Montag, 30. Oktober 2006
Thema: TV-Tipps
Morgen abend zeigt arte (aller Wahrscheinlichkeit nach - siehe unten) Dario Argentos 1977 entstandenen Hexen-Horrorfilm Suspiria. Auf der Website des Senders gibt es eine kleine Infosite, sowie ein Interview mit dem hierzulande so gut wie unbekannten, in Italien aber (wie mir filmkundige Italiener immer wieder bestätigten) höchst prominenten Regisseur.

Der Film ist in Deutschland, wie so viele weitere Arbeiten Argentos, bislang indiziert. Die Indizierung ist ein Verfahren, das immer wieder und vor allem Horrorfilme trifft, was nicht nur in dem Maße ärgerlich ist, dass erwachsenen Menschen auf eine sehr schwammige Art und Weise Filme vorbehalten werden (ja, ich weiß, die Filme sind nicht "verboten", sie sind sogar käuflich erhältlich; unter Ladentischen und auch nur in gesonderten Räumen und ohne Werbung drumrum - und jetzt fragen Sie sich mal, ob das nicht hinreichend Gründe in der Marktwirtschaft sind, indizierte Filme überhaupt erst gar nicht ins Sortiment zu nehmen...), sondern auch, weil entscheidende Bewegungen im Horrorgenre auf Grund solcher Interventionen hierzulande kaum nachvollzogen werden können, sich also auch nur schwerlich eine adäquate Form von Auseinandersetzung, Einsortierung und Kritik (also allem, was zivilisierend wirken könnte) entwickeln kann. Eine Bewegung ist beispielsweise diejenige, die sich zwischen barockem Kunstfilm und hyperbolischer Drastik des späteren Horrorfilms vollzieht; ein Entwurf, für den Argentos Kino ein typischer Vertreter ist und der vor allem im angelsächsischen Sprachraum schon häufig als Gegenstand für film- und kulturwissenschaftliche Auseinandersetzungen figurierte.

Jedenfalls, die Tatsache der Indizierung impliziert zweierlei:

1) Es ist ungewiss, ob arte den Film überhaupt zeigen kann. Ein User des Forums von cinefacts.de hat beim Sender nachgefragt und die Antwort erhalten, dass sich die Rechtsabteilung des Senders noch uneins sei; die Entscheidung werde wohl in letzter Sekunde fallen, heißt es in der hier wiedergegebenen Antwortmail.

2) Der Film darf nicht beworben werden, weshalb ich dieses Posting dringend nicht als Genussempfehlung, sondern lediglich als Hinweis verstanden wissen will. Ich möchte den Film aus diesem Grund nicht persönlich anpreisen (was ich könnte, wenn ich dürfte, bzw. mir sicher sein könnte, dass ich dürfte), sondern die Ausstrahlung, so sie denn stattfindet, als Dokumentation dessen empfehlen, was einem - dank indizierender Eingriffe der dafür zuständigen Gremien - zuweilen vorenthalten wird, und wie wenig sinnvoll solche Maßnahmen zumal in Fällen solcher Zwitterfilme - wie Suspiria einer ist - erscheinen, in denen die Frage nach dem justiziablen Grundcharakter - sozial-ethisch desorientierende Gewaltverherrlichung oder durch das Grundgesetz geschützte Kunst - nicht mehr ohne weiteres mit der souveränen Geste eines erfolgreichen Indizierungsbeschlusses beantwortet werden kann.

Weiterhin halte ich den Film als angehender Film-, Kultur- und Medienwissenschaftler auch aus rein wissenschaftlichen Gründen für interessant und dies vor allem auch aus einer filmhistorischen wie filmhistorisch-ästhetischen Perspektive. Der Gebrauch von Filmfarben und die sich daraus ergebende materialästhetische Reflexion suchen ihresgleichen; ohne weiteres meisterlich und beispielhaft ist seine Konzeption einer überwältigenden Wirkungsästhetik, die sich vor allem aus dem Gebrauch grundlegender filmischer Mittel ergibt (und eben nicht so sehr aus dem bloßen Motiv der gewaltsamen Öffnung von Menschenkörpern). Überhaupt nimmt der Film aus filmhistorischer Perspektive eine Schlüsselposition im oft genug aus unverständlichen Gründen übergegangenen Zusammenhang des italienischen Kommerzkinos ein: In Suspiria erfährt der vor allem an Schauerästhetik orientierte Italohorrorfilm, wie er durch Bavas Maschera del Demonio als Filmzusammenhang mitkonstituiert wurde, seine Apotheose und wendet sich zugleich final jener leicht surrealen Entrücktheit zu, welche die hiesige, zumeist konfessionell angehauchte Filmkritik immer etwas zu voreilig als mangelnde, narrative Kohärenz bemäkelt hatte. Indem sich der Film von einer gegenständlichen Wiedergabe einer Abfolge kausaler Kontingenzen geradewegs ablöst, erweist er sich nicht nur als anschlussfähig an die (zumal deutsche) literarische Schauerromantik des 19. Jahrhunderts, sondern weist auch schon die Richtung zu einem späteren, eher simulakralen Kinoentwurf.

Sicher, der Film ist in mancher Hinsicht drastisch. Ihm dies vorzuwerfen, hieße aber, ihm sein Genre vorzuwerfen: Der Horrorfilm im Allgemeinen handelt nun einmal von einem ganz grundlegenden Aspekt des menschlichen Daseins und menschlicher Wahrnehmung und Empfindung: Von der Angst, und zumal von ihren irrationaleren Ausformungen. Dies macht beileibe noch nicht jeden Horrorfilm automatisch zu einem guten; indem Suspiria aber eben nicht bis in die letzte Instanz rationalisiert, sondern eher vage Zustände und Verfassungen sucht, bekommt er gerade die Angst als Irrationales zu fassen. Und es weist sich in diesem Falle - und deshalb empfehle ich die Sichtung als Nachvollzug eines Beispielfalls aus der Kulturgeschichte hiesiger Zensurpraxis - , dass Drastik alleine keinen Unterschlagungsgrund darstellt, solange ihre ästhetische Einbettung in die integrale Gestalt des Films als ihr Kontext nicht einmal im Ansatz berücksichtigt wird.

Im übrigen denke ich, dass die Bundesprüfstelle für jugendgefährende Medien abgeschafft werden sollte.


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