Dienstag, 1. Juni 2004
Ein zuweilen doch recht amüsantes Interview mit der Kiesbauer im Spiegel aus Anlass der letzten Arabella-Sendung. Offenbar ist man Bildungsbürgerin geworden, trotz allem. Auszüge, bzw. Zusammenschnitt:

"Was ich tu das will ich / Und was ich will - je nu das tu ich manchmal nicht." | Der Rest ist Schweigen. | Andererseits haben wir das Fernsehen demokratisiert. | Aber meine Talkshow war von der Gattung her eher ein journalistisches Format | Es war eine Art antiautoritäres Fernsehen | Das heißt aber nicht, dass ich das jetzt als Kunst ansehe. | Aber wie beim Talk will ich die moralische Instanz bleiben, die gewisse Werte vertritt und dafür sorgt, dass am Ende der Gute gelobt und der Böse gescholten wird.

Nun denn.


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31.05.2004, Heimkino

Chinesische Provinz, vor vielen, vielen Jahren: Eine alte, morbide Legende erzählt von einem Laternenmacher, der menschliche Haut als Rohstoff für sein Handwerk verwende. Und so beginnt denn dieser Film mit Blitzen und Donnergrollen und er zeigt uns in kurzen Lichtsekunden blutbenetzte, herabhängende Beine und ebenso blutiges Handwerkszeug ...

Doch bis der versprochene Horror des Vorspanns in den Film eintritt, ist es noch etwas hin: Ein Dorffest mit den zwei mächtigsten Männern der Gemeinde, die sich - natürlich - nicht riechen können, dient ihm zur Exposition. Wir erfahren Grundkonflikte, ohne dass diese allzu konkret ausformuliert würden. Natürlich geht es um Stolz, Eitelkeit und Ehrabschneidung: Wer zum Neujahrsfest dem Dorf den schönsten Lampion präsentieren kann, gewinnt. Diese simple Anordnung gewinnt im Verlauf an Tiefe und Komplexität, ohne dass dabei das richtige Maß überschritten wäre, ganz im Gegenteil ist es beeindruckend, mit welch sicherer Hand der Film - immerhin eigentlich als knalliger Reißer angelegt - stets die Balance zwischen Martial Arts, Horror, Groteske und Drama hält, seine mäandernden Verflechtungen immer wieder zum Mittelpunkt des Films zurückführt. Das ist alles andere als der gewohnte Standard in diesem Segment der Filmproduktion.

Im wesentlichen folgen wir Master Lung, der einen alten Lampionmeister in die Pflicht für seine Zwecke nehmen will. Doch der winkt ab und verweist an einen anderen, der nur im Verborgenen leben will und sich als ein ehemaliger Konkurrent Lungs herausstellt. Vor Jahren war dieser von Lung geschlagen worden, seitdem meidet er das öffentliche Leben. Lung ersehnt ihn um Hilfe und bietet ihm Reichtümer an, der Eremit willigt schließlich ein, unter der Bedingung, dass Lung dessen Höhle bis zur Fertigstellung des Lichtwerks nicht mehr betreten dürfe - der Deal ist perfekt. Doch in Folge mehren sich Entführungsfälle: Damen aus dem Umfeld von Lungs Konkurrenten verschwinden vom Erdboden, von einem wild anzusehenden Wesen entführt, was jedoch nur wir wissen. Gegenseitige Verdächtigungen und die Ermittlungen eines Polizeibeamten stacheln die Stimmung auf, während die Frauen in der Grotte des Eremiten blutige Tode sterben ...

Human Lanterns ist nicht unbedingt spannend im Sinne eines dramaturgischen Aufbaus geraten. Er konzentriert sich zum einen, wie gesagt, zwar sehr genau auf sein narratives Geflecht, dass er trotz vieler Action- und Gruselsequenzen nie außer Augen lässt. Da von Beginn an kein Zweifel bestehen kann, wer hinter den Morden steckt, ist das Interesse den verschiedenen Konstellationen zugewandt, die im Laufe vertieft werden, wie auch die Frage stets im Raum steht, wie nun der Plan des Eremiten - offensichtlich will er die beiden Machthaber gegenseitig ausspielen - aufgeht. Dass wir weitgehend die Perspektive Lungs teilen - einem unglaublich von sich eingenommenen, eitlen Widerling - versetzt dem ganzen die richtige Würze, da aus moralischen Gründen - eben deshalb - ein Happy End für diese Person eigentlich kaum in Frage kommt. Gerade in Verbindung mit den zahlreichen Swordplay-Szenen - Human Lanterns ist, trotz seines makabren Szenarios, kaum Horror, sondern eher wuxia pian - ergibt sich daraus eine Spannung, die sich vor allem aus dem Moment ergibt: Man weiß nie - wirklich nie! - wer nun als nächstes ins Gras beißt, ob der Film seine Hauptfigur opfert oder nicht, kurzum: Wie es wohl weitergehen wird. Dem bekannten ästhetischen Genuss beim Betrachten solcher, im übrigen exzellenter Kampfchoreografien wird eine gesunde Prise Surprise zur Seite gestellt, die ihre Wirkung nicht verfehlt. Ergänzt wird dieser Spaß durch einige ungemein schön ausgeleuchtete Kulissenaufnahmen - seien es auf den Anwesen der beiden Konkurrenten, sei es die schaurig-gruselige Grotte des makabren Blutmetzes -, die ohne weiteres an die besten Momente der großen Shaw-Klassiker anschließen.

Eine kleine Überraschung also: Erwartet hatte ich einen spekulativen, sleazigen Reißer. Bekommen habe ich einen wohldurchdacht erzählte und inszenierte Groschenromanbegebenheit. Und das ist, natürlich, keineswegs negativ gemeint. Lustvolle Trivialität der schönen Sorte (schade nur, dass die DVD der Reissue-Reihe einige Schnitte aufweist).

imdb
filmtagebuch: shaw


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Diese Site (Nachtrag, 29.08.2006: Link wurde entfernt, da es die Site nicht mehr gibt) beschäftigt sich mit der unangefochtenen Königin des japanischen B-Movies der 70er Jahre (imdb). Leider nur auf französisch und dessen bin ich kaum mehr fähig. Aber egal, denn wunderbar ist die Site wegen der zahlreichen Bilder, die es zu entdecken und zu bestaunen gilt, vor allem aber wegen dieser Zusammenstellung von Songs in hoher Qualität, die Meiko Kaji für ihre Filme (oder auch für reguläre LPs?) einsang. Der geneigte Kinogänger mag sich noch an eines ihrer Stücke aus Kill Bill Vol.1 erinnern, jenes tieftraurige nämlich, mit dem die Auseinandersetzung zwischen der Braut und O-Ren Ishii beschlossen wird, entnommen dem Soundtrack zu Lady Snowblood, der Tarantinos Genre-Amalgam ohnehin in wesentlichen Belangen als Blaupause diente. Meiko Kaji ist zudem für ihre Leistungen in den Female Prisoner-Filmen zu Ruhm gekommen, die das Filmtagebuch sich demnächst mal zu Gemüte führen wird.


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25.05.2004, Ufa Palast Kosmos

Inhalt.

Ein grundlegendes Problem des Films: An einigen Stellen lässt er durchscheinen, wie clever er eigentlich sein könnte. Immer dann nämlich, wenn er offenkundig macht, dass hier nicht etwa ein fester Stamm an Filmen mittels bloßer Persiflierung verkackmeiert wird, sondern dass es eher um eine bestimmte Vorstellung geht, um einen Blick, eine Mentalität, die diese Filme überhaupt erst ermöglichen. Ziel des Angriffs: Die post-wirtschaftswunderbare Sämigkeit der deutschen Unterhaltungskultur, einige Jahre nach dem Krieg, kurz vor den sozio-kulturellen Umwälzungen, für die 68 zur synonymen Zahl wurde (auch wenn, mit Jurassic Park 2 gesprochen, etwas überlebt hat, ganz klar).

Soweit, so klug. Warum sollte das aber problematisch, ärgerlich sein? Weil dem Film der Wagemut fehlt (den man bei Kalkofe eigentlich erwarten darf), dieses Projekt konsequent zu verfolgen. Wo er an manchen Stellen schlicht genial ist - in obig genanntem Sinne -, verfällt er an anderen doppelt und dreifach in die bloße Mimese dumm-deutscher Unkerei. Die Überaffirmation, die eigentlich bloßstellen soll, gerät zur Schunkelei, zum flachen Witz, der nichts aufdeckt, sondern bloß unliebsame Traditionen des deutschen Humors für die Post-Schuh-des-Manitu-Generation fortschreibt. Die wenigen gelungenen Momente werden da fast schon zu Oasen innerhalb einer Wüstenei, deren Dürre durch die kurzen Wasserpausen nur umso schmerzlicher bewusst wird. Vollkommen quer zu allem, - ohne dabei dem Film dadurch Würze zu verleihen - stehen uninspirierte Parodien auf Matrix und Das Schweigen der Lämmer, die weder zünden, noch irgendwie im Sinne des Films einen Zweck erfüllen, vom dünkenden Geblöke jener Klientel mal abgesehen, die eine Parodie schon mit dem Erkennen des Referierten für erfolgreich erklärt. Vielmehr lässt ihre benommene Orientierungslosigkeit um den Verstand der Macher fürchten, um den Kalkofes insbesondere, der hier im Nachhinein jeglichen Ruhm seiner Mattscheibe demontieren zu wollen scheint.

"Ich erinnere mich an Wurzelbehandlungen ohne Betäubungen, bei denen ich mehr gelacht habe als bei dieser Sendung. Wenn das wirklich ein Beispiel für den deutschen Humor sein soll, ist es höchste Zeit, aus dem Fenster zu springen und vorher noch seine Staatsbürgerschaft aufzugeben" - so ließe sich Kalkofe mit Kalkofe schlagen. Ein Trauerspiel reinsten Wassers.

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