Freitag, 2. Januar 2004
01.01.2004, Heimkino

Der erste Film des Jahres am ersten Tag des Jahres. Und welchen Film könnte man sich an diesem traditionell aus naheliegenden Gründen eh meist recht bedächtig und unspektakulär begangenen Tag besser genehmigen, als diesen knapp dreieinhalbstündigen, farbenprächtigen Ausflug in die Welt des kommerziellen Kinos Indiens? Zumal die Struktur des Films - erzählt werden eigentlich zwei Filme, von einer Intermissions-Tafel getrennt, die sich sowohl geografisch, bildästhetisch und auch auf der Zeitlinie stark voneinander unterscheiden - dem Zuschauer doch recht entgegenkommt, der nach der ersten Hälfte des Films locker-leicht etwa ein Abendmahl zubereiten kann, ohne das Gefühl zu haben, dadurch zu sehr aus dem Film geschmissen zu werden.



Der Titel ist Programm. Die Tonspur unterstreicht das, indem sie den indischen Originaltitel als Song immer wieder in den Film einfließen lässt und benennt somit die Essenz des Unterhaltungskinos: Mal fröhlich, mal traurig - und jeweils mit ganz großem Sentiment im Bildkader umgesetzt. Der Eindruck vom Bollywood-Kino, das großen Kitsch, große Rührseligkeit unbefangen und auch für dem ansonsten kritisch gegenüberstehenden Filmfreund goutierbar inszeniert, als ein filmischen Ausdrucksformen gegenüber sehr bewusstes und diese reflektierendes Kino festigt sich. Der Film mäandert förmlich um das, was andere Formen des Unterhaltungskinos manifest und verbindlich als Bildinhalt zu inszenieren pflegen: Es ist nicht wichtig, Entwicklungen von Liebesbeziehungen und Sympathien en detail zu chronologisieren, wenn man dies genausogut auch mit Tänzen und Gesängen zum Ausdruck bringen kann: Wesentliche Elemente - erste Begegnung, Annäherungen und dergleichen - werden teils ausschließlich in den Choreografieszenen kommuniziert. Und das Artifizielle der Erzählweise - etwa wenn des Vaters Worte, wenn er den Konflikt des Films lostritt, in jeder Pause von einem Donnergrollen unterstrichen werden - wird zum vorrangigen Element dieses Kinos, in dem es (beinahe) nie um äußere Realität geht, sondern eben um Kino selbst in reiner, und somit offen konstruierter Form, die den Zuschauer zur Auseinandersetzung mit den grundlegenden Semantiken von Film selbst beinahe schon zu zwingen scheint.

Bei allen Bedenken, die man auf ideologischer Ebene gegen ihn hegen kann, ein schöner Film, der, wenn man dieser Besprechung Glauben schenken mag (und ich sage mal: ich tu's), zwar anderen Werken aus der Filmschmiede Bollywoods nicht das Wasser reichen kann, wohl aber, wie im Jahr zuvor bereits Lagaan (Indien 2001), auf diese großen Appetit macht. Mal schauen, was die Zukunft bringt.

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27.12.2003, UCI Kinowelt Friedrichshain

Wenn am Ende eine bestimmt bald 20minütige Aneinanderreihung von Happy End an Happy End nichts anderes als Ermüdung hervorruft, wenn nicht sogar, entgegen den rührseligen Bildern, Apathie, dann bemerkt man schlußendlich, wie, auf deutsch gesagt, rundum scheißegal einem eigentlich diese Figuren schon immer gewesen sind, wie wenig es einen juckte, was da genau passierte, wie weit außerhalb dieses Mammutspektakels man gestanden hat, solange es was zu kucken gab, ja wie sehr der Film eigentlich kaum eine andere Position als diese ermöglicht. Paradox eigentlich, denn in den vergangenen zwei Jahren sollten die Gefährten doch eigentlich auch jenseits der Leinwand zu Wegbegleitern durch die Kinowinter gereift sein. Das Gegenteil ist der Fall: So klammheimlich ist man irgendwie doch froh, dass es nun endlich auch mal vorbei ist. Die Vorfreude, die die allerersten Trailer vor gut 3 Jahren - ich weiß noch, als ich sie das erste Mal im kleinen Kino Intimes gesehen habe -, wandelte sich im entscheidenden Moment, auf den solange hingearbeitet wurde, wenn der Ring kurz vor seiner Vernichtung steht, in ein beinahe schon genervtes "Nun ab ins Feuer damit und Feierabend!"



Man hat sich im Verlauf vermutlich sattgesehen an diesem, keine Frage, natürlich imposanten Mammutprojekts. Sattgesehen an epischen Landschaftsaufnahmen mit typischer Kamerafahrt, an detailliert ausgeschmückten Goldschmiedearbeiten in Haupthaar und Rüstung, an Computeranimationen, wie die Welt sie zuvor nicht kannte. Jackson schien genau das geahnt zu haben und inszenierte den Beschluss der Trilogie deshalb als gängigen Sequelregeln gehorchende Effektorgie, die im wesentlichen nichts anders macht, im Einzelnen aber von allem ein gutes Stück mehr bietet: Mehr Orks, mehr Oliphanten, mehr jammernder Frodo, mehr Nazguls, mehr kaputtgehauene Stadtmauern. Ein guter Teil des Films besteht folgerichtig nur aus, zugegeben, amüsanten und unterhaltsamen Geballers, der Rest der Geschichte schmeckt nach Beiwerk aus Alibigründen, um dem Gemetzel Legitimität zu verleihen, und ist entsprechend langweilig. Und irgendwann gehen selbst einem Samweis weise daherlabernde Elben auf den Zeiger, wenn's anstelle dessen doch auch Olifanten in Aktion zu sehen geben könnte.

Wenngleich alle in den vorangegangenen Teilen ausgelegten Fäden schlußendlich zusammenführen, mag sich die Epik nicht so recht einstellen. Eher schon nervt das dargebotene Surrogat, der Überbau, weil man doch endlich, endlich, endlich den Schluß sehen will, und die große Schlacht natürlich, um die ging es doch, der Film selbst macht ja kaum noch einen Hehl draus. Und da Jackson zum Ende hin nicht viel mehr einfällt, als die Spannung vor dem großen Moment dann eben doch nur mit der öden Zeitlupe zu bewerkstelligen, die halt einfach nur dehnt, wo man gerne weiterkommen möchte, verendet der Film, schlußendlich, dann doch noch auf der Zielgeraden. Es hätte viel werden können, sehr viel. Aber Danke wenigstens für die tollen Schlachtsequenzen, die waren echt geil, aber so richtig.

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