Thema: Berlinale 2008
16. Februar 08 | Autor: thgroh | 0 Kommentare | Kommentieren
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Dass der Experimentalfilmregisseur Guy Maddin für seinen ersten Dokumentarfilm auf eine hierfür übliche Filmform zurückgreifen würde, wird keiner ernsthaft erwartet haben: In seinem mittlerweile stattlichen Werk entwickelte der Kanadier eine im internationalen Filmgeschehen einzigartige Formsprache, die klassische Undergroundfilm-Ästhetik mit dem ästhetischen Repertoire des Stummfilms und anderer historischer Filmformen geradezu hyperbolisch eskalierend verschmilzt. Postmoderner Zitatereigen und bloß sich anschmiegende Pastiche-Ränke hingegen sind seine Sache nicht; zwar bedient sich Maddin reichhaltig aus dem Fundus der Filmgeschichte, greift diese Elemente aber lediglich auf, um sie vermittels einer hochassoziativen Montage zu einem ekstatisch-rauschhaften „stream of consciousness“ zu verdichten, der immer auch, so zumindest die Behauptung, autobiografisch eingefärbt ist: Gedächtnis und Erinnerung sind bei Maddin, so hat es den Anschein, immer schon von den geisterhaften Bildern der Geschichte besiedelt. Wenn Guy Maddin also den Spuren der Geschichte seiner Heimatstadt Winnipeg folgt, darf man annehmen, dass er hierfür vor allem in den verschütteten Schichtungen seiner eigenen Erinnerung schürft und diese in delirante Bilder umsetzt. Jeglichen Anspruch auf Objektivität verbietet schließlich schon der Filmtitel.
Winnipeg erscheint als mythologisch überhöhter Ort: In der Mitte des nordamerikanischen Kontinents gelegen, entstanden an einer Kreuzung zweier Flüsse, die immer wieder assoziativ mit dem Schoß der eigenen Mutter verquickt werden, eine Stadt, die den Großteil des Jahres eingeschneit ist und deren Bewohner Maddin als eine Horde Somnambuler darstellt. Ein Ort, der Maddin wie ein Alb auf die Seele drückt, mehr „haunting ghost“ als konkrete Lokalität, ein Ort, der ihn hervorgebracht, wenn nicht ausgespien hat, sein steter biografischer Bezugspunkt (immer wieder kommt Maddin in seinen Filmen auf Winnipeg zu sprechen), dem doch unbedingt zu entfliehen ist. My Winnipeg, ein anscheinend nötig gewordener Exorzismus: Aufwachen aus diesem Albtraum Winnipeg, von hier fliehen, das ist Maddins Programm.
Dazu gräbt er tief in der Geschichte, auf deren Episoden er die Stationen seiner Biografie bezieht. Eine Auflistung großer Männer und ihrer Taten darf deshalb nicht erwartet werden, Maddin betont das Obskure, Abseitige, Verwunderliche: Dass Winnipeg den größten Güterbahnhof Nordamerikas hat beispielsweise, oder aber er berichtet von seltsamen Stadtfesten, von verqueren TV-Serien, in denen seine Mutter (hier erstmals bei Maddin von sich selbst gespielt) mitgewirkt hat, natürlich von dem Friseursalon, in dem er aufgewachsen ist, von dessen beißenden Gerüchen, von Neben- und Hinterstraßen, vom Schnee über der Stadt und von mystischen Seancen im Rathaus unter Teilname von Politikern und Bordell-Geschäftsführerinnen. Dies alles geschieht wie in einem flirrenden Wachtraum, in Form des für Maddin so typischen, filmhistorisch informierten Gleitens durch wehmütige Erinnerungen und assoziative Gedankenfetzen, die der Regisseur im fortwährenden Off-Kommentar einbaut.
Je tiefer Maddin gräbt, umso mehr Schichten der Stadt, wie seiner Persönlichkeit, legt er frei. „A City of Palimpsests“, sagt er an einer Stelle in einer Mischung aus Abscheu und Faszination. Dabei geht es ihm, im Endeffekt, genau um die Rettung dieser historischen Schichten: Denn dies alte Winnipeg, in dem Maddin aufgewachsen ist, droht vom Modernisierungsschub unaufhaltsam verdrängt zu werden. Das alte Eishockeystadion, in dem die Winnipeg Maroons manch glorreichen Sieg davontrugen, an das Maddin goldene Kindheitserinnerungen knüpft, in dem seit Jahrzehnten jener charakteristische Duft aus Männerschweiß und Pisse durch die Gänge zieht, muss einer seelen-, also geister-, da geschichtslosen Shopping Mall weichen, derweil ein neues, für Maddin gänzlich uninteressantes Stadion an anderer Stelle aufgebaut wird. In diesen Momenten erwacht der Filmträumer Maddin und lässt als Kommentator des aktuellen Stadtgeschehens seinem narzisstisch eingefärbten Zorn freien Lauf; um die Hässlichkeit des bloß Präsentischen herauszustellen, werden in solchen Spitzen die traumwandlerischen Schwarzweißbilder durch lediglich die blanke Materialität der äußeren Erscheinung transportierende Digitalfotografien verdrängt, so dass man erbarmungslos mit der Nase voran auf das Pflaster der Realität gestoßen wird.
Die Reise in Guy Maddins Heimatstadt entspricht einer Reise in Guy Maddins verkarstete Neurosenwelt, sein Verhältnis zur Stadt entspricht, ganz psychoanalytisch, dem zwischen Mutter und Kleinkind: Zwischen verzehren wollender Liebe und drangsalierendem Hass. Maddins Flucht muss – wie die von der Mutter - notwendig erfolglos bleiben: Mit seinem wunderbaren Doku-Biography-Amalgam My Winnipeg setzt er seiner Stadt ein eigenwilliges, dunkel glitzerndes Denkmal und verschweißt sich so noch mehr mit ihr. Ohne Winnipeg ist Maddin nicht denkbar, und jetzt, nach diesem Film, auch Winnipeg nicht mehr ohne Maddin.
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Dass der Experimentalfilmregisseur Guy Maddin für seinen ersten Dokumentarfilm auf eine hierfür übliche Filmform zurückgreifen würde, wird keiner ernsthaft erwartet haben: In seinem mittlerweile stattlichen Werk entwickelte der Kanadier eine im internationalen Filmgeschehen einzigartige Formsprache, die klassische Undergroundfilm-Ästhetik mit dem ästhetischen Repertoire des Stummfilms und anderer historischer Filmformen geradezu hyperbolisch eskalierend verschmilzt. Postmoderner Zitatereigen und bloß sich anschmiegende Pastiche-Ränke hingegen sind seine Sache nicht; zwar bedient sich Maddin reichhaltig aus dem Fundus der Filmgeschichte, greift diese Elemente aber lediglich auf, um sie vermittels einer hochassoziativen Montage zu einem ekstatisch-rauschhaften „stream of consciousness“ zu verdichten, der immer auch, so zumindest die Behauptung, autobiografisch eingefärbt ist: Gedächtnis und Erinnerung sind bei Maddin, so hat es den Anschein, immer schon von den geisterhaften Bildern der Geschichte besiedelt. Wenn Guy Maddin also den Spuren der Geschichte seiner Heimatstadt Winnipeg folgt, darf man annehmen, dass er hierfür vor allem in den verschütteten Schichtungen seiner eigenen Erinnerung schürft und diese in delirante Bilder umsetzt. Jeglichen Anspruch auf Objektivität verbietet schließlich schon der Filmtitel.Winnipeg erscheint als mythologisch überhöhter Ort: In der Mitte des nordamerikanischen Kontinents gelegen, entstanden an einer Kreuzung zweier Flüsse, die immer wieder assoziativ mit dem Schoß der eigenen Mutter verquickt werden, eine Stadt, die den Großteil des Jahres eingeschneit ist und deren Bewohner Maddin als eine Horde Somnambuler darstellt. Ein Ort, der Maddin wie ein Alb auf die Seele drückt, mehr „haunting ghost“ als konkrete Lokalität, ein Ort, der ihn hervorgebracht, wenn nicht ausgespien hat, sein steter biografischer Bezugspunkt (immer wieder kommt Maddin in seinen Filmen auf Winnipeg zu sprechen), dem doch unbedingt zu entfliehen ist. My Winnipeg, ein anscheinend nötig gewordener Exorzismus: Aufwachen aus diesem Albtraum Winnipeg, von hier fliehen, das ist Maddins Programm.
Dazu gräbt er tief in der Geschichte, auf deren Episoden er die Stationen seiner Biografie bezieht. Eine Auflistung großer Männer und ihrer Taten darf deshalb nicht erwartet werden, Maddin betont das Obskure, Abseitige, Verwunderliche: Dass Winnipeg den größten Güterbahnhof Nordamerikas hat beispielsweise, oder aber er berichtet von seltsamen Stadtfesten, von verqueren TV-Serien, in denen seine Mutter (hier erstmals bei Maddin von sich selbst gespielt) mitgewirkt hat, natürlich von dem Friseursalon, in dem er aufgewachsen ist, von dessen beißenden Gerüchen, von Neben- und Hinterstraßen, vom Schnee über der Stadt und von mystischen Seancen im Rathaus unter Teilname von Politikern und Bordell-Geschäftsführerinnen. Dies alles geschieht wie in einem flirrenden Wachtraum, in Form des für Maddin so typischen, filmhistorisch informierten Gleitens durch wehmütige Erinnerungen und assoziative Gedankenfetzen, die der Regisseur im fortwährenden Off-Kommentar einbaut.
Je tiefer Maddin gräbt, umso mehr Schichten der Stadt, wie seiner Persönlichkeit, legt er frei. „A City of Palimpsests“, sagt er an einer Stelle in einer Mischung aus Abscheu und Faszination. Dabei geht es ihm, im Endeffekt, genau um die Rettung dieser historischen Schichten: Denn dies alte Winnipeg, in dem Maddin aufgewachsen ist, droht vom Modernisierungsschub unaufhaltsam verdrängt zu werden. Das alte Eishockeystadion, in dem die Winnipeg Maroons manch glorreichen Sieg davontrugen, an das Maddin goldene Kindheitserinnerungen knüpft, in dem seit Jahrzehnten jener charakteristische Duft aus Männerschweiß und Pisse durch die Gänge zieht, muss einer seelen-, also geister-, da geschichtslosen Shopping Mall weichen, derweil ein neues, für Maddin gänzlich uninteressantes Stadion an anderer Stelle aufgebaut wird. In diesen Momenten erwacht der Filmträumer Maddin und lässt als Kommentator des aktuellen Stadtgeschehens seinem narzisstisch eingefärbten Zorn freien Lauf; um die Hässlichkeit des bloß Präsentischen herauszustellen, werden in solchen Spitzen die traumwandlerischen Schwarzweißbilder durch lediglich die blanke Materialität der äußeren Erscheinung transportierende Digitalfotografien verdrängt, so dass man erbarmungslos mit der Nase voran auf das Pflaster der Realität gestoßen wird.
Die Reise in Guy Maddins Heimatstadt entspricht einer Reise in Guy Maddins verkarstete Neurosenwelt, sein Verhältnis zur Stadt entspricht, ganz psychoanalytisch, dem zwischen Mutter und Kleinkind: Zwischen verzehren wollender Liebe und drangsalierendem Hass. Maddins Flucht muss – wie die von der Mutter - notwendig erfolglos bleiben: Mit seinem wunderbaren Doku-Biography-Amalgam My Winnipeg setzt er seiner Stadt ein eigenwilliges, dunkel glitzerndes Denkmal und verschweißt sich so noch mehr mit ihr. Ohne Winnipeg ist Maddin nicht denkbar, und jetzt, nach diesem Film, auch Winnipeg nicht mehr ohne Maddin.
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16. Februar 08 | Autor: thgroh | 0 Kommentare | Kommentieren
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Ein ausgemachter Pimpf von heruntergekommenem Adelpatriarchen erliegt den Einflüsterungen seines opportunistischen Schwagers und verhökert seine beiden Töchter an den um einen Thronfolger bangenden König Heinrich VIII., nur um damit, infolge einiger Unabsehbarkeiten und Intrigen, das Leben seines Nachwuchses aufs Spiel zu setzen, was mit weitreichenden welthistorischen Erschütterungen - die Lossagung Englands von der katholischen Kirche - einher geht.
Ausgewalkt wird dies in 115 langen Minuten, in denen jede Kameraeinstellung sitzt, jeder Lichtstrahl exakt hingetupft ist, fortwährend Zeugnis abgelegt wird von Überstunden der Ausstattungs- und Schminke-Crew und regelmäßig Wolken im Zeitraffer bedeutungsschwanger über Adelshäuser hinwegfliegen dürfen. Die Schwester der Königin ist durch und durch glossy und über seine gesamte Spieldauer unerträglich geschmackvoll.
Was er erzählt, wäre von einigem historischen Interesse. Immer wieder gibt es eine Ahnung des Risses durch die Bevölkerung, den die schwanzfixierten Manöver des Königs zur Begattungs-Durchsetzung von Anne Boleyn hervorriefen, die schließlich die Church of England zur Gründung brachten, allein es wird sich nicht die Bohne dafür interessiert. Stattdessen viel persönliches Drama und Tränenrühriges, ein bisschen Kindstod hier, ein wenig Vergewaltigung von hinten dort, nicht enden wollende Geilheit, versuchter Inzest dann und schließlich auch Enthauptungen - stets unter Wahrung von Geschmack und Respekt vor den Sehgewohnheiten des Publikums: Die Schwester der Königin erzählt sich nach Manier eines süßlich-traurigen Romanheftchens industrieller Fertigung für bildungsferne Hausfrauen im fortgeschrittenen Alter. Solche werden sich auf einen schönen Kinoabend freuen, andere dürfen sich beleidigt fühlen.

Ein ausgemachter Pimpf von heruntergekommenem Adelpatriarchen erliegt den Einflüsterungen seines opportunistischen Schwagers und verhökert seine beiden Töchter an den um einen Thronfolger bangenden König Heinrich VIII., nur um damit, infolge einiger Unabsehbarkeiten und Intrigen, das Leben seines Nachwuchses aufs Spiel zu setzen, was mit weitreichenden welthistorischen Erschütterungen - die Lossagung Englands von der katholischen Kirche - einher geht. Ausgewalkt wird dies in 115 langen Minuten, in denen jede Kameraeinstellung sitzt, jeder Lichtstrahl exakt hingetupft ist, fortwährend Zeugnis abgelegt wird von Überstunden der Ausstattungs- und Schminke-Crew und regelmäßig Wolken im Zeitraffer bedeutungsschwanger über Adelshäuser hinwegfliegen dürfen. Die Schwester der Königin ist durch und durch glossy und über seine gesamte Spieldauer unerträglich geschmackvoll.
Was er erzählt, wäre von einigem historischen Interesse. Immer wieder gibt es eine Ahnung des Risses durch die Bevölkerung, den die schwanzfixierten Manöver des Königs zur Begattungs-Durchsetzung von Anne Boleyn hervorriefen, die schließlich die Church of England zur Gründung brachten, allein es wird sich nicht die Bohne dafür interessiert. Stattdessen viel persönliches Drama und Tränenrühriges, ein bisschen Kindstod hier, ein wenig Vergewaltigung von hinten dort, nicht enden wollende Geilheit, versuchter Inzest dann und schließlich auch Enthauptungen - stets unter Wahrung von Geschmack und Respekt vor den Sehgewohnheiten des Publikums: Die Schwester der Königin erzählt sich nach Manier eines süßlich-traurigen Romanheftchens industrieller Fertigung für bildungsferne Hausfrauen im fortgeschrittenen Alter. Solche werden sich auf einen schönen Kinoabend freuen, andere dürfen sich beleidigt fühlen.
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