Mittwoch, 13. Februar 2008
Berlinaleflaschen, Laptop-Tippen, Konzentrationstheorien, der neue Film von Johnnie To usw


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Ein kleiner Tumblelog-Testballon: Midnight Radio [feed]


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Wohl eines der Highlights der diesjährigen Berlinale - und von mir leider noch nicht ein einziges Mal besucht - ist Ekkehard zufolge die Hommage an Francesco Rosi, Bei aufsmaulsuppe, wo ebenfalls fleißig von der Berlinale gebloggt wird, findet sich der Hinweis auf einen bereits 1987 von Georg Seeßlen verfassten, bei der alten Tante filmzentrale hinterlegten Essay zum Werk des geehrten Regisseurs.


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Nur den Akkreditierten Berlinale ist die unglaublich kleine, alte Dame ein Begriff, normalsterbliche Besucher kennen nur ihre Bilder: Erika Rabau, oder eben schlicht: Erika. Keine Pressekonferenz ohne die schrullige Hoffotografin des Festivals in der ersten Reihe. Im Berlinale-Staralbum der taz wird sie näher vorgestellt. 2004 war sie bereits der Berliner Zeitung sowie dem Tagesspiegel ein Portrait wert.


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Thema: Hinweise
Morgen läuft der spanische, von Guillermo Del Toro produzierte Gruselfilm Das Waisenhaus im Kino an. Solide inszenierte, allerdings ein wenig zu sehr nach Lehrbuch angeordnete Gothic Fiction vor zeitgenössischer Kulisse um eine Klein-Familie, die ein ehemaliges Waisenhaus als neues Domizil bezieht und alsbald von dem Gespenst der eigenen Vergangenheit heimgesucht wird.

Nicht wirklich schlecht, aber meiner Meinung nach auch nicht so herausragend, wie es internationale Kritiker glauben machen wollen (hie und da habe ich, ehrlich gesagt, mitunter gähnen müssen). Meine ausführliche Kritik erschien heute beim Perlentaucher, den Trailer gibt's als Bonus hier:



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In der lediglich Akkreditierten und Branchenbesuchern zugänglichen Sektion "German Cinema" wurde auch Dominik Grafs neuer Film Das Gelübde, wenn ich das richtig überblicke eine Fernsehproduktion mit bislang nicht festgelegten Erstausstrahlungstermin, gezeigt. Ein eigenartiger, flirrender, aber schöner Film.

Basierend auf dem Kurzroman des Fantasy-Schriftstellers Kay Meyer (hier sein Weblog), den ich allerdings nicht gelesen habe, erzählt er von der historischen, um fiktionale Elemente erweiterten Begegnung des romantischen Schriftstellers Clemens Brentano mit der 2004 seliggesprochenen Nonne Anna Katharina Emmerick im Jahr 1819 im Westfälischen vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen zwischen frommem Katholizismus und Anti-Aufklärung auf der einen Seite, preußische Disziplin und Fortschrittsglaube auf der anderen. Die Stigmata der Emmerick und ihre Visionen treiben den frisch zur Frömmigkeit gefundenen Romantiker und Ex-Lebemann dazu, sich hinter alle Kunst zu stellen und als braver Protokollant die Trance-Reden der Nonnen aufzuschreiben. Das Buch Das bittere Leiden unsers Herrn Jesu Christi ist Zeugnis dieser jahrelangen Schreibarbeit und zudem wohl, wenn man diversen Websites und der Wikipedia zum Thema Glauben schenken darf, Inspiration für die Grausamkeiten in Mel Gibsons blödsinnigen Jesus-Gewaltporno The Passion of the Christ.

Die Begegnung ist schicksalsschwer: Brentano, als Seitenwechsler vom Preußentum zu religiös informierter Mittelalterromantik, erscheint als Figur seiner Zeit, in denen sich die seinerzeitigen historischen Frontstellungen aufreibend manifestieren. Brentano, so wird es wenigstens impliziert, geht eine eigenartige Liebesgeschichte zu der Nonne ein, über der er seine eigene Liebe aufs Spiel setzt und verliert, erkrankt schwer und ergeht sich in allerlei Wahnsinn, wie er Romantiker - Hölderlin im Turm - gern ereilt. Graf setzt dies nicht brav nach Lehrbuch um, sondern verleiht auch seinem Film eine Tendenz zum Irrealen, Enthobenen und Gleitenden.



Nonnen, Wahnsinn, Teufelei, das Vexierspiel aus Zucht und Unzucht vor Kulisse des 19. Jahrhunderts: Das gab's schon einmal in der Filmgeschichte, im später so genannten Nunsploitation-Film vornehmlich italienischer Herkunft. Nun wäre es wohl vermessen, Grafs Film wegwischend in eben diese Tradition zu stellen, doch scheint er, unter Deutschlands namhaften Regisseuren dem kernigen Genre-Handwerk noch am ehesten verpflichtet, von diesem zumindest informiert zu sein, wenn er Das Gelübde als stark assoziativ geschnittenen Film inszeniert und dabei auffallend oft das Stilmittel des Zooms - eigentlich verpönt, im italienischen Genrekino aber gang und gäbe, beim Spanier Jess Franco, der selbst einige Nonnenfilme gedreht hat, zur deliranten Kunst gereift - einsetzt: Immer folgt das Bild den Aufmerksamkeiten und Gedanken der Protagonisten, wenn die Montage Aspekte der Handlung krass betont und schnelle Zooms Affekte umsetzen; das leicht grobe Korn des Filmmaterials, die Ausstattung und der immer leicht irrealisierende Gestus der Inszenierung erinnern zudem auf sehr sympathische Weise an das Genrekino der 70er Jahre.

Das Gelübde ist auf gewisse Weise ein Gegenton im deutschen Fernsehfilmschaffen. Orientiert ist er an der etwas rabiateren Genretradition, dennoch ist er auf das nicht zu reduzieren, denn es ist ihm durchaus auch um Kunst zu tun, wenngleich er vom spröde protestantisch anmutenden Kunstfilm mit Aussagecharakter deutscher Provenienz nicht das geringste wissen will.

Graf erweist sich einmal mehr als verlässlicher Maverick der hiesigen Filmproduktion. Zu hoffen bleibt, dass dieser schöne Film nicht dazu verdammt wird, bloß auf Fernsehbildschirmen zu verhungern, sondern auch, denn hier entwickelt er Qualität, im Kino zu sehen sein wird.


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» Vorführtermine
» siehe auch: Lukas (begeistert), Anja (beglückt) und Ekkehard (knapp, enttäuscht)



Als Spatzen – Sparrows – bezeichnet man in Hongkong die Taschendiebe, eine dort, wie Johnnie To in der Pressekonferenz süffisant anmerkt, aussterbende Zunft. Aussterbend ist auch die Zunft der Filmemacher, die im Genrekino nicht so sehr auf technologische Selbstläufer, sondern auf exakte Inszenierung, Raumverständnis usw. setzen; und wenn es darum geht, sich im Raum exakt bewegen zu können, ihn für sich zu nutzen, dann sind Taschendiebe und solche Filmemacher, wie To einer ist, mitunter wesensverwandt - der vorliegende Film ist hierfür schöner Beweis.

Sparrow ist zugleich eine Herzensangelegenheit für seinen Regisseur. Vier Jahre lang hat To daran gearbeitet und wäre die Berlinale-Anfrage nicht dazwischen gekommen, so To in einem Interview, würde er noch heute wohl an ihm basteln. Immer wieder rückte er hinter andere Arbeiten – das übliche Maß an Auftragsarbeiten, aber auch ambitionierte Projekte wie die beiden Election-Filme – und wurde nur dann, wie To sagt, fortgesetzt, wenn es die Inspiration hergab. Das ist einerseits vor dem Hintergrund der allgemeinen Produktionsbedingungen in Hongkong bemerkenswert, wo schnelles Produktionsgeld schnellen Ertrag sichern soll, aber auch vor demjenigen, dass To pro Jahr mithin drei bis vier Filme vorlegt.

Dass man dem Film diese Entstehungsgeschichte anmerkt, wäre noch leicht untertrieben. Sparrow zerfällt, wie zuletzt kein anderer Film des Regisseurs, in eine Abfolge ineinander purzelnde set pieces, in denen sich die kaum ausgefeilte Geschichte – ohnedies keine Spezialität Johnnie Tos – gerade mal so ausbuchstabiert: Erzählt wird von Kei (Johnnie-To-Regular Simon Yam), einem sympathischen, augenzwinkernd und hochelegant zu Werke gehenden Taschendieb, der mit drei Partnern – allesamt eher Witzfiguren aus dem Kabinett der Hongkong-Komödie – in hübsch arrangierten Anordnungen auf der Straße zu Werke geht. Wie es ihm, und damit dem Film, an jenen ultra-kriminellen Aspekten, die ansonsten mit dem Hongkong-Film assoziiert sind, mangelt, so mangelt es ihm auch am Pathos, den man gemeinhin aus Hongkong kennt. Kei ist ein Kleinkrimineller, der eher an seinem „Handwerk“ interessiert scheint, als am großen Geld, das sich in den Triaden machen ließe.



Wie jeder gute To-Film spielt auch Sparrow über weite Strecken auf den Straßen seiner Stadt: Als Flaneur streift Kei mit einer alten Kamera durch Hongkong, immer auf der Suche nach schönen Motiven. Dass Sparrow auch ein Film über den Wandel seiner Heimatstadt sei, wo in den letzten Jahren zahlreiche alte Gebäude neuen, modernen Komplexen weichen mussten, darauf weist Johnnie To in der Pressekonferenz hin; mit seiner Kamera hält Kei dieses alte, zurückgedrängte Hongkong fest, genau wie der Film, der, im Hintergrund und am Rande, auch über den Zeitraum seiner Entstehung den Wandel in der Stadt beobachtet. Bei einem solchen Foto-Streifzug tritt Kei schließlich auch die schöne Chun Lei (die wunderbare Kelly Lin) vor den Sucher, die, wie sich bald herausstellt, nicht nur ihm, sondern auch seinen Partnern systematisch den Kopf verdreht und dies mit Grund: Als Festland-Chinesin ist sie einem alten Schwerkriminellen, einem ehemaligen Taschendieb, der ihren Pass unter Verschluss hält, um sie so an sich zu binden, ausgeliefert: Im Duell der Taschendiebe, ausgetragen in den Straßen von Hongkong, entscheidet sich Chun Leis Schicksal.

To erzählt seinen Film anhand überschaubarer, mal von einer kleinen, mal von einer großen Idee getragenen Sequenzen, denen man stets ansieht, dass sie nicht einem übergeordeneten Masterplan, sondern allein der gelegentlichen Inspiration zwischen zwei anderen Arbeiten entspringen. Dabei ging es nie um den großen cineastischen Wurf, sondern eher um freudiges Ausprobieren und die Lust am Experiment, stets von einem Augenzwinkern begleitet. Eine Standardsituation etwa, wie man sie aus zahlreichen Komödien kennt – eine Verfolgung wird durch Leute behindert, die einen großen Gegenstand durch die ohnedies schon beengte Gegend tragen -, wird in Sparrow zu einem kleinen, frechen Meisterstück auf engstem Raum (in einem Hochhausaufzug); den Versuch, einen begehrten Gegenstand zu entwenden – ein Amulett am Halse des Gegenspielers -, inszeniert To als Travestie in der Arztpraxis mit Humor auf kleinstem Raume; atemberaubend hingegen sind seine, wider alle Hongkong-Tradition, entschleunigenden Momente, wenn er eine Verfolgung auf dem Fahrrad inszeniert oder beim grandiosen Showdown, der, statt großer Oper, den Zeitlupen-Minimalismus zwischen Jackentaschen und Regenschirmen sucht. Zwar ist nicht jedes set piece die ganz große Kunst geworden, ein großer Spaß sind sie aber, je auf eigene Weise, schon.



So wie Straßendiebe einen übertölpeln, übertölpelt freilich auch To, der hier On und Off des Bildes mit der großen Souveränität des erfahrenen Filmemachers, der er ist, zu nutzen versteht; zum sympathisch ironischen Grundton des Filmes gehört freilich, dass er nicht jeden Trick der Taschendiebe ins Bild setzt, sondern oft genug ins Nicht-Sichtbare verrückt. Die freche Dreistigkeit, mit der er zwischen Nachvollzug des Geschehens und bloßem Budenzauber changiert, gehört aber mit zur schönen Unbekümmertheit von Sparrow.

Johnnie Tos bester und beeindruckendster Film ist Sparrow zwar nicht geworden; nach wie gehört es zu den großen Verfehlungen aus den Geschichtsbüchern der Berlinale, PTU (2003) seinerzeit nicht in den Wettbewerb geholt zu haben; dennoch, nach den düsteren Triadendramen der Election-Reihe und Exiled ist es ein Genuss, To mal wieder in guter Tradition einfach nur mit Film und seinen Formen fröhlich herumspielen zu sehen.


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