Thema: Filmtagebuch
17. Dezember 10 | Autor: thgroh | 0 Kommentare | Kommentieren
Seit der letzten Lieferung hat sich wieder einiges angesammelt.

Zum Geburtstag von Woody Allen besprach ich für Moviepilot Anfang des Monats seinen in Deutschland bislang nicht erschienenen Film Hollywood Ending. Kein Meister-, aber ein solides Werk. Sehr viel mehr am Herzen lag mir eine Woche darauf Werner Herzogs großartiger Encounters at the End of the World, der nun auch mit etwas Verspätung in Deutschland erschienen ist - hier meine Besprechung. Sehr großartig fand ich auch Valerie - Eine Woche voller Wunder, einen surreal angehauchten Märchen-/Horror-/Kunstfilm aus der Tschechoslowakei, der im Umfeld der damaligen Kinoerneuerung durch die Neue Welle entstand. Die exzellente, empfehlenswerte DVD ist bei Bildstörung erschienen.


Weit weniger erfreute Florian Henckel von Donnersmarcks Zweitfilm The Tourist, der nicht gar so ächzend hundsmiserabel ist, wie er überall gemacht wird, sondern schlicht und ergreifend einfach nur nicht gut. Warum ich das so sehe, schreibe ich beim Perlentaucher.


Zum Geburtstag von Woody Allen besprach ich für Moviepilot Anfang des Monats seinen in Deutschland bislang nicht erschienenen Film Hollywood Ending. Kein Meister-, aber ein solides Werk. Sehr viel mehr am Herzen lag mir eine Woche darauf Werner Herzogs großartiger Encounters at the End of the World, der nun auch mit etwas Verspätung in Deutschland erschienen ist - hier meine Besprechung. Sehr großartig fand ich auch Valerie - Eine Woche voller Wunder, einen surreal angehauchten Märchen-/Horror-/Kunstfilm aus der Tschechoslowakei, der im Umfeld der damaligen Kinoerneuerung durch die Neue Welle entstand. Die exzellente, empfehlenswerte DVD ist bei Bildstörung erschienen.


Weit weniger erfreute Florian Henckel von Donnersmarcks Zweitfilm The Tourist, der nicht gar so ächzend hundsmiserabel ist, wie er überall gemacht wird, sondern schlicht und ergreifend einfach nur nicht gut. Warum ich das so sehe, schreibe ich beim Perlentaucher.

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Thema: Filmtagebuch
17. Dezember 10 | Autor: thgroh | 0 Kommentare | Kommentieren
Zugegeben, wer Tron: Legacy nicht mag, bekommt von der Produktion geradezu luxuriöse Steilvorlagen geboten: Wenn Sam Flynn, Sohn des Programmieres aus Teil 1, der hier, wie man anfangs erfährt, seit rund 20 Jahren nicht mehr gesehen ward, in das "Raster" der Tronwelt gezogen und seinen Anzug verpasst bekommt, dann murmelt er: "This can't be good." Wenn Kevin Flynn, der seit 20 Jahren als Deus in Machina in der Tronwelt haust, seine Computerspielfigur "Tron" als verböst korrumpiert wiedersieht, murmelt er: "Tron, what has become of you?" Und die Tagline des Films lautet schließlich: "The Game has changed." Wie sich der Film, teils wirklich nervig, da vollkommen stillos, in Onelinern suhlt, so darf der Durchschnittsnerd den Film in Onelinern verreißen.

Natürlich ist Tron: Legacy über weite Strecken Mumpitz. Zeichnete sich Tron seinerzeit nicht nur durch eine radikal neue Ästhetik und eine vergleichweise singuläre Position im Sciencefiction-Film aus, ist Tron:Legacy vor allem ein Parkoursritt durch die SF-Geschichte: Da liegen Bücher von Jules Verne im Regal, 2001: A Space Odyssey wird schmerzhaft lange sehr direkt und sehr nutzlos zitiert, es hagelt Zen-Buddhismus-Westentaschenphilosophie wie seinerzeit in den Matrix-Sequels, dazu gesellen sich Anleihen bei Star Wars und Herr der Ringe. Auch die Vater-Sohn-Geschichte ist herzhaft uninteressant und wird teils quälend plump in langen Dialogpassagen aufs Brot geschmiert. Die Message selbst - weg von der Technik, mal wieder im Wald spazieren gehen - wird dabei von Ästhetik und Look des Films von vornherein auf eine Weise desavouiert, die eigentlich unbeschreiblich ist.
Und dennoch: Tron: Legacy bedarf der Intervention, muss in Schutz genommen werden vor einer Kritik, die lediglich über solche Punkte zu ihrem Urteil kommt. Denn so schlecht Tron: Legacy als Plotfilm sein mag, so hervorragend ist der auf zweiter Ebene ins Geschehen eingewebte, ich will fast sagen: eigentliche Film. Immer wenn Tron: Legacy die öden Pfade des Fabulierens verlässt und minutenlang nichts anderes will, als durchdesignte Objekte in klar definierten Bewegungsabläufen zu zelebrieren, wird der Film auf wunderbare Weise hypnotisch schön.
Es ist ein selbsgefälliges L'art pour l'art, vom Zwang über Mikroebene hinaus zu erzählen gänzlich befreit, das Tron: Legacy zumal unter technologischen Bedingungen eines Multiplexkinos mit glasklarem Sound, glasklarer Optik und Formvollendung suchenden 3D-Bildern auszeichnet. Eine wichtige Komponente ist dabei der Soundtrack von Daft Punk, der den Retro-Synthsound der frühen 80er aufs heutige technische Niveau bringt und darüber hinaus noch weiter blickt, in die 70er, sehr häufig: zu Tangerine Dream.
Rein ästhetisch ergibt sich dadurch höchst Merkwürdiges. Die Technophobie des Plots verehelicht sich mit einer ungebremsten Technikbegeisterung bei Bild und Ton, Trauzeuge ist der Retro-Technoutopismus des ästhetischen Projekts von Daft Punk. Es ist ein Klingen und Wabern, ein Gedicht aus Licht und Form, die Suche nach der unbedingten Makellosigkeit, die Tron: Legacy - aber eben nur phasenweise - zum Erlebnis machen. Das perfekte (ästhetische) System, das den eigenen Todestrieb über die Plotebene schon mitbringt.


Natürlich ist Tron: Legacy über weite Strecken Mumpitz. Zeichnete sich Tron seinerzeit nicht nur durch eine radikal neue Ästhetik und eine vergleichweise singuläre Position im Sciencefiction-Film aus, ist Tron:Legacy vor allem ein Parkoursritt durch die SF-Geschichte: Da liegen Bücher von Jules Verne im Regal, 2001: A Space Odyssey wird schmerzhaft lange sehr direkt und sehr nutzlos zitiert, es hagelt Zen-Buddhismus-Westentaschenphilosophie wie seinerzeit in den Matrix-Sequels, dazu gesellen sich Anleihen bei Star Wars und Herr der Ringe. Auch die Vater-Sohn-Geschichte ist herzhaft uninteressant und wird teils quälend plump in langen Dialogpassagen aufs Brot geschmiert. Die Message selbst - weg von der Technik, mal wieder im Wald spazieren gehen - wird dabei von Ästhetik und Look des Films von vornherein auf eine Weise desavouiert, die eigentlich unbeschreiblich ist.
Und dennoch: Tron: Legacy bedarf der Intervention, muss in Schutz genommen werden vor einer Kritik, die lediglich über solche Punkte zu ihrem Urteil kommt. Denn so schlecht Tron: Legacy als Plotfilm sein mag, so hervorragend ist der auf zweiter Ebene ins Geschehen eingewebte, ich will fast sagen: eigentliche Film. Immer wenn Tron: Legacy die öden Pfade des Fabulierens verlässt und minutenlang nichts anderes will, als durchdesignte Objekte in klar definierten Bewegungsabläufen zu zelebrieren, wird der Film auf wunderbare Weise hypnotisch schön.
Es ist ein selbsgefälliges L'art pour l'art, vom Zwang über Mikroebene hinaus zu erzählen gänzlich befreit, das Tron: Legacy zumal unter technologischen Bedingungen eines Multiplexkinos mit glasklarem Sound, glasklarer Optik und Formvollendung suchenden 3D-Bildern auszeichnet. Eine wichtige Komponente ist dabei der Soundtrack von Daft Punk, der den Retro-Synthsound der frühen 80er aufs heutige technische Niveau bringt und darüber hinaus noch weiter blickt, in die 70er, sehr häufig: zu Tangerine Dream.
Rein ästhetisch ergibt sich dadurch höchst Merkwürdiges. Die Technophobie des Plots verehelicht sich mit einer ungebremsten Technikbegeisterung bei Bild und Ton, Trauzeuge ist der Retro-Technoutopismus des ästhetischen Projekts von Daft Punk. Es ist ein Klingen und Wabern, ein Gedicht aus Licht und Form, die Suche nach der unbedingten Makellosigkeit, die Tron: Legacy - aber eben nur phasenweise - zum Erlebnis machen. Das perfekte (ästhetische) System, das den eigenen Todestrieb über die Plotebene schon mitbringt.

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Thema: ad personam
17. Dezember 10 | Autor: thgroh | 0 Kommentare | Kommentieren

Es schwirrte den ganzen letzten Tag durch's Netz, wurde aber immer wieder mit dem Hinweis dementiert, nicht der Filmemacher, sondern der Kurator selben Namens sei gestorben. Jetzt meldet es aber auch der Webmaster der offiziellen Website unter Berufung auf Hinterbliebene: Jean Rollin, der Meister des lyrisch-entrückten, subversiven Horrorfilms ist tot. Seine besten Filme sind rasend schöne Schmuckstücke eines Kinos, das sich dem Diktat von Plot und Plausibiliät nicht beugt, das die Nähe sucht zur dunklen Romantik, zu Surrealismus und der Ästhetik der Subkultur: Mitternachtsfilme, im wahrsten Sinne des Wortes.
Vor allem aber auch: Kinofilme. Man muss diese Filme im Kino gesehen haben, um sie wirklich zu erfahren - zweimal hatte ich bislang das Glück, zweimal verließ ich den Kinosaal als anderer Mensch, der in anderen Parameern dachte als zuvor. Rollins Filme sind phantastische Filme durch und durch (nicht Fantasy, Horror oder Science Fiction), Filme also, in denen Risse in der Realität entstehen, durch die das Unwirkliche, das Wunderbare, das Irreale drängt. Und Rollin hat begriffen, dass man phantastisches Kino nicht schaffen kann, indem man das Muster plausibilisierter Handlungsabläufe des realistischen oder psychologischen Erzählens übernimmt. Stattdessen schuf Rollin flickernde Irrlichter, etablierte Atmosphäre vor Realismus, und scheute auch nicht eine krude, unbeschlagene Inszenierungsweise. Der Ästhetik des zugerichteten Kinos, das jegliches Element einem handwerklichen Perfektionsmus unterordnet, der nur die Ware Film im Hintersinn hat, stellt Rollin eine Ästhetik des Ungeschliffenen, des Rohen entgegen, ohne dabei bloß Unbeholfenheit zu markieren. Wenn man so will, verhält sich Rollin auf seinem Gebiet ganz ähnlich wie der frühe Fassbinder auf dem seinen.
Rollins Filme sind freizügig, Schmuddelkino aber sind sie nicht. Anders als Jess Franco in seinen Filmen, in deren Nähe die Rollins häufig gerückt werden, werden hier keine eigenen Obsessionen exhibitionistisch & aggressiv auf der Leinwand bedient und expliziert. Frauen, auch wenn sie barbusig auftreten, sind bei Rollin (von wenigen Ausnahmen abgesehen) keine entblößten Objekte voyeuristischer Schau, sondern handeln auf eigentümliche Weise eigensinnig, wie Agenten nicht des Films und seiner Handlung, sondern nur sich selbst verpflichtet - rätselhaft sind sie ohnehin stets alle. Zwar drehte Rollin auch Pornos - doch dies stets unter Pseudonym: Arbeiten zum Gelderwerb, die nicht im eigenen Werk auftauchen sollten. Brigitte Lahaie, der große französische Pornostar der 70er Jahre, der bei Rollin erstmals in einer nicht-pornographischen Rolle auftrat, berichtete einmal, dass Rollin beim Dreh entsprechender Szenen wegsah oder das Set verließ. Die Zurschaustellung der menschlichen Sexualität unter bloß fleischlichen Parametern war ihm unangenehm - umso mehr zelebrierte er im offiziellen Werkskanon das Mysterium des Sex im sakralen Pathos einer Grenzen aufsprengenden Erfahrung. Er war, schlussendlich, Ästhet des menschlichen Körpers, nicht dessen Vermesser.
Rollins Kino ist es bis heute wert, entdeckt zu werden. Vielleicht ist dieser sehr traurige ein sehr guter Anlass. An irgendeinem dunklen Strand an Frankreichs Küste tritt Rollins Geist in eine neue, vielleicht bessere Sphäre.
Ich empfehle:
- Hans Schmids Artikelreihe zu Rollin auf Telepolis
- Fascination, ein liebevoll geführtes Fanblog zu Jean Rollin
- die offizielle Website
- Nachrufe: Christian Keßler ° Stefan Höltgen



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