Dienstag, 5. September 2006
Thema: literatur
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Blöd. Trotz dem mir Neal Stephenson nun schon von mehreren Seiten - und zwar dringend und gerade mir - empfohlen wurde, kann ich ihn einfach nicht lesen. Mehrere Versuche. Klappt nicht, komm ich nicht rein. Das ist eine Art des Schreibens, die ich mal, was jetzt böser klingt, als gemeint, geschwätzig nennen möchte, die mir jeden Nerv raubt. Ein einfacher Transit von einem Ort zum nächsten wird da auf vier Seiten aufgeblasen; weil alles beschrieben wird, was nur beschreibbar ist. Ziel soll wohl ein Bild sein, das einem Filmbild nachempfunden ist: Reich an Eindrücken, da blanke Äußerlichkeit (noch schlimmer treibt das Dan Brown, den ich wirklich für unlesbar halte). Vergessen wird dabei - so dies denn die Intention ist -, dass ein Filmbild chockartig einfach da ist, als Eindruck unmittelbarer Evidenz. Und das ist das Gegenteil von drei, vier Seiten lang alles mögliche beschreiben, damit ich weiß, wie das da aussieht. Der Eindruck ist nicht evident, er ist vollgestellt. Nicht aber im Sinne einer Entropie, die sich bei Pynchon ergibt; einfach vollgestellt, zugeschrieben. So kommt man zwar auf 1200 Seiten; aber immer ist da dieser nagende Zweifel, dass ein Autor, der eben geradlinig schreiben würde, der einfach einen Punkt zu benennen weiß, dass ein solcher Autor den selben inhaltlichen Effekt auf, sagen wir, 400 Seiten zeitigen würde.

Nach 200 Seiten habe ich Cryptonomicon weggestellt. Mir schien da nichts zu holen; exakt zehn Seiten, die ich inhaltlich interessant fand, und dann immer wieder literarisches Stellwerk, Mobiliar. Das Gefühl, mich zu quälen, wo ein - ich will ja nicht sagen: talentierterer, vielleicht ja aber doch - anderer Autor eine knackige Exposition auf 40, 50 Seiten hingekriegt hätte. Dann auch immer dieses pausbäckig-verbrüdernde in Stephensons Tonfall, diese leicht zur Selbstgefälligkeit neigende /Kenntnis einer Sache/, die da transportiert werden soll, während mangelnde literarische Ambition immer mal wieder als Bodenständigkeit zu vermitteln versucht wird, um zu rechtfertigen, dass man sich durch Beschreibungswust durchzukämpfen habe, die manche Leute sich von einem Beststeller vielleicht ja sogar versprechen.

Ich halte es da lieber mit David Morrell, dem Autor jenes sehr guten Soldatenthrillers, der später mit Sylvester Stallone verfilmt wurde. Der meinte mal sinngemäß, dass viele Autoren versuchen, ihre Bücher mit vielen Beschreibungen zu füllen, wohingegen er soviel Beschreibung wie möglich herauszieht, um den Erzählraum für den Leser zu öffnen. Ich will zwar keiner Ellroy'schen Lakonie das Wort reden (auch wenn die, in ihren Momenten, viel für sich hat), aber: Das hat schon was. Wer mehr als 400 Seiten für seinen Roman veranschlagt, sollte einen guten Grund dafür mitbringen [das ist ja, letzten Endes, auch immer die Tragik bei Clive Barker, der in den Büchern des Blutes ja so ein begnadeter, einfallsreicher Erzähler ist, ganz einfach, weil das short stories sind, in die er sein ganzes Herzblut legt; wohingegen ihm in den letztenn Jahren kein Buch mehr unter 800 Seiten geraten darf und dann fängt er an Luft zu holen und anzuheben... ...und glücken tut's fast nie].

Ganz andere Baustelle dann heute nachmittag: Die ersten Seiten von Rainald Goetz' Kontrolliert. So jenseits aller ausgestellter Bodenständigkeit mit Beschreibungslust, so vollkommen jenseits jeder Langeweile. Ein faszinierendes, druckvolles Dickicht.


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Thema: Kinokultur
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Was macht man als Filmjournalist aus deutschen Landen mit Bezahlposten, wenn man auf einem internationalen Festival hockt und nicht so recht weiß, was man eigentlich schreiben soll? Richtig. Lamentieren, dass "der deutsche Film" mal wieder nicht mit rotem Teppich, Kusshand, priviliegierten Programmschienen, Vorab-Laudationes und Hernach-Honorationes begrüsst und allgemein verbindlich abgefeiert wurde. Geht immer, zieht immer, und die Kulturbeflissenen können dann mal wieder alle artig nicken und jammern. Es sind halt immer alle gegen Deutschland.

Weiß der Henker, warum es interessieren sollte, wie es "dem deutschen Film" geht. Das ist ein Filmfestival und kein Wettbewerb der Kulturförderanstalten. Ich will solche Blockwarterei im Dienste Neumann'scher Kulturverwaltung nicht lesen müssen, schon gar nicht als Filmjournalismus getarnt. Ich will wissen, welche Güte Filme - und dann gerne auch welche aus Deutschland - haben. Möglichst viele deutsche Filme auf einem Festival machen noch lange keine Freude, nur weil es sich dabei um deutsche Filme handelt. Was für eine, mit Verlaub, debile Anspruchsdenke steckt hinter solchem Quatsch? Wie wird man mit solchem Denken Filmjournalist und nicht vielmehr Botenjunge bei Bernd Neumann?

Der größte Hohn dann freilich der letzte Satz. In Locarno waren 17 deutsche Filme zu sehen, in Venedig ist's indes nur einer. Ein "gewisses Missverhältnis" sei darin zu erkennen, und weil es ein "gewisses" ist, handelt es sich dabei freilich auch nicht um die ja schon durch bloßen Augenschein erkennbare Asymmetrie der Zahlenverteilung, die man nun Missverhältnis nennen mag oder halt auch nicht. Nein, das "gewisse" Missverhältnis, so darf die Raunerei durchaus zu verstehen sein, ist implizit auch Vorwurf. Darüber darf man sich freilich auch nur wundern; so lange schon ist man doch nun Filmjournalist - und noch immer nichts begriffen? Dass die deutsche Filmproduktion beispielsweise stark limitiert ist, was den zahlenmäßigen Output per anno betrifft, dass die großen Festivals zueinander in Konkurrenz stehen, dass sie deshalb selten und ungerne auf jene Titel zurückgreifen, die von anderen Festivals bereits genutzt wurden, dass zahlreiche Gesellschaften gezielt für Festivaltermine produzieren? Davon indes kein Wort. Denn es sei "gewiss", dieses Missverhältnis, so raunt sich's jedenfalls in den deutschen Hain, und wie so oft, wenn daselbst mancherlei Gewissheiten geraunt werden, ist man von Vernunft und eben Gewissheiten mit am weitesten entfernt.


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