Freitag, 14. Mai 2004
Thema: festivals
Nach dem eher verhalten aufgenommenen Eröffnungsfilm La Mala educación (Spanien 2004) von Pedro Almodóvar, wurde der Wettbewerb mit Nobody Knows (Japan 2004) fortgesetzt. Regisseur Hirokazu Kore-Eda zeichnete bereits für die Filme After Life (J 1998, hier meine Kritik für F.LM) und Maborosi (J 1995) verantwortlich und erhob bereits hier die formale Reduktion zu seinem Erkennungsmerkmal. In Nobody Knows treibt er diese, dem Vernehmen nach, auf die Spitze und erzählt in knapp zweieinhalb Stunden die tragische Geschichte von vier von der Außenwelt abgetrennt aufgezogenen Halbgeschwistern, deren gemeinsame Mutter die Kinder in der Tokioter Wohnung zurücklässt, um einen anderen Mann zu heiraten.

Hier die offizielle Vorstellung des Films auf der Website des Festivals.

Die deutsche Presse reagiert auch hier eher verhalten: Daniel Kothenschulte (FR) empfand die Szenen oft als "quälend langsam" und erwartet in diesen nicht selten "nur das Schlimmste", doch "widersteht Kore-eda lange der Versuchung, diese Schreckenserwartung zu erfüllen." Die "Langlebigkeit der Hoffnung", um die es Kore-Eda ginge, hätte man "in dieser Form noch nie erfahren." Ein namenlos bleibender Autor (Schulz-Ojala?) des Tagesspiegels stellt fest, dass der Film zwar " groß und konzis" beginne, seine Geschichte aber irgendwann "nur noch pflichtgemäß zum düsteren Ende zu führen" scheint. Es gäbe so "wenig Überraschendes [...] in den Bildern zu entdecken", dass man den Film sich auch gut "erzählen lassen könnte". Erfreut ist er aber über den "überzeugend ernsthaften Ton", den beide ersten Wettbewerbsfilme angeschlagen hätten. Rüdiger Suchsland (artechock) hat in dem Film bereits einen Festivalfavoriten ausgemacht und schwärmt von einer "magische[n] Odyssee der Weltentdeckung". In der FAZ erzählt Kilb den Film eigentlich schon ein Stück zuviel nach und bemängelt als "Problem des Films" seine "Erwachsenensicht": "Statt sich ganz auf die Perspektive der Kinder einzulassen, greift Hirokazu zwischendrin immer wieder zu Einstellungen, die einen topographischen oder soziologischen Überblick geben sollen, aber letztlich nur die Reinheit seiner Erzählung zerstören." Der Film nähme seinen eigenen Titel nicht ernst: "er weiß immer ein bißchen zuviel", wodurch er "manchmal nur altklug" wirke.

A.O.Scott (New York Times) schätzt an Kore-Edas Arbeit, dass er "directs his dry-eyed young actors with an extraordinary mixture of tenderness and detachment, hovering between the children's point of view and that of a stricken, sympathetic adult". Zwar sei der Film lang und langsam, "but somehow your attention never slackens" (und Almodóvars Film sei im übrigen "gorgeous, erotic and quietly pessimistic"). Ray Bennett (Hollywood Reporter) zeigt sich vor allem von den Leistungen der jungen Darsteller begeistert, empfand das Erzähltempo zuweilen aber als "maddening" und meint, der Film sei, trotz aller Stärken, eine halbe Stunde zu lang geraten. "Kore-Eda's film starts promisingly", schreibt Peter Brunette für indieWire, doch stehe der Film sich selbst im Weg: "a happy-faced banjo-like theme on the soundtrack that clashes annoyingly with the tough neo-realist approach" und Kore-Edas Hang zur offensichtlichen Symbolik ("over-obvious and tiresome") werden als Argument angeführt - "the audience's interest collapses". Roger Ebert sieht sich als vom jet lag noch mitgenommener, aber tapferer Zuschauer belohnt: "What's best about it is the one thing you'd never find in a more commercial version of this story: its avoidance of contrived melodrama and its patience in showing how the children slowly realize they are entirely on their own." Auch Peter Bradshow vom Guardian war von den jungen Darstellern tief bewegt.

Derzeit läuft im Grand Théâtre Lumière der Wettbewerbsfilm Consequences of Love (Italien 2004) von Paolo Sorrentino - hier die Vorstellung, morgen wissen wir mehr (Kothenschulte verrät schon mal: " ein herrlich erfundener, wenn auch letztlich nichtsnutziger Gangsterfilm und ein herrliches Spiel mit reduzierter Körpersprache").

mrqe


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Der komplette Satz an Bubblegum-Cards, die für den gleichnamigen Film von Tim Burton Pate standen.

Weitere Pulp-Links zum lustvollen Wühlen und Staunen:
ronsens-Linklist zum Thema | vintagelibrary.com | vintagepbks.com


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[von hier]

kino intimes | niederbarnimstr. 15 | 10247 berlin | tel 29 66 46 33

programm@zitty




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Thema: DVDs
Reviews folgender DVDs bei jump-cut.de:
  • Töte Amigo (Damiano Damiani, Italien 1966)
  • Django - ich will ihn tot (Paolo Bianchini, Italien 1967)
  • ... und Santana tötet sie alle (Rafael Romero Marchent, Italien 1970)
  • Herz aus Glas (Werner Herzog, Deutschland 1976)
  • Demonlover (Olivier Assayas, Frankreich 2002)

    Auch als Auslagerung des Filmtagebuchs zu verstehen, so gewissermaßen.


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    Thema: TV-Tipps
    Von 20:40 bis 23:00 werbefrei auf arte zu sehen: Akira Kurosawas Uzala, der Kirgise (UdSSR/Japan 1975). [mrqe]

    Um 23:00 gibt es auf dem allerdings kaum verbreiteten Sender XXP den italienischen Western Django - ich will ihn tot (Italien 1967) von Paolo Bianchini zu sehen. Ein harter, kompromissloser B-Western, der eher auf der visuellen Ebene funktioniert. Erschien vor wenigen Tagen auch als DVD, hier meine Besprechung. (und natürlich wurde dieser "Django" auch erst in der deutschen Synchro zu einem solchen - ganz klar)

    01:05 bis 02:55, zdf: Sie haben alle gelacht (USA 1981). Ein Bogdanovich aus den 80ern, also wohl - leider - wirklich nur für Komplettisten interessant.

    Währenddessen ard, von 01:20 bis 02:40, um genau zu sein: Wayne Wangs schnell nachgeschobenes Smoke-Sequel Blue in the Face (USA 1994). Leider bei weitem nicht so sympathisch wie der Vorläufer. [mrqe]

    Ein Überraschungsfilm schließlich um 02:05 auf vox, also leider mit viel, viel Erwachsenenwerbung dazwischen: Im Dreck Verreckt (talien 1968) von José Giovanni. Eine italienische Pulp-Realisation aus den späten 60ern - kann 'ne Gurke oder eine Wundertüte sein. Warten wir's ab.

    Wer gar nicht ins Bett kommt, kann sich ab 03:20 auf rtl2 mit Das Todeslied der Shaolin (HK 1976) die Pausen zwischen der Erwachsenenwerbung versüßen lassen. Lauft ofdb.de läuft der Film sogar in der Regel uncut.


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    hier.


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    Thema: festivals
    "And if you're looking for two words to sum up this year's Cannes film festival, here they are: Quentin Tarantino. [...] Tarantino's victory over Krzysztof Kieslowski's Three Colours Red was a symbolic triumph of a new breed of cineaste over the European old guard. [...] And buried in the special events programmes are a couple of Tarantino-inspired oddities: Z Channel, a documentary about an LA movie obsessive who committed suicide after murdering his wife, and, of all things, an updated Bulldog Drummond spy comedy from 1966 called Deadlier Than the Male from Ralph "Doctor in the House" Thomas. Elke Sommer leads a squad of female killers and, reportedly, inspired Kill Bill." Andrew Pulver im Guardian. Hier meine Kritik zu Deadlier than the Male.

    Über die Gewerkschaftsproteste hier und hier und auch in der taz. "It's going to fall down on whether we like the movie. Politics be damned." Quentin Tarantino, zitiert im Guardian, über Michael Moores Fahrenheit 9/11.

    "What film will win the golden palm this year? If Tarantino were choosing, it might be "2046" by the great Hong Kong director Wong Kar-Wei, or "Ghost in the Shell 2: Innocence," an animated film by Japan's Mamoru Oshii. But presidents do not necessarily control their juries, and last year Dogma founder Lars von Trier was astonished when his three-hour "Dogville" was passed over by a jury that gave the Palme to Gus Van Sant's low-budget indie production "Elephant." Both were said to be anti-American, but "Dogville" was additionally boring." Roger Ebert, und dann: "There are two press screenings of "Fahrenheit 9/11," both at exactly the same time, both in smallish venues in the Palais instead of the 2,500-seat Lumiere Auditorium, where most of the press screenings are held. Since Moore's film is the one title that every journalist in town will feel compelled to view, there'll be an ugly scrimmage outside those screenings, and I am informing my editors right now that I will not risk my life to see it. An arm or a leg, maybe."

    Deutscher Pressespiegel für heute bei angelaufen.de.

    Nachtrag: Ganz große Klasse: Cannes-Übersicht bei mrqe.com - täglich Pflicht!


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    Thema: DVDs
    Die Lady-Snowblood-Filme sind sicher einer der Haupteinflüsse für Quentin Tarantinos Kill Bill Vol.01 (USA 2003) gewesen - nicht nur das Titelthema des Soundtracks findet sich in dem Genre-Amalgam wieder, auch zentrale Rachemotive und nicht zuletzt die verschachtelte Erzählstruktur dienten der Inspiration (hier mehr Eindrücke). Schon seit längerem (und vermutlich auch: Infolge von Tarantinos internationalem Erfolg) hatte der us-amerikanische Anbieter AnimeGo eine Ausgabe des Films angekündigt, die die eher mangelhafte britische DVD (die eher eine VCD zu sein schien) locker übertreffen sollte.

    Die Edition erschien vor wenigen Tagen, liegt mir vor und: fällt leider nach den großspurigen Ankündigungen etwas enttäuschend aus. Das Bild ist allenfalls graduell, nicht aber signifikant schärfer als das der bisher erhältlichen RC2. War diese eher saftlos, was die Farben betrifft, hat man für die neue Auflage ordentlich an den Reglern gedreht, mit dem Ergebnis, dass nun über allem ein satter Rotstich liegt und alles knallig-fleischig aussieht. Ganz ehrlich: Da gefiel mir der eher ausgeblichene Look der britischen DVD beinahe noch besser. Nennenswerte Extras wurden nicht beigelegt, allerdings findet sich in der Hülle eine kleine Karte mit Erläuterungen zum historischen Background des Films und dessen Bezügen zu diesem.

    Auch wenn der Film großartig ist, kann die DVD nur bedingt empfohlen werden. Nach den großen Ankündigungen schmerzt dies natürlich. Zu welcher DVD man letztlich greift, ist wohl dem Geschmack des Einzelnen überlassen: Blasses Bild oder rotstichig fleischiges Bild - you know best. Im Zweifelsfall ist die RC1 aber wohl aufgrund ihres etwas schärferen Bildes vorzuziehen. Für dieses Jahr ist im übrigen sogar eine deutsche DVD angekündigt - es steht zu hoffen, dass diese dem Film endlich die Editionsqualität beschert, die er auch verdient hätte.

    teil 1:imdb | teil 2:imdb


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    "Wie beim Snuff Porno, der den realen Mord eines Opfers zeigt und zu hohen Preisen illegal gehandelt wird, musste Nicholas Berg nur sterben, damit sein Tod gefilmt werden konnte." Bernd Pickert kommentiert die Leerstelle auf Seite 1 der heutigen taz.

    Ganz im Ernst: Dieser Platzhalter ist gut. Er ist sogar wichtig. Nicht, weil Augen zuzudrücken wären, wo es grässlich wird. Sondern weil die Rolle der Medien in einem solchen Fall zumindest thematisiert werden muss, die Dopplungen ins Unendliche einer solchen Tat zumindest an einer Stelle nicht stattfinden.

    Aber, liebe taz, muss eine solche (richtige und wichtige) Stellungnahme gleich mit dem Mythenstricken Hand in Hand gehen? Muss eine solche Stellungnahme gleichzeitig in die Untiefen der bürgerlich-verschreckten Entrüstung hinabgleiten und das Schreckgespenst vom "Snuff Porno" an die Wand projeziert werden, noch dazu in einem Indikativ, der Kennertum suggeriert, wo einfach nur Angst vor Videokassetten und dezentralisiert angefertigten Medieninhalten herrscht? Wo doch jeder weiß, dass von der Existenz von "Snuff Pornos" nur der weiß, der, beispielsweise, schon von fiktiven Splatterfilmen nichts wissen will. Forscher wie David Kerekes oder auch hierzulande Jörg Buttgereit haben jedenfalls nach Jahren von Recherche keinen Snuff Porno (der dieser Definition auch stand hält) auftun können. Anzunehmen ist, dass wir es hier mit einem verzögerten Echo der Mondo- und Kannibalenfilmwelle der frühen 70er zu tun haben - die in der wenig später losbrechenden Homevideo-Welle ihren Teil zur Mythenbildung "Snuff Videos" beitrugen.

    Liebe taz, so wichtig ich Eure heutige Leerstelle im Konzert der Video- und Mediendiskurse finde: Sie rechtfertigt noch keinen spekulativen Sensationsjournalismus, der sich im Indikativ des so-ist-es-zu-wissen verbirgt. Dazu ist das Thema zu wichtig, der Anlass zu tragisch. (mal ganz davon ab: Wie soll das Video eines extra hierfür begangenen Mordes auch sonst gehandelt werden, wenn nicht illegal?)


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    Thema: Visuelles



    [imdb]


    [imdb]

    von hier.


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    "Es mag hart klingen, aber mich haben diese Bilder nicht besonders entsetzt. Ich habe solche Szenen im Kopf, etwa aus den KZ?s, aus Splatter- und Pornofilmen. Wir können diese Bilder verdrängen, aber dann geben wir uns jener Illusion hin, die die harmlosen Ausgaben der Tagesschau verbreiten: dass wir in einer halbwegs zivilisierten Welt leben. Aber eine Öffentlichkeit, die immer noch so tut, als hätte sie nicht gewusst, welche Verwüstungen der Krieg anrichtet, ist scheinheilig. Neu ist einzig die Zirkulation im Internet, in den elektronischen Medien, in Zeitungen."

    Klaus Theweleit in der SZ.

    Im Web zu finden unter anderem als american_iraq_beheading_nick_ berg.wmv.


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