Freitag, 21. Januar 2005
Das Programm des 35. Internationalen Forums des Jungen Films zeigt sich verschlankt. Mit einem Viertel weniger Filme als im Vorjahr möchte man sich auf das Wesentliche konzentrieren und, wie der Leiter des Forums auf einer Pressevorführung vor wenigen Tagen anmerkte, auch dem in Vergangenheit häufig geäußerten Wunsch nach besserer Übersicht und konzentrierterer Zusammenstellung entsprechen. Einem experimentierfreudigen, innovativen globalen Filmschaffen, das unkonventionelle Wege jenseits des Mainstream geht, eine Öffentlichkeit zu bieten, bleibt dabei auch weiterhin das Ziel der traditionell etwas eigenständigeren Sektion.

Das nun feststehende Programm präsentiert 24 Weltpremieren bei insgesamtn 39 Spiel- und Dokumentarfilmen, darunter 16 Erstlingswerke. Insgesamt sind im Forum 33 Produktionsländer vertreten.

Die Regiedebüts und Filme junger Regisseurinnen und Regisseure, die das Bild des 35. Forums prägen, seien dabei "Frech, spielerisch und bunt". Nicht allein der Kompilationsfilm Lost and Found, der eine junge Generation osteuropäischer Filmemacher vorstellt, zeugt von einer neuen Welle des Filmschaffens zwischen Estland und Rumänien. Auch Spielfilmdebüts wie der von dadaistischer Fantasie überschäumende russische Beitrag Pakostnik der Medienkünstlerin Tania Detkina oder Alexander Shapiros Putevoditel aus der Ukraine, eine ironisch-coole Gebrauchsanleitung der Stadt Kiew, zeugen von einem ungezügelten, wilden Kino, das in Osteuropa wiedererstarkt.

Die Bandbreite der Spielfilmdebüts reicht von dem chinesischen Film Niu Pi (Oxhide), in dem die 23jährige Liu Jiayin ihren beengten Pekinger Familienalltag in trotzige Breitwandbilder fasst, bis zu dem ersten langen Film der britischen Installationskünstlerin Tracey Emin, die ihrer autobiografisch geprägten Arbeit mit Top Spot eine abgründige Erinnerung an ihren Heimatort Margate hinzufügt.

Der Crossover zwischen den Kultursparten ist ein durchgängiges Merkmal des aktuellen Forumprogramms. Aus einer Lesetour mit Fotos, Originaltönen und Musikbeispielen zu seinem Doku-Roman „Verschwende Deine Jugend“ hat der Musikjournalist Jürgen Teipel mit verschwende deine jugend.doc eine minimalistische Collage für die Leinwand entwickelt, die ein authentisches Bild der deutschen Punk- und New-Wave-Bewegung von 1977 bis 1983 zeichnet. Dem Tanztheater widmet sich die französische Regisseurin Claire Denis in Vers Mathilde, einem experimentellen, quasi spiegelbildlichen Porträt der Choreografin Mathilde Monnier. Auch der in Berlin entstandene Spielfilm Stadt als Beute entspringt der Bühnenwelt: Aus den Proben zu einem Stück des Autors René Pollesch haben die Regisseurinnen Irene von Alberti, Miriam Dehne und Esther Gronenborn drei überraschende Berlin-Geschichten entwickelt, die das Verhältnis von Kunst und Lebenswirklichkeit augenzwinkernd kommentieren.

Es kennzeichnet die Filmauswahl des Forums, dass Spielfilme Wirklichkeit deuten und Dokumentarfilme Geschichten schreiben. So porträtiert der US-Spielfilm On the Outs von Lori Silverbush und Michael Skolnik mit nüchternem Realismus das Leben von drei jungen Frauen in Jersey City, die zwischen Straßenkriminalität und Knast ihren Lebensraum suchen, während die spanische Regisseurin Mercedes Moncada Rodríguez in El Inmortal die haarsträubende Story von Zwillingsbrüdern erzählt, die im nicaraguanischen Bürgerkrieg auseinander gerissen wurden, um sich auf beiden Seiten der Front wiederzufinden: Sandinist der eine, Contra der andere.

Eine Auflistung aller Weltpremieren und Europäische Premieren im Programm des Forums findet sich in den Kommentaren.


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Thema: Kinokultur
Großartige Neuigkeiten, auf die ich da zu später Stunde noch bei filmz.de stoße: Das etwa vor einem halben Jahr geschlossene Berliner Kino Blow Up öffnet wieder, wie die Berliner Zeitung schon am 10.01. meldete. Als neuer Betreiber zeichnet der Progress Filmverleih verantwortlich. Damit werden dann gleich zwei Wunden des jüngeren Kinosterbens in Berlin geschlossen: So musste der Filmverleih sein vorheriges Kino, die Börse, unweit meiner Universität gelegen, im August 2003 schließen, nachdem das Haus verkauft worden war.

Heute abend ist Eröffnung: Gezeigt wird Billy Wilders herrliche Klassikerkomödie Eins, Zwei , Drei. Gelungener Einstand, welcome back!


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