Dienstag, 30. Mai 2006
Neulich in der finnischen Provinz: Der sonnenstudiogebräunte und hold belockte Jyrki ist nicht nur Besitzer der lokalen (und ziemlich ekligen – vegetarians, be warned!) Wurstfabrik, sondern auch ein Womanizer vor dem Herrn. Kaum ein Weibchen im Dorf, das er sich noch nicht angelacht hätte. Zwar wurmt das seine Gattin schon, doch duldet sie die Spielchen. Überspannt wird der Bogen jedoch, als er sich an die Freundin von einem seiner Fabrikarbeiter ranschmeißt. Der schnappt sich seinen Kumpel und schlägt den Fabrikbesitzer in dessen Büro kurzerhand zusammen. Blöd alleine, dass Jyrki dabei gleich vollends aus dem Leben scheidet.

Es folgt das übliche Spiel: Leiche wegschaffen, Zeugen bestechen, mit dem eigenen Gewissen hadern undsoweiter undsofort. Und in die Leerstelle des sozialen Gefüge der kleinen Ortschaft, die Jyrki hinterlässt, strömen bald allerlei Machtkämpfe und Übervorteilungen...

Kukkia ja Sidonataa bringt eigentlich alle Zutaten für eine hübsch schwarzhumorige Komödie über die conditio humaine mit. Ein bisschen Mord, ein bisschen Missgunst, eine störende Leiche, die eine oder andere unerwartete Wendung, nicht zuletzt ein großes Arsenal von Figuren, die allesamt an ihren Alltagsproblemen und Neurosen zu scheitern scheinen. Trotzdem, so recht mag das Gericht nicht munden. Die Figuren bleiben blass, ihre Handlungen wenig motiviert, der Humor blitzt nur an wenigen Stellen durch, überhaupt scheint der Film nicht so recht zu wissen, ob er nun Drama, Komödie oder Krimi sein will.

Auffällig ist hingegen die Präzision der fahrig durchs Geschehen huschenden Handkamera, die zwischen den erstaunlich kurzatmig gesetzten Schnitten immer wieder mit Effizienz ihre Bilder und entscheidenden Details einfängt. Insgesamt jedoch nur mäßig gelungen, zuweilen unkonzentriert.

imdb


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Das Kino Babylon Berlin-Mitte zeigt am 02., 03. und 07.06 Between the Devil and the Wide Blue Sea, den neuen Dokumentarfilm von Romuald Karmakar. Aus der Pressemitteilung des Kinos:
»Eine fast ethnographische Beobachtung der hochkarätigen elektronischen Musikszene der Saison 2004 / 2005: Vor der Kamera von Romuald Karmakar produzieren sich Actswie Alter Ego, Cobra Killer, Tarwater, T.Raumschmiere, Rechenzentrum und Xlover. In überwiegend langen Einstellungen gefilmt, erhält jede dieser Musikgruppen ihren Auftritt - ohne Kommentar und Interview. Karmakars Anliegen ist es, die gegenwärtig so einflussreiche, jedoch filmisch wenig beachtete Undergroundkultur jenseits gängiger Fernsehclipästhetik zu dokumentieren. Ein Monument der Direktheit.«
Am 07.06. wird der Film obendrein in Anwesenheit des Regisseurs mit anschließendem Gespräch gezeigt. Von Karmakars bisherigen Filmen aus zu schließen, wage ich die Prognose, dass hier ein spannender, sehenswerter Film zu erwarten steht - meine dringende Empfehlung!


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Thema: Hinweise
Ich bin noch nicht dazu gekommen, den Text zu lesen. Aber wenn Georg Seeßlen seine (sehr ausführliche) Besprechung im Freitag des jüngst angelaufenen Films Hitlerkantate schließen lässt mit den Worten:
»Hitlerkantate ist einer der notwendigsten Filme über den Faschismus letzthin, nicht nur für sich selbst, sondern vor allem auch für die Entwicklung dieser Bilder-Geschichte. Es ist der Film, der uns sagt, dass das Denken in den Bildern noch nicht abgeschafft ist.«
dann lässt mich das aufhorchen. Mag ich Seeßlens Darlegungen zum kommerziellen und populären Kino doch nicht mehr so recht folgen in letzter Zeit (weil es doch immer wieder auf die selben Begriffe runterbricht und sich nennenswert Neues nicht mehr anzufügen scheint), so halte ich doch sehr viel auf seine Auseinandersetzungen mit dem Faschismus und der deutschen Geschichte im Kino. Hitlerkantate hatte ich im Vorfeld, vielleicht vorschnell, als einen Hitlerfilm mehr abgebucht, als ein weiteres Stück Filmförderfilmkultur, das ein bisschen Historienkitsch der Fördergelder wegen ein wenig aufpoliert. Offenbar weit gefehlt, wenn man Seeßlen folgen darf.


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