(zuerst erschienen im Perlentaucher)



Gegen diesen öffentlichen Raum hilft kein Adblocker: Wenn Qohen Leth (Christoph Waltz) in schwarzer Montur seine karge Behausung einer verfallenen Kathedrale verlässt, um ins Neonlicht zu treten, sieht er sich mit dem nervösen Albtraum einer durchkommerzialisierten Öffentlichkeit konfrontiert, in der maximale Individuierung und Adressierung den Gang zum Bus zum Spießrutenlauf macht. Es flimmert, quietscht und bimmelt, es flackert, schranzt und dengelt - klickibunti, jalla jalla, macht dieses ADHS-Paradies auf Speed, ein Ringen und Kämpfen, Stoßen und Drängen um die Aufmerksamkeit des sich mehr und mehr in sich verschalenden Subjekts, das sich, mit Ausnahme Qohens, längst schon die bunt-dekadente Camouflage gerettet hat und in diesem Wimmelbild von der allgegenwärtigen flashy Werbung kaum mehr zu unterscheiden ist.

Burlesker Überschuss, Ekstase des Skurrilen - ein typisches Terry-Gilliam-Feuerwerk, das die ersten Minuten von "Zero Theorem" abfackeln, inspiriert von alten Underground-Science-Fiction-Comics genauso wie von der auch schon gut ins Alter gekommenen, filmischen Postmoderne der achtziger Jahre. Ein klein wenig verzweifelt wirkt es allerdings schon, wie Gilliam hier in Sound, Look und Feeling seine Paranoia-Klassiker "Brazil" (1985) und "12 Monkeys" (1995) fortschreiben will. Und die Zeichen verweisen deutlich darauf, dass Gilliam uns hier etwas sagen möchte: Dieses London der Zukunft, ein schrilles Gadget-London, das seine Bewohner auf Werbebotschaften-Adressaten und Laufrad-Bewohner einer nicht mehr durchschaubaren, von Gadgets und Displays zugestellten Welt oder gleich zu bloßen Display-Solipsisten deklassiert, soll wohl schon auch eine Extrapolation heutiger Umstände darstellen. Nach dem Motto: Seht nur, worauf wir zusteuern, wir Smartphone- und Tablet-Sozialkrüppel. Dass Gilliam andererseits viel zu verliebt ins Gewusel und Gewimmel seiner farbenprächtigen Ausstattung ist, reibt sich daran etwas.



Inmitten des Treibens, als gehetzte Gestalt und Leerstelle zugleich: Besagter Qohen Leth, der in seiner Kathedrale dem Sinn des Lebens hinterher fuhrwerkt, im Auftrag von "Management", dem Großen Bruder dieses dystopischen Szenarios. Er fuchtelt und werkelt an obskuren Maschinen, spricht von sich im Plural, leidet an Depressionen und völliger Persönlichkeitsermangelung - und ist vielleicht gerade deshalb das letzte Exemplar des wahren Menschen, das sich Gilliam unter den hochtechnisierten Bedingungen seiner Erzählwelt vorstellen kann. Eine auf CD-ROM hinterlegte Psychotherapeutin - mitunter famos: Tilda Swinton mit Mut zur gewagten Frisur - legt den glatzköpfigen Lebenssinnsucher denn auch bald auf die Couch. Unausgesprochen bleibt dabei, dass dieser Qohen tatsächlich ein getriebener Spielball einer fremden Macht ist, die allerdings ganz außerhalb des Geschehens steht: Für Christoph Waltz ist Qohen das ideale Vehikel für seine Manierismen, deren Reiz sich nach zweimal Tarantino samt Oskar sich nun auch langsam mal erschöpft hat. Oder kurz: Die längst zu nerven beginnen.

Wie im übrigen auch Gilliams auf Krawall gebürsteter Kulturpessimismus. Wie schon in seinem "Parnassus"-Film 2009 artikuliert er hier ein Misstrauen gegen unsere gewiss auch schöne neue Welt, das sich einerseits sehr im Liebreiz deren Zerstreuungsangebote verstrickt, ihr andererseits aber auch im wesentlichen unverständig gegenüber steht. Terry Gilliam, eine Art Frank Schirrmacher des fantastischen Kinos sozusagen: Wo der Feuilletonleiter zermanschte Gehirne sah, sieht der andere einen einzigen Wust an Neurosen, Narzissmen und Depressionen. Dass gerade im Zeitalter von Social Media und mobilem Netz Menschen mehr denn je miteinander kommunizieren - wenn auch freilich nicht mit jenen im unmittelbaren Umfeld - bleibt Gillliam ebenso unzugänglich wie die Tatsache, was für ein Zeitalter der Vereinzelung und Isolation insbesondere die alte Buchgalaxis gewesen ist, nach der sich Gilliam mit seinen etwas vergilbten Vorstellungen menschlicher Imagination offenbar zu sehnen scheint.



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