vielmehr im besten Sinne naives Spektakel, das sich aus der grundehrlichen Sehnsucht nach dem Ausbruch aus kapitalistischen Widersprüchen und dem Versprechen dessen Möglichkeit speist. Diabolik ist kein despotischer Blofeld oder der Prototyp eines Faschisten wie Dr. Mabuse. Nein, er ist unbekümmerter Anarchist. Aber einer, der Geld, vor allem dessen reichhaltiges Vorhandensein, noch zu schätzen weiß. Er ist der Mensch, der die hohlen Versprechungen der Reklamewelt beim Wort nimmt und einfordert, was ihm zusteht. Ein Materialist also auch, was die Kamera mit wenigen Einstellungen kommuniziert: Kaum in seiner Höhle angekommen, kann sie ihn nur noch in wechselseitiger Beziehung verschränkt mit der edlen Einrichtung in Szene setzen.

Morricones Soundtrack (hier ein sehr schöner, großformatiger Coverscan) unterstreicht diese sorglos wattige Atmosphäre eines angesichts der Erzählung paradox anmutenden unschuldig gebliebenen Luxus. Ein loungiger Swing mit verführend trällernden Frauengesängen unterlegt die Popart-Bilder. Das klingt nach Sekt auf Flokatis, Patton-Einrichtungen, Seifenreklame und Panoramablick. Eine Welt, aus der das Elend der Lohnarbeit siegreich vertrieben wurde.

Bava, für den Film vor allem Kameraarbeit und - hier nicht ganz so deutlich nachzuzeichnen wie andernorts - Ausleuchtung bedeutet, hat das Geschehen mit ganz wunderbaren Raumstrukturierungen in den Bildkader gepresst. Die Welt reinster Oberflächligkeit, die hier entworfen wird, kann im Spiegel nur den besten Verbündeten finden, folgerichtig genießt das filmgestalterischen Experiment damit hohe Priorität. Der Raum, den Diabolik wie kein zweiter in diesem Film beherrscht, ist immer wieder Adressat inszenatorischer Anschläge: Spiegelbilder erweitern ihn in seiner Beengung, Fernsehbildschirme wandeln sich nahtlos zur eigentlichen Perspektive, die Tiefe des Filmbildes dient allein der Aufsprengung des Raums durch Bewegungsdynamik: Alles ist der Optik unterworfen.

Ein Kino des Sehen-Wollens, der Lust am Sehen also. Das Auge als oberste erogene Zone, das im italienischen Genrekino eine vorrangige Position genießt. Seien es Bronsons scopeleinwandfüllende Augen vor dem entscheidenen Duell oder später Fulcis wiederholten und lustvoll in Szene gesetzten Attacken gegen das Sehorgan im Close-Up. Auch Danger Diabolik kann kaum anders als im Vorspann mit einer Großaufnahme der Augen zu beginnen, wie überhaupt das Kostüm den Körper in der Nacht egalisiert, die Augen aber betont. Am Ende dann ein Augenzwinkern, komplizenhaft in Großaufnahme: Alles gar nicht ernst gemeint. Als ob wir anderes erwartet hätten!

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the mario bava webpage | ars incubi - das mario bava archiv | heroin in strampelhosen - italienische superhelden im einsatz (christian keßler)


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