Dienstag, 12. August 2008
Thema: Kinokultur
Man darf sich fragen, was Baader und Meinhof zu solchen Praktiken eines kapitalistischen Unternehmens wohl gesagt hätten. Oder getan...

Jedenfalls, die Süddeutsche berichtet:
Wer über den Kinofilm "Der Baader Meinhof Komplex" berichten will, dem wird erst einmal gedroht. Ein Fall für Boykott, findet der Journalistenverband.
So droht der Verleih Constantin Film mit einer Strafe von bis zu 100.000 Euro (zu gleichen Teilen aufzuteilen zwischen Journalist und Medium), wenn vor einem vom Verleih festgesetzten Stichtag eine ausführliche Berichterstattung zu Der Baader Meinhof Komplex stattfindet.

Gerade aus Perspektive freier Journalisten wird hier mehr oder weniger mit der mittel- bis langfristigen Zerschlagung der persönlichen Existenz gedroht - ein jeglichen Maßstabs verlustig gegangenes Muskelspiel, das überdies eine neue Stufe der Eskalation im Bereich der Pressearbeit von Seiten deutscher Filmverleiher darstellt. So sollte die Berichterstatung zu Kill Bill 2 ebenfalls per vorgegebenem Stichtag konzertiert werden; bei Spielbergs Krieg der Welten erhielt man Zutritt zur Pressevorführung schließlich schon nur noch mit einer persönlich unterschriebenen Erklärung, einen Stichtag zu berücksichtigen, während der Verleih damit drohte, Abweichler generell nicht mehr zu Pressevorführungen einzuladen (um somit freien Journalisten die Arbeits- und also Existenzgrundlage zu entziehen). All diese Versuche, journalistische Arbeit, die ohnedies schon bei weiten Teilen der Presse von wohlwollender PR-Arbeit aus Dankbarkeit für all die schönen Preview-Screenings nicht mehr zu unterscheiden ist, zusehends zu konzertierten und zu steuern, werden von den drakonischen Maßnahmen, die Constantin nun ergreift, auf nicht mehr hinnehmbare Weise getoppt.

Die SZ boykottiert den Film deshalb, der DJV ruft Journalisten ebenso dazu auf, solche Bedingungen nicht zu akzeptieren. Es bleibt abzuwarten, welche Speichellecker und rückgratlose Puddingspeisen selbst noch unter den Bedingungen solcher Drohungen meinen, industriellen Partikularinteressen unbedingt wohlwollend hinterherzuschreiben, damit's auch weiterhin ein koffeinhaltiges Limonadengetränk gratis zur Pressevorführung dazu gibt.

Als Filmjournalist erkläre ich mich mit SZ und dem DJV absolut solidarisch und rufe auch alle Kollegen dazu auf, sich dem anzuschließen und dies öffentlich kundzutun. Darüber hinaus empfehle ich dem Publikum an der Kinokasse über einen Denkzettel an den Verleih zumindest nachzudenken.

Als Angestellter einer Videothek mit Mitspracherecht bei der Sortimentzusammenstellung werde ich mich dafür stark machen, den Film bei Erscheinen nicht ins Sortiment aufzunehmen und entsprechende Kundenanfragen mit einem Hinweis auf die ungeheuerliche Geschäftspraktik von Constantin zu beantworten.


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