Mittwoch, 28. April 2004
Während, wie gerade bemerkt, "kompetente Praktikantinnen" Zeitdokumente mittels sanfter Gewalt verschwinden lassen wollen, haben sich heute in Würzburg die ganze Großen unter den Zensoren zum Stelldichein eingefunden: Bundesprüfstelle tagt und verkündet: Jetzt legen wir im Internet mal 'nen Zahn zu.

Witzig und in gewisser Weise auch sehr typisch einerseits für den dort herrschenden Kontrollwahn, andererseits die dort grassierende Naivität der letzte Satz: " ... die Vertriebsbeschränkung für all die Medien, die die Tatbestandsmerkmale Kriegsverherrlichung, Verletzung der Menschenwürde, geschlechtsbetonte Körperhaltung von Personen unter 18 Jahren und kindliche Entwicklungsstörung erfüllten, stellten nicht nur Kontrollinstanzen, sondern auch Strafverfolgungsbehörden vor kaum zu bewältigende Aufgaben." Ja meine Güte, dann lasst's doch gleich bleiben! Was wollt ihr denn machen? In Deutschland Internet abschaffen, damit kein 12jähriger mehr bei rotten.com vorbeischaut? Naive Bande.


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Es ist zu bedauern, dass jene "sehr kompetente Praktikantin" offenbar der Kompetenzen nicht genug besaß, um auch folgendes Buch zu kennen: Umberto Eco: Derrick oder die Leidenschaft für das Mittelmaß (dtv)

Dann wäre solcherlei grotesker Unfug vielleicht nicht passiert (wenn man die darin zu findende Kolumne Politisch korrekt oder intolerant? gelesen hätte nämlich, die bei weitem nicht in das blecherne Horn bläst, das man nun angesichts des Titels vielleicht schon zu hören meint).

[via hermetisches café]


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Gerade noch auf der Suche nach Bildmaterial entdeckt: The Encyclopedia of Fantastic Film and Television, die mir, auf den ersten Blick, sehr vielversprechend erscheint, vor allem weil offenbar auch Kritiken zu alten Horrorfilmen zwar nicht aufgeführt, wohl aber bibliografisch aufgelistet werden. Und erstaunlich komplett scheint das auch zu sein.

Mal merken für später.


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27.04.2004, Heimkino

Die Hammer Studios ließen es in den 60ern nicht nur in den Karpaten oder zwischen Ingolstadt und Genf gruseln. Nein, manchmal durfte auch das (damalige) Hier und Jetzt für eine Fahrt mit der Geisterbahn herhalten, auch wenn das vormoderne Element, wie auch die Distanz zum urban-mondänen Leben, auch hier freilich zu seinem Recht kommt: Eine junge Frau (Stefanie Powers) möchte, bevor sie mit ihrem Verlobten zusammenzieht, der verwitweten Mutter (Tallulah Bankhead) ihres früheren, verstorbenen Verlobten noch einen Besuch abstatten, dies habe sie der alten Dame versprochen. Die lebt abgeschieden in einem Anwesen auf dem Land, zusammen mit dem geistig etwas zurückgebliebenen Joseph (Donald Sutherland in noch sehr jungen Jahren) und einem verschobenen Bedienstetenpärchen. Dass der Besuch eine schlechte Idee war, stellt sich schon bald heraus: Die Alte ist eine christliche Fundamentalistin (buchstäblich) vor dem Herrn und sinnt danach, die, so ihre verschrobene Wahrnehmung, Gattin ihres verstorbenen Sohnes von den Sünden des modernen Lebens zu heilen - notfalls mit Gewalt.

Ein seltsamer Bastard von einem Film, doch sei damit nichts negatives gesagt. Die Grundstimmung ist natürlich märchenhaft: Assoziationen an Rapunzel (eingesperrt in der Dachkammer) und böse Stiefmütter werden wach, wie auch die Konstellation der Personen mit Knecht und Magd, vor allem aber mit dem herbeieilenden Ritter zum Ende hin an die Erzählungen von Gebrüder Grimm und Konsorten erinnern. Das Ambiente der gammlig-antiken Hütte, in der das Geschehen in diesem Nahezu-Kammerstück seinen Lauf nimmt, und dessen Inszenierung tun ihr Übriges: Ein gothisch angehauchter Gruselfilm mit stetem Bezug zur Jetztzeit, bis zum Bersten aufgefüllt mit den Spannungen zwischen modernem Lebenswandel und mittelalterlicher Askese - der Grundessenz also, auf struktureller Ebene, des Vampirfilms.

Aber auch: Moderner Horrorfilm, der sich hier schon in einzelnen Moment abzuzeichnen scheint, ja geradezu schon von dessen Geist durchdrungen wirkt. Denn die Struktur der Narration deckt sich auffällig mit dem Texas Chain Saw Massacre (US 1974) und wenn die junge Frau flieht, indem sie das Fenster ihres Verließ im Dachstuhl zertrümmert, rausspringt und über die weite Flur rennt, nur um wieder von dem sadistischen, selbst schon leicht wahnsinnigen Diener des Hauses eingefangen zu werden, wenn der junge Sutherland als tumber -ja was? Sohn? Knecht? Adoptivkind? - Gesichter zieht und lallt, dann nimmt das die Stimmung von Hoopers Kettensägenklassiker schon in Auszügen vorweg - wenn auch das Ergebnis weit naiver ausfällt. Aber wen sollte es wundern: Tobe Hoopers Film - eine lose Adaption des serienkillenden Treibens von Ed Gein, der auch schon Psycho (US 1960) beeinflusste - beruft sich selbst schon wieder strukturell auf die Vorgaben von Hänsel und Gretel. Mit einem Unterschied freilich, der sich vielleicht an der Position in der Film-, aber auch Sozialgeschichte festmachen lässt: Ein final girl gibt's hier noch nicht. Der Gatte in spe eilt zu Hilfe, zynischer Beschluss: Weil ihre Reise zur Beinahe-Schwiegermutter auch Folge eines Widerwortes ihrerseits gewesen ist, mahnt er sie an, in Zukunft nicht mehr zu widersprechen, sie fällt ihm um den Hals - vom Gefängnis durchgeknallter Fundamental-Christen ab ins Patriarchengefängnis, für mehr war die Zeit, scheint's, noch nicht reif.

Doch der Film funktioniert, ganz wunderbar sogar, was vor allem mit der wunderbaren Zusammenarbeit von Kamera, Austattung und der grandios besetzten und agierenden Schauspielerriege zu tun hat. Allein der rettende Ritter bleibt etwas blass, aber der ist ohnehin nur Erfüllungsgehilfe der Genrekonventionen und an sich kaum von Interesse. Das Haus ist schaurig-schön in Szene gesetzt, vielleicht hätte zwar Meister Bava das ganze noch mit einem Tick mehr optischer Grandezza versehen, aber immerhin reicht es zum Ende hin an einer Stelle zu einem - zufälligen? intendierten? - Zitat in der Ausleuchtung. Großartig ist natürlich vor allem Tallulah Bankhead in der Rolle der bösen Oma, die mit eigentlich ganz fürchterlichem Overacting ihrer Figur eine campy Ausstrahlung verleiht, dass der ganze asketische, alttestamentarische Schmonz, den die gar nicht nette Kaffeetante von sich lässt, gleich doppelt gut zur Geltung kommt. Der Effekt changiert dabei zwischen offen gruselig und heillos amüsant - eine an sich nicht zumutbare Mischung, doch hier gibt das dem Film gerade noch den nötigen Pfiff.

Ein wunderbar morbid-makabrer Spaß - in jeder Minute.
Das düstere Haus (Fanatic/Die! Die, my Darling!; GB 1965)
Regie: Silvio Narizzano; Drehbuch: Anne Blaisdell (Roman), Richard Matheson; Kamera: Arthur Ibbetson ; Darsteller: Stefanie Powers, Tallulah Bankhead, Donald Sutherland, Peter Vaughan, Maurice Kaufmann, u.a.

mrqe



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Thema: Visuelles
Neue Rubrik: "Aushang" - schickes Artwork also, hier und dort entdeckt. Weil Film mehr ist, als bloß bewegte Bilder. Und dann gleich eine Subsparte: "At the Grindhouse" (was ist das) - abenteuerlich, wagemutig, spekulativ, schräg.

Los geht's!



imdb


dito.


imdb


dito.

[von dort, da auch hochauflösend (für kurze Zeit)]


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Ein Kind war Zeuge erzählt eine Geschichte, wie sie der heutige Kinogänger oder Filmfreund so ähnlich auch schon aus Clint Eastwoods Perfect World (USA 1993) kennt und die für diesen vielleicht sogar als Blaupause diente: In den Jahren kurz nach dem 2. Weltkrieg wird in England ein junger Mörder aus Leidenschaft, Chris Loyd, unmittelbar nach seiner Tat von einem kleinen Jungen, Robbie, überrascht. Kurzentschlossen nimmt Chris den Kleinen unter seine Obhut; zunächst noch, weil er ein Zeuge sein könnte, später dann, weil er ihm von Nutzen ist, und schließlich, weil sich zwischen beiden eine zärtliche Freundschaft entwickelt, die mit Vater-Sohn-Beziehung nur unscharf umschrieben wäre. Begünstigt wird diese Entwicklung dadurch, dass auch der Junge - wie wir selbst nur Stück für Stück erfahren - kein Interesse an einer Rückkehr nach Hause hat, weil er zuvor beinahe das Haus der Stiefeltern abgefackelt hat und nun mehr als nur die Schläge, die ihm ohnehin Alltag sind, fürchtet. Die Flucht der beiden - aus der Stadt hinaus, dann querfeldein - abenteuerlich, entwickelt aber - da die Ordnungskräfte eine tragische Geiselnahme wähnen und die Presse ins gleiche Horn bläst - zunehmend dramatischen Charakter.

Für den kriminalistischen Aspekt der Handlung interessiert sich der Film kaum. Deutlich wird dies gleich zu Beginn, wenn Robbie in den zerbombten Keller platzt und Chris sich von der noch warmen Leiche erhebt. Die sehen wir jedoch erst nach dem lauten Dialog, der dieser plötzlichen Begegnung folgt, und nachdem beide den Schauplatz verlassen haben: Dann erst senkt sich die Kamera und erschließt uns so den Rest des Raums, an dessen Boden wir das Opfer der Tat dann sehen können, um uns so im Nachhinein über das Ausmaß der Begegnung erst bewusst zu werden. Die Hintergründe des Verbrechens werden allenfalls bruchstückhaft in Dialogen und Andeutungen erläutert: Vermutlich handelte es sich bei dem Opfer um einen finanziell besser situierten Liebhaber von Chris' Ehefrau, die die langen Abwesenheiten ihres Gatten - ein junger Seefahrer - offensichtlich nicht ungenutzt verstreichen ließ. Auch die Lebensumstände des Kleinen bleiben ähnlich nebulös und werden - nach einer ungemein flott inszenierten und dynamisch geschnittenen Exposition, die uns ohne Umschweife in diese besondere Situation wirft - nur Stück für Stück erläutert: Striemen am Rücken scheinen - entgegen den Beteuerungen der Eltern gegenüber der Polizei - von einem gewaltsamen Zuhause zu erzählen, das genuin verschreckte und zurückhaltende Auftreten des Kleinen, der in Chris offenbar nicht nur einen Freund, sondern auch in den kargen Umständen der Flucht die Option auf ein Abenteuer und ein besseres Leben zu sehen scheint, tut sein übriges. Der Umgang mit den filmischen Mittel gleichr sich diesem Entblättern der eigentlichen Umstände an: Nach dem turbulenten Auftakt ruht sich der Film beinahe schon aus und nimmt sich viel Zeit für die Besonderheiten seiner personellen Konstellation.

Über die moralische Dimension des Kapitalverbrechens finden im folgenden kaum noch Überlegungen statt, im Gegenteil: Die Ermittlungen gegen Chris, die zu Beginn noch häufig eingeschnitten werden, nehmen im Verlauf zunehmend weniger Raum für sich ein und bilden besonders im letzten Drittel nurmehr die das Geschehen bestimmende Kulisse, vor der sich nicht nur eine Freundschaft entwickelt, sondern auch eine melodramatische Syntax ausbuchstabiert: Im wesentlichen ist Ein Kind war Zeuge also schon Melodram, das die Motorik der Umstände, aus denen der Einzelne auszubrechen kaum in der Lage ist, Stück für Stück über den bloßen Genrekontext hinaus glaubhaft nachzeichnet. Bemerkbar macht sich dieser soziale Kommentar auch an der Thematisierung des Krieges und der diesem folgenden Jahre der Depression, indem er zerbombte Bauten und ähnliche Beschädigungen bewusst in seine äußere Erscheinung einbaut und für seinen grundlegend melancholischen Tenor zu verwenden weiß. Gerade hierin liegt, neben der sensiblen und gelungenen ästhetischen Gestaltung, die Güte des Films, der sich somit - vor allem auch aufgrund der Schilderung des provinziellen Lebens in der zweiten Hälfte seiner Spielzeit - weitläufig im Dunstkreis des Neorealismus verorten lässt, der sich nur wenige Jahre zuvor in Italien seiner Genese erfreuen konnte.

Die filmische Gestaltung ist zudem gelungen: Die Spielorte sind mit Bedacht und dem Wissen um ihre atmosphärische Wirkung ausgesucht und vom Zusammenspiel von Kamera- und Ausleuchtungsarbeit gewinnbringend im Film repräsentiert. Vor allem in den Szenen, die sich auf den Genreaspekt der Geschichte konzentrieren, sind die ästhetischen Vorläufer der Filmgeschichte, auf die sich hier berufen wird, offensichtlich: Nächtliche Treppenhäuser und die Schatten darin künden vom deutschen Expressionismus der frühen Zwanziger, der orientierungslose junge Mann, der sich hier auf der Flucht befindet und eigentlich doch der Gute zu sein scheint, wie überhaupt die Perspektivverschiebung der Erzählung, wirkt vom Film Noir der Vierziger beeinflusst, dessen Äußerlichkeiten zudem in die ästhetische Gestaltung eingeflossen sind. Die handwerklich perfekte und sichtlich besonnen durchgeführte Gestaltung nimmt diese Verfahrensweisen geschickt auf, um einen ästhetisch wie atmosphärisch stimmigen Film zu entwerfen.

Ein Kind war Zeuge geht nicht unbedingt der Ruf eines großen Klassikers voraus, obwohl der Regisseur für seine Leistung auf dem Filmfestival Locarno honoriert wurde. Bis zu dieser Veröffentlichung war mir der Titel beispielsweise vollkommen unbekannt. Dass er sich nun dieser Tage einer Veröffentlichung auf DVD in der "Great Movie Classics"-Collection neben den dort bislang erschienenen Dickens-Filmen von David Lean erfreuen kann, ist wiederum für den Zuschauer höchsterfreulich, der nun die Gelegenheit hat, diesen schönen und spannenden Film in adäquater Form wiederzuentdecken.

Eine DVD erschien dieser Tage im Hause Koch Media. Diese zeichnet sich wie gewohnt durch eine sehr gute Bild- und Tonqualität aus, auch wenn hie und da ein leichtes Rauschen im Bild festzustellen ist. Die Extras sind auf der DVD recht schmal bemessen, dafür liegt auf einer Extra-CD "Reclams Elektronisches Filmlexikon" als Bonus bei.
Ein Kind war Zeuge (Hunted, Großbritannien 1952)
Regie: Charles Crichton; Drehbuch: Michael McCarthy (Geschichte), Jack Whittingham; Kamera: Eric Cross; Schnitt: Gordon Hales, Geoffrey Muller; Musik: Hubert Clifford; Darsteller: Dirk Bogarde, Jon Whiteley, Kay Walsh, Elizabeth Sellars, Geoffrey Keen, Frederick Piper, Jane Aird, u.a.; Länge: ca. 82 Minuten




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