Sonntag, 8. August 2004
schon vor einiger Zeit im Heimkino gesehen

Nur um das nochmal betont zu haben: Der Moment, als Christina Ricci ihre trotzige Schnute zu einem Grinsen hinfaltet, als da zwei oder noch mehr Knoten auf einmal durch ihr Gesicht wandern, der ist schon extrem großartig. Da habe ich den Film für eine Sekunde innig geliebt. Schade, dass der eigentlich viel unterhaltsamere Nebenplot im Sommercamp, dem diese Akkrobatik entstammt, zugunsten des zunächst spaßigen, jedoch zunehmend ungelenk über die eigenen Füße stolpernden Hauptstrangs so untergeordnet abgewickelt wurde.

imdb | mrqe


° ° °




Heute auf dem Flohmarkt auf dem Boxie. Ein Stand von 'nem Typen, der eher etwas schmierig wirkt, aber viele schöne Bücher verkauft. Und dann auch Super8-Filmrollen. Mit alten Spielfilmen drauf. Ein Typ, mehr so, ich sag mal, Student im negativen Sinne, hat sich schon knapp 10 Rollen unter den Nagel gerissen, irgendwelchen alten Action-Cheese aus den 70ern, vornehmlich des euopäischen Kinos, er verhandelt gerade den Preis. Ob er dann nicht noch die beiden anderen Rollen hier wolle, ich erkenne einen Schriftzug Die Filzlaus und dann Der Gelbe Taifun, ich schließe auf einen Eastern. "Ja, neee, ich weiß ja nicht, ob da die Filme auch komplett drauf sind", entgegnet der Student. Ich schalte mich ein, hoffe darauf, entweder einen Unkundigen zu erleuchten, oder aber von einem Kundigeren erleuchtet zu werden. "Damit kannst Du aber generell nicht rechnen, auf Super8 waren die Filme so gut wie immer aufs wesentliche reduziert, die Du da in der Hand hältst sind bestimmt auch nicht komplett. Das ist doch der Reiz dran, Star Wars dauerte damals nur 20 Minuten in den eigenen 4 Wänden", meine ich. Er lächelt leicht blöde, etwas peinlich berührt, vielleicht auch ertappt oder er hat einfach nur Mitleid mit einem armen Licht, das in mir auszumachen er sich, in diesem Falle, sicher sein will. Richtig einordnen kann ich's jedenfalls nicht. "Aber wenn ich die schon kaufe, sollen sie auch komplett sein, wäre doch doof!", beginnt der zu jammern. Meine Güte, denke ich mir, und schalte mich gleich aus dem Gespräch wieder aus. Meine Güte, wer kauft sich denn bitte Super8-Spielfilme, um einfach nur 'nen Film zu sehen? Hier geht's ums Material, möchte ich ihn angehen, um dessen spezifische Ästhetik, um die Haptik beim Einlegen, das Flackern des Bildes, Kratzer, Verschleiß, um den Projektor und sein verträumtes Rattern, die Kunst, einen Film von zwei Stunden Länge auf eine Länge zu schneiden, die noch jede Vorabendserie zu unterbieten weiß. Mir schwant fürchterliches. Ein Profilierungssüchtiger klaubt sich aus Hipness Liebhaberware zu Spottpreisen unter den Nagel. "Hey Leude, wollnwa nicht mal so Super8-Filmabend machen, habe da jetzt'n paar Filme vom Flohmarkt, ist doch voll cool!", höre ich ihn schon zu seinen Freunden sagen und werde innerlich aggressiv. Auf den Typen, wie auf den Händler gleichermaßen. In einem Karton finde ich dann noch ein paar Pornoklassiker der frühen 70er, ebenfalls auf Super8, namhafte Titel. "Die kannst Du nicht verkaufen", sage ich zu ihm, "die gehören in ein Museum, in ein Archiv!"

Er grinst mich scheel an. Er meint wohl, ich hätte einen schmierigen Witz gemacht. Von Pornofreak zu Pornofreak. Eine etwas ältere Frau hat sich von ihm gerade irgendwelche Hoch- und Weltliteratur verkaufen lassen und kuckt mich skeptisch aus dem Augenwinkel an, wendet sich, wohl leicht angeekelt, ab. Das war kein Witz, es war mein voller Ernst. Ich ziehe ab, lasse die traurige Szene in ihrer Gänze hinter mir.


° ° °




Die Situation verschlimmere sich, es herrsche Konfusion, von Legasthenie ist die Rede, von der Abnahme von Schreib-, Lese- und somit Sprachfähigkeit. Und dann das große Wort: Verantwortung. Für die nachfolgenden Generationen möglich. So hier, neben Aust, Döpfner, Vorsitzender der Springer AG. Ob in Folge nun auch das bei Springer erscheinende Zentralorgan für Versaubeutelung der deutschen Schriftsprache eingestellt wird, wurde indes leider vergessen zu erwähnen. Wird aber wohl schon so sein. Weil Verantwortung und so.

Unterdessen erlitt Aust auf AOL einen herben Rückfall in die alte, also neue Rechtschreibung:

"Als jetzt die Kultusministerkonferenz entschieden hat, dass im nächsten Jahr diese merkwürdige Reform auch noch Pflicht werden soll, da haben wird gedacht, jetzt müssen wir etwas tun, um diesem staatlicherseits verordneten Schwachsinn Grenzen zu setzen", sagte Aust.

Welch Dolchstoß! Döpfner, lassen Sie sich solche Kapriolen nicht gefallen!


° ° °




Thema: literatur
Das mitunter Schöne an Klang der Zeit von Richard Powers scheint mir, dass es bereits im ersten Kapitel - "Dezember 1961" - sein ganzes Konzept ausbreitet, alle Falten der Handlung schon impliziert, man es aber trotzdem erst später, beim gelegentlichen Zurückblättern und Nachschlagen, bemerkt. Zunächst eingenommen von der bloßen Fabulierkunst - Stichwort: Strandbuch - liest man da glatt drüber hinweg, hat's dann auch bald schon, eigentlich, vergessen, was da auf den ersten Seiten stand. Bei 700 Seiten Hardcover auch kein Wunder, denke ich. Dann der gelegentliche Blick zurück in den Anfang und es ergibt sich, trotz aller vermeintlich willkürlicher Sprünge und freier Assoziationen - eine Perlenschnur. Was das "cinematographischer Roman" auf dem Backcover als Hinweis soll, darf man sich aber wohl zurecht fragen. Gewiss ist da gelegentlich die Simulation filmischer Schnitttechniken zu spüren - Herauszögerungen, Locationwechsel, usw. -, aber trotzdem scheint mir das doch in erster Linie "literarische Literatur" zu sein. Whatever.

Bislang die Hälfte durch, bis spätestens 16. August will der Rest gelesen sein, sonst setzt's Gebühren bei der Bibliothek. Ob das nun ganz große Literatur ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Ein mal wieder rundum schön zu lesender, hie und da ganz und gar nicht unintelligenter Roman ist er jedoch - auch wenn der manchmal schon verkrampft liberale Gestus bisweilen ein bißchen arg in den Vordergrund gekehrt wirkt - allemal. Für mich als Freund des Taschenbuchs im übrigen auch eines der wenigen Hardcover, das ich mir lieber in dieser Form ins Regal stellen würde. Scheint mir passender. Vielleicht werde ich aber auch einfach nur älter.

perlentaucher


° ° °




Thema: Hoerkino
Dass der Northern Soul mit die schönsten, bezauberndsten, mitreißendsten Musiken hervorgebracht hat, die je menschliche Ohren umschmeichelten, ist bekannt (sage ich jetzt mal). Ein wahres Wunder dieser, wenn man so will, Gattung ist aber Bobby Lynns Earthquake. Fast schon mirakulös wie es dieser Song schafft mir jeglichen - jeglichen! - Ärger von der Seele zu zaubern. Und das mit einfachsten Mitteln. Das ist zu Musik geschmolzenes Gold, kein Zweifel.

Wundervoller Nachtrag: Der ohnehin nicht genug zu küssende Soulclub bietet den Song doch in der Tat als qualitativ zu überzeugen wissenden RealAudio-Stream an (neben zig anderen Songs).


° ° °




Einmal im Jahr kehrt das ansonsten lebens- und liebenswerte Friedrichshain seine im Alltag gut versteckte hässliche Fratze nach außen. Dann ist Bierfest auf der Karl-Marx-Allee. Das sieht dann so aus, dass auf der Strecke von drei U-Bahn-Stationen eine Seite der Allee Düsseldorf Konkurrenz macht. Stehbude an Stehbude, Bierseligkeit, Gegröle, Geprolle. Heute war's mal wieder soweit.

Hab's mir tatsächlich mal angetan. Bin die Strecke vom Frankfurter Tor bis zum Kino Kosmos gelaufen, bzw. habe mich durch die Masse gezwängt. Kenner wissen, dass die Strecke mit "Katzensprung" übertrieben weit bemessen wäre. Dennoch war's 'ne lange Qual, dann Resignation, schnelle Rückkehr zur Wohnung. Was für ein Ekel, der einen da befällt. Arschgesicht an Arschgesicht. Blöde, blödere Sprüche als Meterware. Möchte nicht wissen, wieviele Frauen heute nacht mit eindeutiger Absicht abgefüllt und dann nach Strich und Faden durchgebumst werden. Von diesen Testosteron-Anabolika-Ekelpaketen mit ihren Outfits zwischen Neonazi und Hooligan. Wie diese Typen mit ihren aufgebretztelten Ischen zu solchen Events immer massenweise aus ihren hässlichen Wohnungen gekrochen kommen. Ein einziges Elend, in dem sich diese Menschen suhlen. Von der Ferne gröhlt deren Ungeist noch durch das offene Fenster. Morgen geht's dann wieder Menschen und sich selbst drangsalieren. Bloß keine Lebensqualität wagen. Ihr gottverfluchten Arschlöcher.


° ° °




"I have always been fascinated by the idea of weird and somewhat inaccessible libraries full of books filled with marginalized or forgotten knowledge: the forbidden books supposedly hidden away in the bowels of the Vatican, the "Enfer" of the Bibliothèque Nationale de Paris, fictional libraries like the book collection of Roderick Usher or the vast underground archive in the Australian desert used by giant crustaceans, described in Lovecraft's "Shadow Out of Time"."

Dead City Library

[gewissermaßen via Desolate Market, ein Blog der stets wachsenden Jump-Cut-Blogfamilie]


° ° °