Sonntag, 10. Februar 2008

Sonne. Berlinale und Sonne.


Julia Roberts wird erwartet. In zwei Stunden. Well.

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Die laengste Schlange des Festivals befindet sich in der Galerie der Arkaden. Vor der legendaeren Eisdiele reihen sich Menschen in Schlangen ein, deren Laenge jede mir ansichtig gewordene bei weitem uebertrifft.

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Auf der anderen Seite stellen sich Leute fuer einen Sitzplatz in besagter Eisdiele an. Intelligenterweise tun sie das vor der Rolltreppe. Ficht wohl keinen an, dass dadurch bloedsinniges Gedraenge entsteht. Ein Kommentar von mir, die Schlange doch einfach ein paar Meter weiter zu bilden, erntet verstaendnislose Blicke.

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Auch ein Klassiker des Festivals: Touristische Schwaben aelteren Datums fahren mit der Rolltreppe bergab um, am Ende angekommen, erstmal stehen zu bleiben, Lage checken, umzukucken, seelenruhig, wird ja schon keiner hintendrein kommen. Irrsinn allenthalben.


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Vielleicht bin ich, was die Geschichte der Psychoanalyse samt ihrer teils schon gefährlich ins Esoterische spielenden Subformen betrifft, einfach zu uninformiert oder schlicht zu uninteressiert. Kann gut sein, sorry, meine Schuld. Vielleicht wären entsprechende Kenntnisse nötig gewesen, um W.R. - Misterije organizma, den das Forum in einem Special Screening zeigte, zu verstehen. Aber so, mit diesem Wissensstand, wirkte der Film wie ein wirres Konvolut aus Interviews, dokumentarischem Material, zahlreichen Spielszenen, seltsamen Musiksequenzen und Attraktionsmontagen von deliranter Semantik. Kann auch sein, dass dies die Absicht war: Wirres, spastisch anmutendes zur Befreiung von Lebenssäften und -kräften, was dann ja, wenn man dem Film glaubt, in etwa die Essenz von Wilhelm Reich gewesen wäre.

Verstanden habe ich, wie gesagt, das wenigste. Irgendwie gut war der Film aber schon. Nur: Wieso? Keine Ahnung. Vielleicht weil ich ein Herz für klassenkämpferische Wirr-Filme mit Happening-Charakter habe, in denen erstmal Konzepte wurscht sind, solange das ganze irgendwie knallig rüberkommt. Stalin wird hier in einer Montage beispielsweise zum herumstolzierenden Phallus Pimmel, rein assoziativ versteht sich (hübscher festivalinterner Dialog: In Wakamatsus Secrets Behind Walls wird vor Stalinbildern Liebe gemacht). Macht also manchmal Spaß. Manchmal ist das aber auch einfach nur wirr und noch nicht mal wirr wie etwa Godard im Zuge immer wirrer wurde (nicht dass dies erfreulicher gewesen wäre). Und einmal mehr reift die Erkenntnis: Wer allzu viel in Psychoanalyse macht, dem ist mit der Zeit nicht mehr zu traun. Was sind das für beknackte "Akumulatoren", in die die sich zum Wixen/Masturbieren reinsetzen? Stahl-Beichtstühle mit eingebautem Auditor zur Sammlung kosmisch geiler Energie?

Schön gewesen aber ist, mal wieder, die Materialästhetik alter Filme. Vermutlich war das günstiges 16mm-Farbfilmmaterial. Fleckig, tupfig, körnig, wunderschöne Farbverfremdungen, wie ein Foto-Familienalbum aus den 70er Jahren. Allein dafür lohnen sich solche Screenings.

Und natürlich: Toll der Moment, in dem plötzlich das Cover der Originalausgabe von Film as subversive Art vor einem auf der Leinwand steht. Schöne Feedback-Schleife.


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Mit pinku eiga - eine Auswahl zeigt das Forum als Mini-Retrospektive zu Ehren des Regisseurs - hat sich Koji Wakamatsu in den 60er und 70er Jahren einen Namen gemacht. Mehr als 100 Filme gehen bislang auf sein Konto. Nun ist aber der pinku eiga - grob gesagt: der japanische Softpornofilm für entsprechend orientierte Kinos - nicht unbedingt nur das Pendant zum euro-amerikanischen Schmuddeltreiben jener Dekaden. Der pinku eiga ist zugleich Experimentierfeld für junge Regisseure und die Möglichkeit zum gesellschaftskritischen Kommentar. Solange alle paar Minuten nackte Haut zu sehen ist, hat der Regisseur weitgehend freie Wahl bei Art und Umsetzung seiner Sujets. Koji Wakamatsu, der dem linksradikalen Milieu rund um die auch im Japan der späten 60er Jahre entstandenen Studentenbewegung entstammt, reicherte seine oft von psychotischen Menschen handelnden Filme mit entsprechenden, und meist nicht unbedingt subtilen, Untertönen an, wenn sie nicht gleich komplett im Revoluzzerlager angesiedelt waren.

Von daher ist sein United Red Army in gewisser Weise eine Rückkehr in jene Zeit, wenngleich unter anderem Vorzeichen. Ein pinku eiga ist die fast dreistündige Doku-Fiction nicht, spielt aber inmitten der Studentenbewegung, bzw. in einem sich bis ins Groteske radikalisierenden Splitterzweig, der die Gewalt schließlich gegen sich selbst richtet. United Red Army nimmt dabei Bezug auf ein konkretes Ereignis: Nach zehn Tagen Belagerung gelang es der japanischen Polizei unter viel Blutvergießen die in der entlegenen Skihütte Asama verschanzten Restbestände einer japanischen RAF-Gruppierung zu überwältigen. Dem war, in den Bergen Japans, ein Massaker vorangegangen. Bereits 1997 hatte Kazuyoshi Kumakiri den Stoff in seinem kontroversen Film Kichiku aufgegriffen, der ebenfalls auf der Berlinale gezeigt wurde.

Den drei Stunden entspricht eine Dreiteilung des Films: Die erste Stunde schafft historischen Kontext und wechselt dabei von mit Psychedelic Rock unterlegtem Archivmaterial zu kleineren Expositionen, die die verwirrend zahlreichen Figuren und die noch verwirrenden Splitter- und Gruppierungsprozesse der Bewegung vorstellen; der zweite Teil fokussiert den harten Kern der Gruppe, der aus den zahlreichen Wendungen hervorgegangen ist. Diese Gruppe zieht zur militärischen Ausbildung in die Berge, wo sie den Gebrauch von Schusswaffen genauso lernt wie das Ritual der dialektischen Selbstkritik, vorgeblich ein Verfahren zur Entwicklung wahrhaftig kommunistischen Charakters, in Wahrheit aber eher eine Art schmerzhafte Selbstbezichtigung vor versammelter Mannschaft. Teil 3 schließlich zeigt ohne Rücksicht auf den Zuschauer den paranoisch-psychotischen Verfall der Gruppe: Die "Selbstkritik" verlässt jeglichen Rahmen der Vernunft, der Anführer geriert sich zum Despoten, erste Tote sind zu beklagen: Die Terrorgruppe terrorisiert vor allem sich selbst und wird schließlich von der Polizei aufgespürt. Nach etlichen Tagen Fußmarsch durch die verschneiten Gebirge landet die Gruppe in besagter Skihütte, wo es zur Tragödie kommt.

Seinerzeit war Wakamatsu eigener Aussage nach von dem Polizeieinsatz in Asama schockiert, eine Anklage im altlinken Sinne ist United Red Army indes nicht geworden. Wakamatsu wechselt mit beeindruckender Rigorosität in die Perspektive der Gruppe selbst: Noch der "Showdown" in Asama wird nicht etwa als Shootout in dramatisierender Parallelmontage im buchstäblichen Schuss-Gegenschussverfahren - wohl jeder weniger selbstsichere Regisseur wäre dieser Versuchung der Standardisierung erlegen - aufgelöst, sondern bleibt bis zum bitteren Ende ganz auf Seite der Restgruppe, der jeglicher Bezug zur Realität ohnedies schon längst abhanden gekommen ist. Die Klaustrophobie, der unbarmherzige Druck nach innen solcher Gruppendynamiken findet hier Entsprechung in der Inszenierung des Geschehens.

Was Wakamatsu mit Konsequenz schildert, ist der Verfall eines sozialen Kampfes durch die vorangetriebene Selbstradikalisierung: Indem die Gruppe in die Wälder und Gebirge zieht, mutmaßlich zur eigenen Ausbildung und in heilloser Überschätzung der eigenen sozialen Relevanz, verlässt sie auch jeglichen Referenz- und Ansatzpunkt ihrer traditionell urbanen Gesellschaftskämpfe. Vor Wald und Wiese, Berg und Hütte entbehren die brav aufgesagten Marx- und Leninzitate jeglicher Verankerung in der konkreten sozialen Wirklichkeit. Die vermeintliche Avantgarde-Stellung entpuppt sich als Kultur-, also Weltflucht. In diesem jeder sozialen Konkretizität enthobenen Milieu entwickelt sich, im Zuge voranschreitender Paranoia, die das einzelne, schwache Individuum zum Hauptangeklagten und Kronzeugen kapitalistischer Beschädigungen erklärt, kommt es zu den tragischen Ereignissen, von Wakamatsu mit hohem Effekt, aber nie exploitativ, ins Bild gesetzt. Die Gruppe erscheint von eigentümlicher Todessehnsucht angetrieben: Die größten Bestrafer werden alsbald selbst aus nichtigsten Gründen zu Bestraften, mit oft genug tödlichem Ausgang.

Solche Dynamiken nachzuvollziehen ist Wakamatsus größtes Verdienst; dass sein Tonfall nicht anklagend, sondern nachvollziehend ist, tut das Übrige. Die mangelnde analytische Distanz stört dabei nur gelegentlich und sorgt eher für notwendige Reibungspunkte, die einem als Zuschauer eine Positionierung, dankbarerweise, erschweren. Sicher ist Wakamatsu als alter Maverick zu sehr an einem Kino der Drastik interessiert, um den Stoff im wirklich angemessenen Ton aufzuarbeiten; doch scheint es sich bei United Red Army auf Grund der eigenen, historischen Verwicklung in das portraitierte Milieu ohnedies eher um eine Art Exorzismus zu handeln. Auch eine Form der Selbstkritik.


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Im nicht so gelungenen Auge in Auge, auf den im Bild oben gewartet wird (Kritik siehe hier), gab's dann doch einen Moment, der mich entzückte: Berlin um die Ecke, verboten in der DDR und somit also von vorneherein schon interessant,im Althen/Prinzler-Filmgeschichtsfilm ausschnittsweise zu sehen, zeigt im Vorspann, sogar bei der Titeleinblendung, eine Luftaufnahme des Hauses, in dem ich wohne. Schon das dritte Mal, dass ich mein Haus in einem Berlinale-Film auf der Leinwand sehe. Kurios,

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Knörer verreißt. Knörer verreißt ordentlich. Was ein Spaß!

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Hell, das ist die erste Berlinale mit gutem Wetter. Üblicherweise lautet die Faustregel: Während der Berlinale schneit's. War die letzten 8 Jahre nicht anders. Jetzt, dieses Jahr, lautet die Devise: Cafés, stellt die Tische raus. Find ich gut.

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Esstipp: Kartoffeltasche Maxi mit Remoulade bei Nordsee unten in den Arkaden. 2,49€, superlecker.

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Gesprächsfetzen, beim Verlassen des Saales nach Go Go Second Time Virgin von Wakamatsu (den Detlef Kuhlbrodt näher vorstellt, bei Das Manifest gibt's ein Interview), Cinestar 8, etwa halb zwölf Nachts, beim Vorbeigehen aufgeschnappt: "You know, I've heard the Japanese make weird movies. But, you know, there is weird. And then, there is weird."

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Nach wie vor die unbequemsten Kinosessel der Stadt: Die im Delphi. Die gehen gar nicht. Man setzt sich hin und wartet, dass der Film losgeht. Der geht noch gar nicht los und man sitzt schon da mit Arschdruck ohne Ende.

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Pünktlich zur Berlinale lag ein kleines Antidot zum Filmgeschichtsentwurf Althens/Prinzlers im Briefkasten: Die neue Ausgabe von SigiGötz Entertainment, jenem Magazin, das sich um die andere Geschichte des deutschen Films mehr als verdient gemacht hat. In einer der letzten Ausgaben war eine ganz wunderbare Alternative zum Kanon deutscher Filmgeschichtsschreibung zu lesen, der ich allenfalls vorwerfe, dass sie Rolf Olsens Blutiger Freitag nicht berücksichtigt, dafür aber immerhin den nicht minder wundervollen Engel, die ihre Flügel verbrennen (Regie: Zbynek Brynych, wunderbare Kamera: Josef Vanis, nicht zu vergessen: der herausragende Soundtrack von Peter Thomas) anführt. Dies Heft sollte jeder in seiner Berlinale-Tasche tragen (zumal es diesmal Abenteuergeschichten von Werner Herzog zu lesen gibt).


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