Thema: Berlinale 2004
16. Januar 04 | Autor: thomas.reuthebuch | 0 Kommentare | Kommentieren
Johnnie To und Wai Ka Fai demonstrieren in Running on Karma wie man so ziemlich jedes in Hong Kong kommerziell erfolgreiches Genre durch den Wolf dreht, wie man ermüdende Konventionen in ihre Einzelteile zerlegt, sie gegeneinander ausspielt, aneinanderreiht um am Ende dann doch wieder etwas Neues zu erhalten, für das es schwer ist die passenden Worte zu finden. Neben der Unabhängigkeit und dem nicht zu unterschätzenden Mut den es dazu braucht, schadet es ganz sicher nicht viel gesehen und viel ausprobiert zu haben - was das filmische Handwerk anbetrifft, versteht sich, aber auch sonst. Wenn man sich diesen Film ansieht, verdichtet sich mit zunehmender Zeit ein Verdacht zur Gewissheit. Es ist die Freude an der selbst gestellten Herausforderung, an der Überwindung des Undenkbaren, an der Überführung einer Geschichte in eine andere, und das beinahe ständig, von Szene zu Szene.
Der Plot von dem bodygebuildeten Ex-Mönch (ein Widerspruch an sich, der sich gerade deshalb so wunderbar treffend ins Konzept des Films einfügt) der mit seinem Glauben hadert, der Plot also, der den strukturellen Zusammenhalt liefert, als Kitt quasi, der ist natürlich ungemein wichtig, vielleicht sogar noch wichtiger als bei einem klassischeren Ansatz. Dennoch ist er bei To/Fai nebensächlicher als sonstwo. Der gesuchte Mörder, der sich in einer der ersten Szenen groteskerweise aus einem winzigen Karton zwängt, wird sich später in einer Tasche verpackt und von den erbarmungslosen Schlägen eines Polizisten malträtiert, auf einem Busbahnhof wiederfinden. Eine nüchterne Einstellung, ein wenig länger als es nötig wäre, nein, exakt so lang wie es sein muss, sie reicht in diesem Moment aus um dem Publikum ein ungläubiges Glucksen zu entlocken. Das frappierende daran ist, und das hat der Film bis dahin erreicht: die Szene ist lustig und verstörend zugleich, sie ist brutal und anrührend (wenn einer Frau der Arm weggeschossen wird), sie wirft den Zuschauer aus der Balance ohne ihn zu verlieren - und wir sprechen hier von einem kommerziell erfolgreichen Film, der auf ein größeres, in Hongkong traditionell unruhiges Publikum abzielt. Genauso selbstverständlich wird man den muskelbepackten Lau auf einem Moped beobachten, in einer der witzigsten Szenen, wenn er wie im Slapstickfilm zur Verfolgung bläst und alle drei Meter gegen Häuserwände, Böschungen oder Randsteine kracht. Um den Zuschauer nicht zu verunsichern, da ist man sich einig, muss man möglichst schnell etablieren auf welcher Hochzeit man tanzen will. Man kann auch das genaue Gegenteil davon tun und dennoch davonkommen. To/Fai habens bewiesen.
Der Film läuft auf den 54. Internationalen Filmfestspielen Berlin im Rahmen des Internationalen Forums des jungen Films.
>> Running on Karma (Hongkong 2003)
>> Regie: Johnnie To, Wai Ka Fai
>> Drehbuch: Wai Ka Fai, Yau Nai Hoi, Au Kin Yee, Yip Tin Shing
>> Darsteller: Andy Lau, Cecilia Cheung
imdb | offizielle website | trailer (6.8 MB, Quicktime)
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Thema: Lesezeichen
16. Januar 04 | Autor: thgroh | 0 Kommentare | Kommentieren
"I went out to dinner with Kinji Fuaksaku and Kenta (Kinji's son) and I was going "man, I love this movie! It is just so fantastic!" And I said, "I love the scene where the girls are shooting are shooting each other." And then Kenta starts laughing. So I ask, "why are you laughing?" He goes, "the author of the original Battle Royale novel would be very happy to hear that you liked that scene." And I go "why?" And he says, "well, because it's from Reservoir Dogs!" Even when I was watching it I was thinking "God, these 14 year old girls are shooting each other just like in Reservoir Dogs!" And Kenta said, "he took that from Reservoir Dogs, so he'll be very proud that you like that!" "
Quentin Tarantino im Interview mit vielen Hinweisen zu Kill-Bill-Referenzen im übrigen.
Quentin Tarantino im Interview mit vielen Hinweisen zu Kill-Bill-Referenzen im übrigen.
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Thema: Berlinale 2004
16. Januar 04 | Autor: thgroh | 0 Kommentare | Kommentieren
Zwei tragende Themen gibt es in diesem Film: Die Erinnerung (oder sagen wir: die Vergangenheit) und das "Dahinter". Und natürlich besteht ein Zusammenhang: Was, wenn sich etwas hinter der Erinnerung an die Vergangenheit verbirgt? Eine Vergangenheit etwa, an die sich nicht erinnert werden will. Verdrängung also, Sigmund Freud, all diese Dinge. Die Gegenwart des Films erstickt geradezu am Vergangenem: Der Schauplatz des kammerspielartigen Geschehens, ein altes Anwesen irgendwo im koreanischen Nirgendwo, könnte glatt aus dem viktorianischen England stammen. Alles bestickt und geradezu aufdringlich pittoresk. Dann die Figuren darin (grotesk deplaziert vor diesem Hintergrund eigentlich): Vater, zwei Töchter und die böse, böse Stiefmutter (Ja! Genau!). Dass da früher was war, was das Heute nicht so recht funktionabel gestaltet, wird umgehend klar. Alles neurotisch, hysterisch, paranoid. Wer wem wann was angetan hat: Kaum ersichtlich. Andeutungen zwar überall, nie aber Aussagen, Auseinandersetzungen. Ausflüchte und Gemeinheiten am Rande. Stieftöchter in Schränke sperren beispielsweise, ganz wie das Vorbild aus dem Märchen. Und dann in alten Kisten Fotos von ganz früher. Als die leibliche Mutter noch lebte: Schock, Trauma, Gesichter werden durchgestrichen, rausgerissen, weg damit, weg mit dieser Vergangenheit. Verdrängungsarbeit, man kommt ja kaum mehr zu was anderem. Es entstehen auf engstem Raum Dynamiken, die ihren Ursprung in der Vergangenheit haben: "Was zum Teufel hat uns hierher gebracht?", irgendwann als Frage im Raum, kurz bevor man dem anderen die schwere Statue über den Schädel zieht. Lieber keine Antworten abwarten, könnte äußerst unangenehm werden. Draufhauen, aus dem Weg räumen, statt sich erinnern. Bis es soweit kommt, ist man längst schon im Kinosessel versunken, ganz tief drinnen in dieser angespannten Welt, auch wenn man selbst mehr Fragen als Antworten hat. Das ist in dem Moment egal.
Wo die Vergangenheit, das Erinnerungsvermögen derart trügerisch ist, darf auch der Raum gut und gerne Gegenstand der Sabotage sein. Dann wird der Psychothriller zum Horrorfilm. Und der hat dem 19. Jahrhundert wieder sehr viel zu verdanken. Da ist er ja schon wieder, dieser Sigmund Freud. Das Unheimliche des "Dahinter", das Unheimliche des seiner Integrität verlustig gegangenen Raumes. Türe knarzen? Was ist dahinter? Vorhänge wabern? Und dahinter? Was verbirgt sich unter der Spüle? Und wer stampft da oben, einen Stock drüber, so laut über den Boden? Ist doch keiner hier! Dafür aber quillt Blut unter den Dielen hervor, wenn man mal genau hinkuckt (das macht natürlich nur die Kamera, also wir): Hier hat's offenbar Leichen im Keller. Keller, Erinnerung, Vergangenheit, Verdrängung - wir kennen das Spiel bereits. Und jeder hat seinen eigenen Raum: Selten sieht man mal zwei in einer Einstellung, mit Ausnahme der beiden Geschwister natürlich, denn um die geht's ja, der Rest: isoliert. Über lange Strecken wie's scheint sogar komplett verschwunden, wenn der Film sich gerade mal auf wen besonders konzentriert.Das Bemerkenswerte: Man fasst den Horrorfilm ästhetisch wie inhaltlich zusammen. Das hat man mit Kubricks Shining gemein. Etwas Haunted House, dann Geisterfilm, verdrängte Schuld, also somit dann auch Poe, doch dann wieder die Kehrtwende und weg von all dem Hokuspokus: Also moderner Horrorfilm. Wo der Nachbar der Böse ist. Wie wenig metaphysisch es eigentlich zugeht, sieht man schon etwa, wenn die expressionistischen Traditionen verpflichtete Ausleuchtung zwar vorhanden, doch nie aber, wie beispielsweise bei Bava, eine dem Effekt untergeordnete und gekünstelte ist, sondern ihren Ursprung direkt in der Diegese findet: Ein Lampenschirm wird umgeworfen, bevor er von unten Gesichter in ein seltsames Licht kleiden darf. Und wenn am Ende das Projekt der Auflösung des Raumes weit genug fortgeschritten ist, wenn Verlässlichkeit als Zustand inhaltslos geworden ist, dann ist die Begegnung mit sich Selbst so naheliegend wie, in Folge, gruselig. Und jetzt bitte Geigen! Ganz laut, immer der selbe, gellende Ton. Sie wissen schon.
Der Film läuft auf den 54. Internationalen Filmfestspielen Berlin im Rahmen des Internationalen Forums des jungen Films.
>> A Tale of Two Sisters (Janghwa, Hongryeon; Südkorea 2003)
>> Regie/Drehbuch: Kim Jee-Won
>> Darsteller: Lim Su-Yeong, Mun Geun-Yeong, Yum Jung-Ah u.a.
imdb | mrqe
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