Donnerstag, 22. Januar 2004
Als Ikushima in Amagasaki ankommt, einer wenig einladenden Stadt im Industriegürtel Osakas, wird er von der Inschrift des Höllentores aus Dantes "Göttlichen Komödie" empfangen: Wenig später schon befindet er sich in einem heruntergekommenen Wohnblock, der in mancherlei Hinsicht an die Vorhölle denken läßt, sich anfühlt wie ein Ort zwischen Leben und Tod. Tagein, Tagaus widmet er sich mit bemerkenswerter Leidenschaftslosigkeit und stoischer Disziplin seiner Arbeit: dem Anfertigen kleiner Fleischspieße. Er gewinnt durch seine Selbstlosigkeit die Zuneigung seiner Chefin, einer Gestrandeten ohne Hoffnung, die sich einmal am Tag bei ihm blicken läßt, eine Zigarette raucht, ihm Geschichten aus ihrem Leben anvertraut. Die Nachbarn, Nutten, Kreinkriminelle, ein obskurer Meitertätowierer, allesamt Menschen am äußersten Rand der Gesellschaft, bleiben Fremde, lassen ihn wissen dass er nicht hierhergehört. Und Recht haben sie.

Von einem Freund - oder ist es ein Arbeitskollege? - der ihn aufgespürt hat um ihn zurückzuholen, in die Mitte, von ihm erfahren wir, daß Ikushima ein ambitionierter Schriftsteller war. Was passiert ist, was sein Leben verändert hat, bleibt wie vieles in diesem Film im Verborgenen, wird, wenn überhaupt, allenfalls vorsichtig angedeutet. Akame 48 Waterfalls funktioniert auf der assoziativen Ebene, hat seine stärksten Momente, wenn er seine Bilder mit viel Gespür für Stimmungen und Zwischentöne für sich sprechen läßt. Nur selten, im letzten Drittel des Films, wenn die unmögliche Liebesgeschichte zwischen Aya und Ikushima längst übernommen hat, verläßt der Film diese Ebene, in den Szenen selbst, wenn er unnötig viel über den Dialog auf den Punkt bringen will. Dabei hat Genjirou Arato bis dahin sorgfältig gearbeitet. Man hat immer den Eindruck, dass jeder Akzent bewußt und ganz kontrolliert gesetzt wird, dass nichts der Intuition überlassen bleibt. Manchmal läuft der Film dabei Gefahr sich die Lebendigkeit zu nehmen, bei der Inszenierung der Schauspieler etwa, die im übrigen durch die Bank ganz wunderbar auf ihre zu spielenden Rollen hin besetzt wurden (ein Paradebeispiel für gelungenes Typecasting). Der drohenden "Künstlichkeit" im Spiel, die wie ich glaube den Film gesprengt hätte, kommt Takijirou Onishi (Ikushima) am nächsten. Vielleicht ist das sogar das spannendste an Akame, diesem ganz speziellen Inszenierungsstil bei der Arbeit zuzusehen. Oder ist es doch die weibliche Hauptdarstellerin, Shinobe Terajima, in der Rolle der Aya. Ihre Präsenz versetzt den Film erst wirklich ins Schwingen, wird auch Motor der Geschichte, die mit der passiven Figur Ikushimas zwangsläufig irgendwann gegen die Wand gefahren wäre.

An ihr kann sich Ikushima noch ein letztes Mal aufrichten, neuen Mut finden, die Ausweglosigkeit seiner Selbstaufgabe verleugnen. Nach der seiner eigenen Logik folgenden, unvermeidbaren Dynamik des Films, führt es die beiden schließlich zu den titelgebenden Wasserfällen, einer Touristenattraktion unweit von Osaka, wo sich das Paar dem gemeinsam Freitod hingeben will. Aya und Ikushima kommen der Unendlichkeit so nahe wie irgend möglich, kulminierend in einem romantisch/kitschigen Bild einer funkensprühenden, explodierenden Feuerwerksrakete, das den orgiastischen Höhepunkt unterstreicht. Von da an kann es nur noch Berg-ab gehen. Was für Ikushima im Rücksturz endet, transzendiert Aya. Sie opfert ihr Herz für das Leben ihres Bruders und verschwindet, nicht ohne uns ein Gefühl zu vermitteln, was Glück bedeutet.

Thomas Reuthebuch

Der Film läuft auf den 54. Internationalen Filmfestspielen Berlin in der Sektion Panorama.

Akame 48 Waterfalls
OT: Akame Shijyuyataki Shinjyumisui
Regie: Genjirou Arato
Darsteller: Takijirou Onishi (Ikushima), Shinobu Terajima (Aya), Michiyo Okusu (Seiko), Yuya Uchida (Mayu)

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Als Amos Vogel sein Bürozimmer - eigentlich eher ein kleines Abstellkämmerchen, darin die so chaotische wie faszinierende Sammlung eines Lebens an Zeitungssausschnitten, Fotos und ausgeschnittenen Bildern - durchwühlt, bleibt in seinen Händen eine extrem vergrößerte Ansicht eines Fliegenkopfes im DINA4-Format hängen. "It's amazing", kommentiert er das Bild kurz darauf, das auch einem Horrorfilm entstammen könnte, "it's all biological, nature. But to take this photograph and make us see this, people had to built several technical devices." Der Blick durch die Linse, auf fotografischem Material festgehalten, ermöglicht es dem Menschen, seine natürlichen Sehgewohnheiten zu überwinden und sich neue Realitäten, neue Standpunkte zu konstruieren. Mit wenigen Worten findet sich Amos Vogels Lebensprojekt - die stete Suche nach diesen neuen Realitäten oder auch "new truths", wie er sie in dieser Dokumentation an einer Stelle nennt - auf den Punkt gebracht, ohne deshalb geschmälert zu sein. "It's about visual sensibility,", so Vogels erste Worte in diesem Film, "forms and shape. That's what interested me in movies." Der Film setzt diese Präambel umgehend in ein Bild um: Graue Flächen, schlierig-weiße Flecken darauf. Erst als sich Füße darüber bewegen, wird ersichtlich, dass allein durch Wahl der Kameraposition, ohne sonstige technische Hilfsmittel, ein ganz gewöhnlicher Zebrastreifen für den ersten Blick zur Unkenntlichkeit verfremdet wurde.

Doch es bleibt bei solchen vereinzelten Spitzen, in denen Paul Cronins Dokumentation sich selbst zu einem experimentellem Film aufschwingt. Jenseits dessen ist man oral history pur und geradezu klassisch konventionell. Das ist beileibe nichts Schlechtes, im Gegenteil, denn als Filmfreund ist es kaum möglich, von Amos Vogels Biografie und seinen Anekdoten zur Geschichte des legendären Filmclubs Cinema 16, den er 1947 in New York gründete, um endlich all jene Avantgarde- und Experimentalfilme sehen zu können, von denen er soviel gelesen hatte, nicht begeistert zu sein. Cronin folgt Vogel an verschiedene, für dessen Biografie relevante Orte in New York und lässt ihn, wie andere Zeitgenossen und Cinema-16-Kollegen zu Wort kommen. Angereichert durch so seltenes wie faszinierendes Material aus dem Experimentalfilm, entsteht so eine spannende Geschichte einer wegweisenden Film Society, die in ihren Blütezeiten mehrmals täglich ein Kino mit 1600 Plätzen füllen konnte und ohne die der heutige Film vermutlich nicht das wäre, was er heute ist. Dramatisch wird es, wenn Vogel, selbst österreichischer Jude und Flüchtling vor dem Dritten Reich, den Propagandafilm Der ewige Jude (D 1940) zeigen will und die Zensurbehörde den Film kurzerhand (zunächst) beschlagnahmt. Dass er diesen Film dennoch zeigen konnte, dass die Vorführung zu einer der interessantesten in der Geschichte des Filmclubs überhaupt wurde, erzählt Vogel nicht ohne Stolz und man glaubt das diesem alten, wachen Mann ohne weiteres. Schön wird es dann, wenn Hitchcock sich für eine Vorführung anmeldet und statt der in Aussicht gestellten zwei Rollen seines soeben vollendeten The Man, who knew too much (USA 1956) überraschend den gesamten Film im Gepäck hat und diesen auch gerne in voller Länge zeigen möchte - "if you don't mind." Ein leichtes Glitzern ist da in Vogels Augen zu sehen, als er davon berichtet, wie Hitch im folgenden zudem brav jede Frage aus dem Publikum beantwortet. Etwas Neid kommt auf: Das erfüllte Leben, auf das dieser Mensch zurückblicken kann, scheint, trotz aller Tragik der Flucht, unvergleichbar.

So schön und spannend dieser Film auch ist, so unbefriedigend ist er in gewisser Hinsicht auch: Wenn Vogel in seiner New Yorker Wohnung zu erzählen beginnt, wandern die eigenen Augen unweigerlich herum. Wie gerne man doch dieses überfüllte Buchregal im Hintergrund doch jetzt in diesem Moment durchforsten möchte. Und dann da hinten, dieser ominöse Pappkarton, mit der kritzeligen Aufschrift "Videotapes" - welche Schätze verbergen sich wohl darin? Und dann erst das Archiv neben eingangs erwähntem Büro: Aktenschränke, übervolle Kartons, darinnen Notizen noch aus Österreich, Bilder, Tausende von Kinoprogrammen von vor Jahrzehnten. Überall möchte man hineinsehen, forschen, entdecken. Und von den immer wieder eingeschnittenen Ausschnitten experimenteller Filme mal ganz zu schweigen: Faszinierend sehen sie aus, man rebelliert fast dagegen an, wenn der Schnitt uns zurück in die Doku, ins New York der Jetztzeit holt.

Diesen Film im Berliner Kino Arsenal zu sehen, macht Sinn. Ein Cinema 16, wie es dieser Film zeigt, ist das kleine, sympathische Kino am Potsdamer Platz, wo es in seiner Entspanntheit doch eigentlich so gar nicht hinpassen will, zwar beileibe nicht, aber wahrscheinlich eben doch das, was ihm in dieser Stadt noch am ehesten nahe kommt. Immerhin.

Der Film läuft auf den 54. Internationalen Filmfestspielen Berlin im Rahmen der Sektion "Internationales Forum des jungen Films".

>> Film as a Subversive Art: Amos Vogel and Cinema 16 (UK/USA 2003)
>> Regie: Paul Cronin
>> Mitwirkende: Amos Vogel, Marcia Vogel, u.a.
>> Länge: 56 Min.

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Mit Fatih Akins Gegen die Wand steht nun auch der zweite deutsche Wettbewerbsbeitrag der diesjährigen Berlinale fest. In seinem vierten Spielfilm verfolgt Akin seine junge Protagonistin beim verzweifelten Versuch, aus den Zwängen ihrer Kultur zu entfliehen. Nach einem Selbstmordversuch trifft Sibel den ebenfalls türkischstämmigen Cahit. In einer Scheinheirat sieht sie die Chance, ihrer streng gläubigen Familie zu entkommen. Cahit lässt sich auf das Arrangement ein, fortan teilen die beiden sich eine Wohnung, doch kaum mehr. Zunächst.

Nach dem eher etwas überschätzten Solino (D 2002) darf man auf Akins Rückkehr zu seinen filmischen Wurzeln gespannt sein.


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