Samstag, 17. Januar 2004
Die süße 18-jährige Angela liebt Manga-Comics und sie verliert sich gerne beim Zeichnen in ihre Phantasien. Die stilistischen Mittel des Films lassen von Anfang an keinen Zweifel an der imaginierten Realität, in der sich das Mädchen lustvoll verliert. Aus dem Off klingt ihre Stimme, den Beginn eines Abenteuers kommentierend, und kurz nachdem Angela an einem lauen Abend vom japanischen DJ-Touristen Yamamoto nach Tokyo eingeladen wird um ihn zu besuchen, sitzt sie auch schon im Flugzeug. Über die Leinwand läuft die Projektion eines Pferderennens, ein feister Japaner lacht dreckig als die Tiere reihenweise an den Hindernissen scheitern und Angela fragt sich was wohl aus all den Menschen wird, die kein Ziel im Leben haben, die sich treiben lassen, bis sie irgendwann aufgesogen werden, von der bösen Welt, und verschwinden, vermutlich.

Schnitt und wir befinden uns im nächtlichen Tokyo, pulsierendes Leben wo man hinsieht, immer wieder im Zeitraffer beschleunigte, sich durch die Häuserschluchten katapultierende Fahrtaufnahmen. Angela ist in einer Hostessen-WG gelandet, zur fünft auf engstem Raum. Sie krabbelt im Klo auf ein kleines Podest, verliert die Balance, fällt mit der Wand ins Haus, hier: in die Nachbarwohnung der verständnislosen japanischen Familie. Sie heuert nach anfänglichen Schwierigkeiten in der edlen Animierbar an, die quasi als Verlängerung der WG dient. Die Mädels sind zickig, haben Angst, dass die Neue ihnen die Kunden wegschnappt und wir sehen uns kein Stück veranlasst daran zu zweifeln. Viel zu deutlich wird uns Chloé Winkel in der Rolle der Angela als Lolita präsentiert, wird sie in ihren hautengen, figurbetonten Klamotten regelrecht vorgeführt. Zu spitz der einladende Mund, zu knackig die Brüste, immer vorteilhaft ins Licht gerückt, versteht sich. Ich befürchte, man erwies ihr damit einen Bärendienst.

Weder Chloés schauspielerisches Können noch M.X.Obergs Inszenierung vermögen diesem Ansatz zu folgen - folgerichtig deshalb vielleicht nur, dass es auch dem Drehbuch an Mut mangelt. Anstatt die sexuell aufgeladene Atmosphäre zu nutzen und tiefer zu gehen, dem Tagtraum die dunkle Seite zu entlocken, verliert sich der Film in einem lächerlichen Thrillerplot, in einer idealisierten, naiven Teenagerphantasie (wer hat im übrigen behauptet, dass Teenagerphantasien idealisiert und naiv sein müssen?) - und selbst der traut man dann nicht über den Weg. Der Yakuza-Boss mit dem fehlenden kleinen Finger ist eine Karikatur, von Filip Peeters als Knallcharge dargestellt, die Suche nach der vermissten Larissa, die locker die zweite Hälfte des Films in Anspruch nimmt, verliert sich zunehmend in geschwätzigen dialoglastigen Szenen, mit anderen Worten: der Film läuft auf Grundeis.

Vielversprechend waren die sorgfältig austarierten Szenen im ersten Drittel, die uns im Schwebezustand hielten, unser Interesse am großen Abenteuer anfachten; bemerkenswert ist die Kameraarbeit von Michael Mieke, sind die wunderschön ausgeleuchteten, stilisierten Sets, wenn der Film zurückwill, auf die Ebene der assoziationsgesteuerten Imagination seiner Hauptfigur. Aber es fehlt an Entschiedenheit, das alles zusammenzuhalten; es fehlt auch, fürchte ich, an inszenatorischem Handwerk. Gerade gegen Ende misslingen kleine Momente, wenn ein vielsagender Blick ins Nichts läuft oder die Schauspieler "verkehrt" durchs Bild laufen. Immer sind das natürlich auch Fragen des Geschmacks und der Intention. Mir schien es jedoch als subsummierten sich diese "Kleinigkeiten" zur Ursache für das Umkippen des Films.

Die letzte Szene, in der Angela zeichnend in ihrem Reihenhaus gezeigt wird, in der Blickachse die Protagonisten der Geschichte, als Interieur einer Gartenlandschaft entlarvt, wirkt unter diesem Eindruck beinahe wie eine Entschuldigung.

Ab 02. Septemerb 2004 im Kino.

The Stratosphere Girl (Deutschland 2003)
Regie/Drehbuch: Matthias X. Oberg
Darsteller: Cloé Winkel, John Ng, Tara Elders, Mette Louise Holland, u.a.
Länge: 85 Minuten

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"Every line leads to somewhere" - "In a comic everything is possible." - "Every comic has a hero on a mission. Hero is a word for what you think is right." Mit Sätzen wie diesen charakterisiert die jugendliche Angela (Chloé Winkel) zu Beginn (und im weiteren Verlauf) von The Stratosphere Girl ihre Comiczeichnungen. Sie gibt damit auch eine Anleitung preis, wie diesem Film, der von Anfang an klar ersichtlich als entweder fertiger Comic oder aber als dessen Schaffungsprozess angesehen werden darf, zu folgen ist: Kohärenz des Plots ist nebensächlich, es zählt die Kraft der Phantasie, die wiederum freilich dann doch gewissen Genrekonzessionen verpflichtet ist. Angela ist Zeichnerin wie Heldin der Geschichte und genießt somit das Privileg, sich selbst nützliche Ratschläge geben zu können, die indes nicht immer auch beachtet werden. Ein charismatischer DJ aus Tokio (John Ng) zieht sie in einer jener magischen Nächte, in denen alles möglich scheint und also somit Lebensentwürfe neu konzipiert werden, in seinen Bann. Und dann sitzt sie auch schon im Flugzeug nach Tokio, wo sie Yamamoto, so sein Name, wiedersehen will, wozu er sie auch eingeladen hat, sie könne ja dort in der Metropole ihren Lebensunterhalt als Hostess eines, wie sich erst später rausstellt, eher zwielichtigen Abendbegleitungsservice verdienen. Doch die Stadt ist fremd, Yamamoto nicht erreichbar, und die WG mit lauter nicht nur wohlgesonnenen Kolleginnen, in der sie landet, eng und überfüllt. Alsbald stößt sie auf ihrem ziellosen Weg durch die neonlichtilluminierte Stadt auf Spuren einer seit kurzem vermissten Hostess, Larissa, deren Schicksal aufzuklären sie sich als Heldin zur Mission macht. Als sich hinter den Fassaden eine Unterwelt auftut, deren Zusammenhänge sie in ihrem Comic beschreibt, welcher natürlich den dubiosen Gestalten in die Hände fallen wird, scheint sie, nachdem sie Larrisas Schicksal aufgeklärt zu haben meint, ihres Lebens in der Stadt nicht mehr sicher. Letzte Hoffnung bleibt ein einziges Comic-Regularium: "Heros can't die, `cause who would then complete their missions"?

Zwei Filme kommen beim Zuschauen unentwegt in den Sinn: Sofia Coppolas traumähnlicher Lost in Translation (USA 2003, Kritik hier) und David Lynchs Blue Velvet (USA 1986). Nicht gerade die besten Karten für einen Film, der sichtlich darum bemüht ist, eine eigene Semantik zu entwickeln, um die aus hochsubjektivierter Perspektive erzählte Geschichte ästhetisch aufzulösen. Gerade zu Beginn, wenn das dichte Tokio, nach knapper Exposition in Europa, zur bestimmenden Kulisse wird, ähnelt man in seinen traumwandlerischen Streifzügen per Auto oder per pedes durch die Stadt doch recht frappant Sofia Coppolas jüngstem Film. Der Vorwurf des bloßen Plagiats zielt zwar ins Leere - beide Filme wurden in etwa zeitgleich produziert -, doch schafft es The Stratosphere Girl zu diesem Zeitpunkt kaum, aus dem Schatten (und der Klasse) des anderen Films zu treten. Erst als der Plot sich zunehmend wandelt und weg kommt von der Poesie aus Neonlicht-Fassaden und Exotismus, wenn er sich mehr und mehr als Thriller zu erkennen gibt, bekommt man Lost in Translation aus dem Kopf, nur um dann wiederum wenig später bloß Lynchs bizarres Meisterwerk der 80er Jahre vor Augen zu haben (auch wenn allzu Schmieriges in Obergs Film bestenfalls angedeutet wird, nie aber im Bildkader so etwas wie Repräsentanz erfährt). Etwas verhalten, beinahe schon verträumt naiv entfaltet sich hinter den Oberflächen von gediegener Abendclubatmosphäre, mehr oder weniger offenem Rivalinnentum um die reichsten japanischen Geschäftsmänner und der Glitzerplastikatmosphäre eine kleine, abgründige Welt, in der Zuhälter böse tun, Yakuza-Bosse böse kucken und Sex böse aussieht (letzten Endes aber alles nie wirklich glaubhaft böse und somit abgründig ist).

Die Auflösung dieses, zumal für Genrekenner eher leicht gestrickten Knotens entspricht dann auch den Vermutungen des geschulten Zuschauers von gleich zu Beginn: Könnte alles ja auch ganz anders sein. Vielleicht sehen wir nur Assoziationen eines mit dem Discman durchs Zimmer tanzenden Mädchens, welches vielleicht gerade zuvor einen spannenden Film gesehen hat. So erklärt sich denn auch final, mit eben diesem Bild im Abspann, die immer etwas seltsam verschämte Atmosphäre des Films: Eigentlich ist das alles nur Mädchenkitsch aus dem Jugendzimmer. Das ist an sich noch gar nichts Schlechtes. Sofia Coppolas Filme sind schließlich auch nichts anderes. Nur beide Jugendzimmer sind dann eben doch unterschiedlich eingerichtet: Bei Coppola finden wir orangefarbene Plastikplattenspieler, verkratzte Vinylsingles auf einem fusseligen Flokati und dann noch Lackschuhe, deren abgeplatzte Stellen hastig mit schwarzem Filzer übermalt wurden. In The Stratosphere Girl indes riecht alles nach Dachzimmer mit Schräge, Ikea-Nachttischlampe, Bravo-Hits-CDs und einem Blick in den sauberen Garten, wo Muttern gerade die Hecken schneidet. Etwas Abenteuerkolorit für's Reihenhaus, wie schade um die teils ja sogar wirklich sehr schönen Bilder.

Der Film läuft auf den 54. Internationalen Filmfestspielen Berlin im Rahmen der Panorama-Sektion und ab 02. September 2004 im Kino.

>> The Stratosphere Girl (Deutschland 2003)
>> Regie/Drehbuch: Matthias X. Oberg
>> Darsteller: Cloé Winkel, John Ng, Tara Elders, Mette Louise Holland, u.a.
>> Länge: 85 Minuten

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