Mittwoch, 15. März 2006
Gerüchten zufolge steht uns ein Remake von John Woos Actionklassiker Hard Boiled, seinem letzten in Hongkong gedrehten Film und sozusagen sein Abschiedsgeschenk an eine Ära des asiatischen Kinos, ins Haus. Für die Hauptrolle ist Chow Yun Fat im Gespräch, der diesen Part bereits in Woos Film übernommen hatte.

Dies alles wäre wohl nicht weiter der Rede wert, wäre da als Regisseur nicht noch Johnnie To, eine der letzten Bastionen des guten Hongkong-Kinos, in Planung. Denn das stelle ich mir doch interessant vor: Woo ist ein den klassischen Hongkong-Traditionen (wie Beschleunigung, Artistik, generelle over the top-Grandezza) verpflichteter Regisseur, wohingegen Tos Methode eher auf Entschleunigung, Dekonstruktion und zum Teil sogar auf Minimalismus setzt. Ein solcher clash könnte sicher ohne weiteres fürchterlich nach hinten losgehen; aber er birgt auch die Möglichkeit zum nächsten Meisterwerk aus Hongkong, von wo in letzter Zeit bedauerlicherweise fast nur Mediokres kam.

Ich bin jedenfalls gespannt und würde mich freuen, wenn sich die Gerüchte - bislang tauchte die Meldung laut Kaiju Shakedown nur in einer Hongkonger Schlagzeilen-Journaille auf - in Bälde als harte Nachrichten erweisen.


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Okay, zugegeben, im letzten Posting hatte ich schon mitunter darauf hingewiesen, aber da geht es eventuell unter, deshalb noch mal gesondert, damit alle bescheid wissen: Bereits seit letzter Woche gibt es in Berlin endlich - endlich! - wieder eine Anlaufstelle für regelmäßige Kinovorführungen aus den weiten Tiefen der Exploitation, des Paracinemas und der knalligen B-Movies. Die Filmreihe nennt sich "Schräge Filme" und findet jeden Mittwoch im Kino Babylon, Mitte, statt. Das erste Lebenszeichen, der erste Programmtext, klingt jedenfalls schon sehr vielverprechend, auch die erste Staffel ist geschmackvoll zusammen gestellt und die Ankündigungen - von Argento ist da was zu lesen, von Jess Franco undsoweiter - machen schon große Lust auf kommende Programme! Zu hoffen bleibt, dass es sich um Screenings von Zelluloid handelt, und natürlich, dass die Reihe sich etabliert!

Im folgenden als Vollzitat der erste Programmtext:
Ein Ende der Misere ist in Sicht. Denn jetzt gibt es in Berlin eine Alternative zu Hollywoods Hochglanzprodukten und Europas abgehobenem Förderanstaltskino. Die „Freunde des schrägen Films“ bringen Werke aus den Kellern der Filmgeschichte ans Licht, die wild, unabhängig und kommerziell zugleich sind. Sie wecken die Neugier auf verbotene Früchte, tabuisierte Zonen und extreme Darstellungsformen. Sie entdecken eine Filmkultur, für die der Name „Exploitation“ keinen moralischen Makel bezeichnet, sondern die Suche nach der Grenzerfahrung. Dazu gehört die Freude am Regelverstoß und am Exzeß. Die schrägen Filme produzieren Angst und Lust, sie erregen und befreien, sie unterhalten und provozieren. Schrille Titel und „jugendgefährdende“ Inhalte sind hier Bestandteile einer Strategie, mit geringen Geldmitteln konkurrenzfähige Filme für ein junges und aufgeschlossenes Publikum zu machen. Der Geldmangel beflügelt die Phantasie von Produzenten und Regisseuren, die ihrer Kreativität freien Lauf lassen und dabei keine Rücksichten nehmen.

Die erste Staffel von Filmen beginnt im März 2006 und widmet sich dem amerikanischen Exploitationkino der 70er Jahre. Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Umbrüche und der schmerzhaften Auseinandersetzung mit dem Trauma Vietnam sorgen unabhängig produzierte Filme für eine Revolution auf dem Kinomarkt. Junge und aufstrebende Regisseure drehen radikale Filme, unter ihnen George Romero, Wes Craven, David Cronenberg, John Carpenter und Abel Ferrara. In schmuddeligen Genres leben sie ihre Träume von einem aggressiven und widerspruchsvollen, effektreichen und selbstreflexiven Kino aus. Sie machen Horror- und Rape-Revenge-Filme, Blaxploitation- und Sexploitationfilme. Auch wenn ihre Filme zuerst als Angriffe auf den guten Geschmack erscheinen, so steckt doch mehr dahinter. Die Monster, Racheengel und verkrüppelten Seelen, die diese Filme bevölkern, sind Auswüchse einer Gesellschaft in der Krise. Auf dem Programm stehen zuerst:

Mi, 08. März, 22:00 Uhr - The Hills Have Eyes (USA 1977, 89 Min, OV) R: Wes Craven,

Mi, 15. März, 22:00 Uhr - Coffy / Coffy, die Raubkatze (USA 1973, 87 Min, DF) R: Jack Hill

Mi, 22. März, 22:00 Uhr - Ms. 45 (USA 1981, 84 Min, OV) R: Abel Ferrara

Mi, 29. März, 22:00 Uhr - Shivers (Kanada 1974, 87 Min, OV) R: David Cronenberg

Mi, 05. April, 22:00 Uhr - Deadly Weapons / Teuflische Brüste (USA 1973, 72 Min, DF) R: Doris Wishman

Die Reihe wird fortgesetzt mit Filmen, u.a. von George Romero, John Carpenter, Paul Bartel, Stephanie Rothman und Brian de Palma, sowie europäischem Exploitationkino, u.a. von Dario Argento und Jess Franco.

Die „Freunde des schrägen Films“ laden Liebhaber des Abwegigen, Fans des Genrefilms und Entdeckungsreisende ein zu nächtlichen Abenteuern der ungewöhnlichen Art. Und welches Kino wäre dafür ein passenderer Ort als das babylon berlin:mitte? Denn wie heißt es in der Offenbarung des Johannes: „Ich sah eine Frau auf einem scharlachroten Tier sitzen, und das war voll lästerlicher Namen und hatte sieben Häupter und zehn Hörner. Und die Frau war bekleidet mit Purpur und Scharlach und geschmückt mit Edelsteinen und Perlen und hatte einen goldenen Becher in der Hand, voll von Gräuel und Unreinheit ihrer Hurerei, und auf ihrer Stirn war geschrieben ein Name, ein Geheimnis: Das große Babylon, die Mutter der Hurerei und aller Gräuel auf Erden.“

Eine Einladung, die ich nur zu gerne annehme! Auf viele vergnügliche Kinostunden!


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