Zu den schönsten Phänomenen des Hofbauer-Kongresses (und dem sich darum bildenden Diskurs-Universum) zählt neben der Herausbildung eines sehr eigenen Jargons auch die Identifizierung gewisser, typischer Bildmotive, die sich in der HK-Welt häufen und gruppieren. Eines davon ist die nächtliche Fahrt durch eine mit verlockenden Neon-Schriften illuminierte Innenstadt, gefilmt aus einem Auto heraus. Womöglich handelt es sich auch um das treffendste Bild für den Kongress: Urban, ein bisschen retro, ein Dschungel voller glitzernder Versprechen, Sünde, Lust und Gier an jeder Ecke - und immer auch die Ahnung des Betrugs, während das Auto wie eine Kapsel des Verzichts figuriert. Dass der einzige in Deutschland entstandene Film von José Bénazéraf mit so einem Bild beginnt, ist also nur als Versprechen zu verstehen, dass St. Pauli zwischen Nacht und Morgen aufs Vergnüglichste einlöst.

Ekkehard Knörer hat in der taz bereits vieles Richtige über diesen Film geschrieben: Tatsächlich ist es eine wahre Freude, wie dieses Film gewordene, nokturnale Cool-Jazz-Album durch seine Geschichte, sein Milieu mäandert, dabei vom melancholischen Stimmungsbild am Hafen zum Dokumentarismus wechselt, mal hochgradig künstlich wirkt, die Vorbilder des großen Kinos sucht und eben doch immer wieder den Blick auf diese Gegend hier, rund um die Reeperbahn, wirft. Dabei entsteht eine eigene Welt ganz für sich, eine Filmwelt neben der unseren, eine Dämmerwelt, die schon der eigentlich etwas merkwürdige Titel St. Pauli zwischen Nacht und Morgen ankündigt.

Es steckt viel Freiheit, viel Spielfreude in diesem Film - und der Zierrat wird zur eigentlichen Attraktion: Rolf Eden etwa - ein Spelunken-Schmierhahn, dessen Etablissement als Drogenumschlagplatz ins Visier der international ermittelnden Behörden gerät - wird bei seiner Einführung bemerkenswert lange nur von hinten gezeigt, als gelte es, den Preis für maximale filmische Coolness zu gewinnen. Oder die drei jungen Frauen zum Beispiel, die in dieser Bar immer wieder aufspringen und zu dritt einen eckig-gelenkigen Tanz hinlegen - beides zählt zum Schönsten, was sich hier finden lässt. Oder der vielgeliebte Moment am Rande des Hamburger Fischmarkts, als eine Omma zum Oppa im Vorbeigehen kurz vor Schnitt noch fragt, was sie ihm denn heute Abend kochen soll. Das Schmier-Sakrale und Trunst-Profane liegen in diesem Sittenreißer-Poem dicht beisammen.



Eine DVD ist bei Pidax erschienen. Der Erwerb wird empfohlen.

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