Montag, 25. Juni 2007
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Erst vor kurzem musste ich innerlich wieder schwer die Augen nach oben verdrehen, als ein Kommilitone im filmwissenschaftlichen Referat es sich nicht nehmen ließ, anhand einer Sequenz aus einer us-amerikanischen TV-Serie auf "die prüden Amis" hinzuweisen. Schon deshalb muss man der flickr-Kontroverse der letzten Tage - und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir in naher Zukunft noch viele weitere Spektakel solcher Art erleben werden - eigentlich im höchsten Maße dankbar sein, weil sie deutlich aufzeigt, in /welchem/ Land der westlichen Industrienationen der Jugendschutz, nimmt man ihn beim juristischen Wort, ins völlig Groteske und Bizarre entglitten ist. Ob und wie der deutsche Jugendschutz solche Manöver wie die von flickr zur deutschen Premiere eingeleiteten wirklich nötig machen oder nicht, ist dabei völlig unerheblich - es reicht alleine schon der Umstand, dass man, um auch wirklich sicher gehen zu können, angesichts einer paranoischen Gesetzeslage solche Restriktionen am besten schon im Vorfeld quasi-paranoisch in Erwägung ziehen muss.

Es ist erstaunlich, wie wenig Bewusstsein dessen herrscht, was in dieser Hinsicht in Deutschland abgeht. Da ich in einer Videothek jobbe, liegen mir Feld-Erkenntnisse sozusagen "aus erster Hand" vor. Groß ist oft das Erstaunen, wenn die Leute erfahren, dass es so etwas wie Indizierungen gibt und welche hirnrissigen Manöver diese nötig machen, will man nicht strafrechtlich belangt werden (dass die Bundesrepublik die einzige Nation des Abendlandes ist, in dem Herstellung und Vertrieb so genannter,allerdings fiktiver "Gewaltfilme" mitunter auch strafrechtlich belangt werden können, spricht dabei Bände), von Beschlagnahmungen und Verboten ganz zu schweigen.

Und schließlich sollte noch auf eines hingewiesen werden. Als in den USA "Deep Throat" an den us-amerikanischen Kinokassen in die Top5 der Jahresabschlussbilanz der Filmindustrie quasi "gewählt" wurde, drehte man in Deutschland noch strunzdumme Schulmädchenreport- und Lederhosenfilme, die an Misogynie, Verklemmtheit, Lustfeindlichkeit und Spießbürgerlichkeit kaum zu übetreffen sind. An subversive Meisterwerke wie The Opening of Misty Beethoven oder Thundercrack! ist unter deutschen Bedingungen, egal an welchem exakten historischen Ort, schon gleich nie überhaupt nur zu denken gewesen. Die Nachwirkungen dieser schwer neurotisierten Kultur sind heute noch zu spüren, wenn sie nicht noch immer alltäglich ist, betrachtet man sich etwa nur die Diskrepanz zwischen empörten Headlines, Kleinanzeigenteil und dem Altherrenwitz in Fotoform, welche die erfolgreichste Zeitung Deutschlands, im übrigen noch immer die beste Widerspiegelung der Kultur-Kloake, die dieses Land nun einmal ist, ohne mit der WImper zu zucken in sich vereint.


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Thema: videodrome
Pullquote hat eine Demonstration des Single Shot Verfahrens von Leonard Retel-Hemrich gepostet - und das Material ist so erstaunlich wie atemberaubend. Gut gefällt mir, dass es hier nicht nur um eine technische Spielerei geht, sondern dass Retel-Hemrich in der Tat nach Möglichkeiten des künstlerischen/filmischen Ausdrucks sucht. Mehr Informationen gibt es hier.

[via]



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Thema: Hinweise
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"...das ist noch roh und anarchisch und vulgär".
Die "Süddeutsche" hat Werner Herzog interviewt.



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