Montag, 29. Mai 2006
Gestern, in der Columbiahalle: Dir en Grey, eine japanische Metalband, die der visual kei-Szene zuzurechnen ist, ihre Kostüme von früher aber, wie der Wikipedia zu entnehmen ist, mittlerweile abgelegt hat. Durch einen Zufall wurden mir zwei Freikarten in die Hände gespielt.

Eine nicht uninteressante Erfahrung. Ein Ereignis, das vielleicht die Hölle ganz gut anzeigt, in der man sich heute als Jugendlicher (als klassisch Jugendlicher jedenfalls, also als Teenie, ein Jugendlicher ist man ja heute noch gut bis 35, wenn nicht noch länger, was ich nicht gerade für die allerverkehrteste Entwicklung halte, doch dies nur am Rande) findet. Es ist dies nicht notgedrungen die Hölle der Teenage Angst, des Aufbegehrens wider übermächtige Kräfte oder einer latenten bis manifesten Perspektivenlosigkeit. Es ist eher wohl die Hölle des Wissens (das sich, zugegeben, vielleicht erst von einem archimedischen Punkt aus ermitteln lässt), dass man immer schon zu spät gekommen ist, dass alles bereits absorbiert wurde, alles schon geschehen und die eigene Marotte, der eigene Stil, der eigene Spleen doch längst anerkannt und eingefügt ist. Die Hölle einer Rebellion, die nicht mehr möglich ist, von ihren Insignien aber nicht lassen will und dabei zur debil grinsenden Farce gerinnt.

Dir en Grey moschen von Anfang an gut los. Harter, treibender Metal zunächst, später dann alles etwas vertrackter, zum Teil auch säuseliger, oft genug etwas konzeptlos zerfahren. Aber eben Metal. Irgendwann hat der Sänger Kunstblut im Gesicht. Er springt wild herum. Ausgelassen. Böse Gesichter kann er ziehen, aufpeitschende Gesten allenthalben. Der Rockismus ist gut einstudiert: Beim Entblößen des schmalen Oberkörpers verschwindet die basslastige Musik für einen Moment lang im Aufkreischen der Mädchen.

Alles dabei, was früher geschockt haben mag: Treibende, animalische Musik, große Gesten, Ruch und Sex, archaische Gewalt, ekstatisches Aufbegehren des gemaßregelten Körpers mittels sich abspielender Zuckungen und Windungen. Und dennoch, es war das bravste Konzert, auf dem ich je gewesen bin. Von hier aus zieht nichts seine Bahn, hier findet alles seinen Beschluss, die erstarrte Form, abrufbar zu jeder Zeit. Vorne stehen die Kinder, hinten die Eltern, die auf sie aufpassen, gelegentlich traut sich mal ein besorgter Vater, den Kopf leicht zu schütteln, befremdet ob der sich vor ihm abspielenden Szenen. Es ist keine Ablehnung, die aus der Geste spricht, zumindest keine profunde; er scheint sich selbst nicht sicher zu sein, ob sich die Bewegung überhaupt lohnt, ist doch alles viel zu harmlos hier. Ans Rauchverbot wird sich sklavisch gehalten, kein Schweiß, der von der Decke tropft, die Klimaanlage temperiert das Geschehen wohlig aus.

Die Konzerte in meiner Jugend, von denen ich noch heute zehre, verließ ich mit blauen Flecken, zerrissenen Hemden, mir brannten die Augen, weil der Schweiß schon über die Augenbrauen hinweg in sie hineinfloß und weil die Luft in den viel zu engen Räumen zum Schneiden dick war. Es waren enge Konzerte in engen Räumen, und danach hatte man das Gefühl, es mit der Welt aufnehmen zu können. Reinigende Gewitter, die sich an der Peripherie des Geschehens abspielten und doch in das Zentrum zu strahlen zumindest versuchten.

Was sich gestern abspielte, ist vielleicht das Drama einer Jugend, die sich über das Internet zum Sex verabreden und sich eine Zugehörigkeit zu einer Jugendkultur an einem Nachmittag mit ein paar engagierten Clicks erarbeiten kann. Alles ist bekannt, schon vorgekaut, nachahmbar und im verlinkten Onlineshop als Accessoire bestellbar. Hier ist man immer schon Endkonsument, selbst noch das Aufbegehren gegen die Konformität - fast jeder hier ist geschminkt, trägt Szeneklamotten und ähnliches - gerinnt zu rein ästhetischem Tand. Ich sehe beim Verlassen des Ortes viele glückliche Gesichter. Sie gleichen denen von desillusionierten Hausfrauen , die im Sommerschlussverkauf bei C&A ein Schnäppchen ergattert haben.

Ihr mögt die Generation sein, die mit myspace aufwächst. Mit Chats und Blogs und Wikipedia. Alles feine Sachen. Aber ihr habt nicht gelernt, wie das ohne ist und war. Wie man blutet und schreit und Euphorie auskostet. Ich beneide Euch nicht um Eure Jugenderinnerungen, und wenn ihr sie auch für goldene halten werdet.

Andererseits: Wir hatten Rave und Techno. Und die Flaschen dort waren kein Stück besser als ihr.
"No guts, no glory, no riot ...
My Generation Sucks ...
Not enough war, Not enough famine,
Not enough suffering, not enough natural selection!"
- Turbonegro: Hobbit Motherfuckers (1996)




° ° °




Thema: videodrome
» ...


° ° °




Thema: good news
Rollmops weist auf den Trailer zu Jet Lis nächstem Film Fearless hin, der die Lebensgeschichte des Martial-Arts-Meister Huo Yuanjia behandelt. Dem Vernehmen nach handele es sich bei Fearless um Jet Lis letzten Martial-Arts-Film - und der Trailer stellt eine Krönung seines artistischen Werks zumindest in Aussicht. Ob freilich Ronny Yu, der zuletzt mit dem einigermaßen grausigen Freddy vs. Jason von sich hat hören lassen, für so ein Vorhaben der geeignetste Regisseur ist, steht zu fragen (allerdings erinnern wir uns auch mit Wonne an seinen The Bride with White Hair, einen der besten Hongkonger Martial-Arts-Fantasy/Gespensterfilme der Neuzigerjahre); immerhin sitzt mit Kampf-Choreograph Yuen Woo-Ping ein ehrwürdiger Meister seiner Zunft mit an Bord, was einiges eye candy erwarten lässt.

Der Verband der Filmverleiher kündigt den Filmstart für den 12. Oktober an, als Verleih wird Constantin Film angegeben.



° ° °




http://punkturns30.blogspot.com/


° ° °