Freitag, 6. Februar 2009
Tom Tykwers The International ist wenigstens gutes Genrekino, keineswegs über die ganze Spieldauer aufsehenerregend , aber sympathisch und souverän geradlinig inszeniert. Ein sanfter (!) Hauch von Italothrillern der 70er Jahre schien mir da in der Luft (ich dachte an Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert), auch Parallax View und French Connection waren als Allusion wenigstens im Kolorit anwesend. Wirklich sonderbar an dem Film war aber das Ohr von Clive Owen: Der kriegt zu Beginn gehörig was da drauf geknallt und später es auch noch fast abgeschossen, was einigermaßen blöde aussieht, wie das Blut dann so runtertropft. Dazu passt, dass er in der ersten Sequenz des Films - schön anschmiegsam gedreht vor dem Berliner Hauptbahnhof - das Entscheidende gerade nicht sieht, obwohl es sich vor seinen Augen abspielt, und am Ende dann, per Funkübertragung, das Entscheidende nicht hört. Beim Showdown schließlich sieht er schon wieder etwas Entscheidendes nicht. Wir müssen uns den Sinnesapparat von Clive Owen als mangelbehaftet vorstellen.

David Hudson gefällt der Film nicht so recht, kommt aber auch aufs Ohr des Clive Owen zu sprechen und dass man im Film, was so auch stimmt, manche Fortune Cookie Lines zu hören kriegt. Bei der Platzsuche im grundsätzlich völlig übervollen CinemaxX 7 wechseln wir zwei freundliche Sätze, ich erwähne, völlig im Tran, dass ich keinen Kaffee zu Hause habe.

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Später schaue ich Sion Sonos Love Exposure in der Pressevorführung des Forums (hier mehr Informationen). Vier Stunden Spielzeit, ich will erstmal nur den Anfang sehen, damit locke ich mich ins Kino, bleibe dann aber doch, als die Hauptfigur, Yu, der unter christlichen Verquertheiten seine Maria fürs Leben mit der Fotokamera unter Schulmädchenröcken sucht (das ist nur eine der ziemlich vielen Seltsamkeiten dieses Films), mit schwarzem Hut und schwarzem Damenanzug verkleidet als die (nicht nur) von mir so bewunderte Meiko Kaji auftritt und auch so, in Drag, seine Maria findet, die geradewegs einem dieser Girl-Boss-Filme aus dem Japan der 70er entsprungen sein könnte, in denen junge, straßenkriminelle Deliquentinnen Männerdomänen in Frage stellten. Das ist dann alles sehr seltsam, mal mehr, mal weniger referenzstark, was genannte Filmzusammenhänge betrifft. Und mitunter geht's dann auch in völlig andere Richtungen, die nicht weniger merkwürdig sind.

Beide Filme dann wahrscheinlich morgen ausgiebiger beim Perlentaucher.

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Notwendige alljährliche Trash-Berlinaletaschenkritik, genervtenfalls überlesen: Die Teile sind dieses Jahr neuerlich von ausnehmender Hässlichkeit, dafür aber insofern praktisch, dass diesmal Laptops reinpassen und auch anderes Zeug. Das konnte man von dem besseren Jutesack letztes Jahr nicht behaupten, der sich in Form und Taschen"vielfalt" allenfalls als Transportbehältnis für leeres Pfandgut anbot.

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Morgens Wetter schön und sonnig, fast schon eine Notiz Frühling. Später halt wieder Berlin von seiner schönsten Februarseite, pfüäch.

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Verköstigungstipp: Die Quarkbrötchen bei Lindner am nördlichen Arkadeneingang.


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Thema: Hinweise
Bevor ich gleich zum Potsdamer Platz aufbreche, sei eins noch schnell durchgereicht:



Gestern hatte ich die erste Ausgabe der hier schon häufiger annoncierten Filmzeitschrift Cargo im Briefkasten. Und schon nach zweimaligem Durchblättern und der Lektüre erster Artikel darf ich sagen: Selten in den letzten Jahren hat es mich so gefreut, eine Filmzeitschrift in Händen zu halten. So stelle ich mir eine moderne cinephile Zeitschrift zwischen Kunst und Öffentlichkeitsnähe, zwischen Analyse und Service (und unter zeitgemäßem Service verstehe ich eben auch die Selbstverständlichkeit, interessanten ausländischen DVDs Rezensionsplatz einzuräumen), zwischen Glam(partikeln) und Filmkunst vor. Das ganze noch ästhetisch sehr ansprechend gestaltet - ein echter Leckerbissen und auf ganzer Linie geglückt.

Das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe steht hier.

Im Editiorial ist vom Freiraum die Rede, den die Herausgeber sich und ihren Lesern schaffen wollen. Dem ist nur der beste Erfolg zu wünschen. Schon aus ganz persönlichem Eigennutz empfehle ich deshalb allen, die das hier lesen, ein Abonnement. :-)


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Gähn.

In zweifacher Hinsicht. Zum einen ist es gerade tierisch spät und wie in jedem Jahr leide ich auch in diesem am Berlinale-Vorabend an blödsinniger Schlaflosigkeit. Und zum zweiten Gähn, weil, wenn ich ganz ehrlich bin: Als recht prickelnd erscheint mir das Programm der Berlinale dieses Jahr, leider, nicht.

Wie schaut in diesem Jahr meine Planung aus? Soviel wie in den vorangegangenen Jahren werde ich wohl nicht in mein Blog schreiben - zum einen, weil ich dieses Jahr zusammen mit Ekkehard von Cargo, mit Lukas von Dirty Laundry und mit Perlentaucherin Thekla Dannenberg die Berlinale-Besprechung für den Perlentaucher bestreite - was mich ziemlich freut, andererseits auch nicht ganz so wild, spontan und ohne jedes Gegenlesen runter- und reingefetzte Texte gestattet. Und weil ich dieses Jahr auch nur drei Filme vorab sehen konnte und mal schauen, wieviel ich dieses Jahr während dem Festival sehen werde.

Jedenfalls, weil Lukas das hier schon ansprach. Natürlich wird es auch dieses Jahr wieder einen mit dem für solche Zwecke wunderbar geeigneten delicious bestrittenen Berlinale-Ticker mit Lesehinweisen (nicht unbedingt immer -empfehlungen) geben. Hier rechts drüben, in der äußersten Spalte geht das mit ersten Hinweisen schon los: ------->

Und wir leben ja im Jahre 1 nach dem Obama-Wahlkampf auf Twitter. Versteht sich, dass man unter #berlinale dort schon einiges finden kann. Von mir gibt's da unter Geheimnamen auch was zu finden, von Lukas und Ekkehard vielleicht ja auch noch, zumindest sind beide dem Web2.0-Zwitschern ebenfalls nicht grundsätzlich abgeneigt.

Zu den bereits gesehenen Filmen: Einen der drei kann ich ruhigen Gewissens empfehlen: In Zum Vergleich legt Harun Farocki unkommentierte, genau beobachtete Bilder der Ungleichzeitigkeit der Ziegelsteinproduktion weltweit nebeneinander. Nur grob technisiert und offenbar als zelebrierter Bestandteil öffentlichen Lebens geschieht dies in Afrika, in Indien schreitet die Technisierung voran, in Deutschland und Schweiz herrschen volltechnologisierte Arbeitsbedingungen in den Fabriken, am Ende steht da ein (tatsächlich wunderbarer) Roboter, der hübsch anzusehen an einer Ziegelstein-Grafik - ein Stein=ein Pixel - arbeitet. Wichtige, aber nur gestreifte Themen des Films: Technologisierung und Handarbeit, Entfremdung und Entmenschlichung im Wortsinn, die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Eine Reise durch die Geschichte des Menschen, die sich im Raum, nicht in der Zeit entfaltet. Mein Lieblingsmoment: Die gefüllte Schaufel wird zur allgemeinen Überraschung des Publikums in einem gewagten, aber präzisen Manöver in Afrika hoch zum Kollegen aufs Baugerüst geworfen. (Später klappt das mit einem Ziegelstein nicht ganz so gut)

Auch sehenswert, wenngleich nicht blind empfehlenswert, ist Ulli Lommels sehr sonderbarer Absolute Evil, der Noir durch Tarantino betrachtet, Gesten und Posen des amerikanischen Genrekinos an der defizitären Ästhetik des DV-Looks bricht und dabei die zweifelhafte Möglichkeit eines neuen Corman-Exploitationkinos buchstabiert ,ohne dessen Tradition nahtlos fortzusetzen. Nicht wirklich gelungen, nicht wirklich gut, eher ein sonderbares Monstrum, ein sonderbarer Entwurf eines eigenen Autorenkinos. Mit dabei: David Carradine als Echo seiner Performance als zu tötendem Bill, den das unbarmherzige Okular der aufdringlichen Handkamera zu einer Ansammlung von Altersflecken degradiert. Trailer? YouTube!

Nur bei Alternativenmangel zu empfehlen ist die Verfilmung von Rocko Schamonis Buch Dorfpunks. Auch beileibe nicht schlecht, schon auch sympathisch, aber auch einfach nicht wirklich gut. Ein Schuss zuviel Romantik, ein Schuss zu sehr auf heutige Provinzklientel geschielt, deren Lebensgefühl zwischen Sportfreunde Stiller und Dorffestprügeleien mir hier eher Pate gestanden zu haben scheint, als das der zweiten, provinziellen Punkwelle in Deutschland um '84. Andererseits: Ein Festivalfilm mit Slime im Soundtrack hat schon auch was für sich: "Weg mit dem - Scheißsystem!" - ah, those were the days...

... jetzt aber: Gute Nacht. Mögen die Spiele beginnen.


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