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Montag, 27. November 2006
Thema: good news
Last Days, Gus van Sants hervorragende (und intensive) Kinomeditation über die letzten Tage und Stunden von Kurt Cobain, kommt hierzulande doch noch ins Kino! Kinostart ist der 11.01.2007. Einmal mehr beweist der Verleih Alamode begrüßenswerten Wagemut und um die Filmkultur bemühtes Engagement - großartig!


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Und weil ich gerade schon von Mitternachtsfilmen gesprochen habe: Am 03.12. läuft im Arsenal Eraserhead im großen, tags darauf im kleinen Saal. Ein Film, für den man das Rauchverbot im Kinosaal eigentlich kippen müsste: Eraserhead sollte in einem fort Kette rauchend und Whiskey trinkend überdauert werden. Es werden im Dezember noch weitere Filme von Lynch gezeigt: Blue Velvet, Lost Highway und Mulholland Drive. Alles veritable Geisterbahnen, wenngleich er auch nur mit Lost Highway überhaupt nur wieder in die Sichtweite jenes Wahnsinns kam, den er uns mit Eraserhead als Film schenkte.

Sie merken vielleicht: Ein Lieblingsfilm.



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Sechs billig produzierte Filme hätten in den 70er Jahren, so die Eingangsthese von Samuels Dokumentation, die Filmwelt für immer gewandelt. Die Rede ist von den so genannten "Mitternachtsfilmen" - genauer: El Topo, Night of the living Dead, Pink Flamingos, The Harder they Come, The Rocky Horror Picture Show und Eraserhead -, die ab 1970, mit der Premiere von Jodorowskys El Topo in New York, regelmäßig Heerscharen von Anhängern hinter sich versammeln konnten. Was als Experiment im New Yorker Elgin-Kino begann - Inhaber Ben Barenholtz bot kleinen Undergroundfilmen nach dem regulären Spielbetrieb auf der Mitternachtsschiene ein Forum und verließ sich ganz auf die Mundpropaganda -, wurde alsbald von Anhängern der Sub-, Nischen- und Gegenkulturen als zelebriertes Ritual aufgegriffen und anverwandelt. Die Vorführungen wandelten sich zu drogenunterfütterten Events mit performativem Charakter, bei denen das Publikum nicht nur "seine" Filme, sondern vor allem auch sich selbst feierte; es war die Phase zwischen Glamrock und Punk, die erste Blüte einer urbanen Drogen- und Sexkultur (im Gegensatz zur welt- und stadtflüchtigen Floraphilie des drögen Hippiesumpfes). Seitdem sind die genannten sechs Filme aus der Filmgeschichte nicht mehr wegzudenken, während das Siegel "Mitternachtskino" zum allgemeinen Rubrum für abseitige, grelle, mit Schund- und Hochkultur gleichermaßen experimentierende Filmkonzeptionen geriet.

Diese Geschichte ist längst schöne Legende (mit allem, was eine solche ausmacht) und die beiden US-Kritiker Hoberman und Rosenbaum haben schon vor Zeiten ein ebenso schönes Buch darüber geschrieben, das in jede anständig sortierte Filmbibliothek gehört. Samuels' Film nun macht nichts anderes, als die prominentesten Protagonisten dieser Tage nochmals zwischen ausgesuchten Ausschnitten der genannten Filme zu Wort kommen zu lassen. Naturgemäß ergibt sich auf diese Weise lediglich ein schwärmerisches Sich-Selbst-Feiern, das auf wenigen punchlines beruht. Midnight Movies schneidet diese, immerhin gelungen, zusammen und bleibt ansonsten einfalls- und auch erkenntnislos.

Unbestritten ist, dass es eine Freude ist, den Haudegen dieser Tage beim Rakontieren zuzusehen; natürlich sind die Ausschnitte aus El Topo usw. großartig - weil die Filme es selbst ja schon sind. Klar kann man hier ins Schwärmen geraten und sich an eine Kinozeit (die man selbst ja nicht erlebt hat) 'erinnern', in der es noch möglich war, dass ein Film monatelang um Mitternacht lief und die Vorführungen zu dekadenten Parties gerieten. Hier triggert der Film, natürlich, die richtigen Buttons; nur ist dies eben auch die denkbar einfachste Übung, da die Anhängerschaft solcher Filme bis heute zur Romantik neigt (was ja auch, nebenbei gesagt, ihr gutes Recht ist).

Das heißt, lesefaule Menschen bekommen hier nochmals in ein paar wenigen Sätzen das verabreicht, was Rosenbaum/Hoberman dereinst in ein ganzes Buch gepackt haben - allerdings in Instantversion. Wieviel spannender wäre es gewesen, mal Leute zu sehen, die damals im Publikum dabei waren? Allenthalben wird davon gesprochen, dass nicht die Produktionsgesellschaft und auch nicht der Regisseur konzeptuell ein Midnight Movie dreht, sondern dass ein Film erst durch Publikumsaneignung zu einem solchen wird. Dass hier dennoch nur Regisseure und Kinoverleiher sprechen, scheint dabei keinem aufgefallen zu sein. Wo sind die Menschen von damals? Und wie konnte es geschehen, dass El Topo seinerzeit zwar mit einem hochhaushohen Werbebanner am Times Square beworben wurde - und heute nur einer Handvoll Menschen überhaupt noch ein Begriff ist? Auch die Eingangsthese - die Mitternachtsfilme hätten die Filmindustrie, das US-amerikanische Humorverständnis, usw. auf ewig geändert - wird gerademal in die letzten fünf Minuten gepackt und verpufft mangels Argumentation schon wieder beim laufenden Abspann.

Dies ist eben die Crux von Midnight Movies: Die Doku nimmt sich eines herausragenden Phänomens an - und verdoppelt nur einmal mehr alle Legenden und Anekdoten, die man ohnehin schon kennt. Als eigenständiger Film aber ist Midnight Movies selten einfallslos und allenfalls als schnelles TV-Feature zu gebrauchen; auch als DVD-Bonusmaterialien wären die Interviewsequenzen noch von Reiz. Was an diesen Film aber gefallen mag, hat er selbst nicht geleistet - und die wirklich interessanten Fragen fallen ihm erst gar nicht ein. Vollkommen unklar bleibt denn schließlich auch, was nun ausgerechnet Roger Ebert in dem Film zu suchen hat: Zwei-, dreimal sagt er einen Satz in die Kamera, und jedesmal hätte er das genauso gut auch sein lassen können.

Fazit? Mal wieder im Hoberman/Rosenbaum-Buch blättern und diesen Film hier schnell vergessen.

imdb ~ filmz.de ~ georg seeßlen


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