Diese Woche kann man Jakob Lass' schönen "Love Steaks" werbefinanziert auf SpiegelOnline sehen. Zum Kinostart hatte ich für die taz einen Text geschrieben.



Auch eine Art, eine Romanze zu beginnen: „Boah, du schwitzt. Riecht man. Ist aber nicht schlimm.“ Die das im Fahrstuhl zu ihrem Gegenüber sagt, ist Lara (Lana Cooper), Köchin in einem Wellness-Hotel an der Ostseeküste, mitten im Nirgendwo – und Lara ist taff, aufbrausend, sie säuft gern.

Wenn Lara mit ihrem Wagen auf den Straßen im Umland die Aufmerksamkeit zugeknöpfter Polizisten auf sich zieht, hört sie dabei krachig-dreckigen Punk. Er wiederum, der so schwitzt, ist Clemens (Franz Rogowski), ein neuer Masseur im Hotel und so unsicher im Auftritt wie tollpatschig im Gebaren.

Untergebracht hat man Clemens in einer Wäschekammer in den oberen Etagen des Betriebs. Morgens holen ihn die Putzfrauen mit einem „Guten Morgen!“ aus den Federn, und wenn beide hier am Abend miteinander rummachen, zieht das den Unmut der Gäste aus dem gegenüberliegenden Flügel auf sich, die mangels Vorhänge unfreiwillige Zeugen des schönen Spaßes werden.

Ungleiche Partner also in einer Boy-meets-Girl- oder gleich Girl-gets-herself-a-Boy-Geschichte und damit beste Voraussetzungen für eine Liebesgeschichte am Strand, bei der es am Ende mitunter auch derbe was auf die Backen gibt. Das ist, in a nutshell, „Love Steaks“, der großartige Debütfilm von Jakob Lass, und ihm geht ein enormer Ruf voraus: Kaum eine zweite deutsche Produktion hat zuletzt auf so vielen Festivals abgeräumt und Preise eingefahren.

Und das sehr zu Recht, denn diesem Film sind die Bräsigkeiten des deutschen Bescheidenheits- und Konsensfilmemachens gehörig ausgetrieben: Schön flink, geradezu lebensbejahend ekstatisch saust die Kamera (Timon Schäppi) durch die Bedienstetenwelt hinter den Kulissen eines tristen, betäubend auf Wohlgefühl getrimmten Hotels. Der Schnitt (Gesa Jäger) stückelt den Film hektisch und roh, mitunter auch unter unbekümmerter Missachtung dessen, was das Lehrbuch rät.



Dann ist da noch der Ton: Aufregend anders, dreckig klingt dieser Film – eine Wohltat nach den sterilen Klangwelten des deutschen Förderkinos, der wahrgewordene Albtraum jedes Fernsehredakteurs. Die Leute nuscheln, wie Leute eben nuscheln. Es scheppert, klirrt und zischt, wie es in einem Betrieb eben scheppert, klirrt und zischt. Immer wieder durchfahren harte Sounds das Geschehen. Wenn Clemens seufzenden älteren Damen den Rücken massiert, ist es dem Film noch eine ganz besondere Freude, sich auf der Tonspur von miesem New-Age-Klangschrott verunreinigen zu lassen.

Schön, ja toll, was dieser Film sich traut. Er beweist in seinen Episoden und Vignetten erfrischenden Mut zum Humor: Mal ist er ganz lakonisch, trocken, ohne sich gemütlicher Skurrilität oder einlullender Beschaulichkeit zu beugen. Dann wieder ist er voll auf Slapstick gebürstet oder prüft die unterschiedlichen Weisen des Sprechens – etwa, wenn ein Manager Lara und Clemens tadelnd zurechtweist, dass die Hinterräume des Betriebs zu romantischen Tändeleien während der Arbeitszeit nicht zu missbrauchen sind – auf komisches Potenzial.

Burlesk anarchisch wird es schließlich, wenn Lara ihrem Clemens in den Tiefkühlräumen allerlei kaltes Fleisch in den Schritt hängt, weil sie seinen vor Frost eingefahrenen Minischwanz sehen will. Überhaupt, die beiden Hauptdarsteller: Selten hat man zuletzt im deutschen Kino zwei junge Darsteller mit derart ausgeprägter Freude am Spiel gesehen. Auch das, wie alles andere: ein tolles, schönes Kinoglück.

Von weit weg weht da der Geist der klassischen Komödien von Klaus Lemke herüber, man denkt kurz an „Sylvie“ oder „Amore“, mit denen „Love Steaks“ zumindest entfernt verwandt ist. Und das nicht zuletzt wegen vergleichbarer Produktionsbedingungen: „Love Steaks“ liegen Skizzen, aber kein festes Drehbuch zugrunde, einige Szenen entstanden aus dem Moment heraus. Gedreht und improvisiert wurde während des laufenden Hotelbetriebs unter Bedingungen, die notgedrungen erfinderisch machen.

Schon mit diesem Konzept steht man außerhalb der rigiden Vorgaben des hiesigen Fördersystems: Dem Film tut das in jeder Hinsicht gut. „Love Steaks“ atmet weder den Geist von Kultur mit großem K noch den des im deutschen Kino so nervigen Professionalismus-Gehampels von Berufszynikern. Stattdessen drehen hier Leute mit ordentlich Heißhunger ihren ersten großen Film – mit nichts als reiner Hingabe. Das macht zwar nicht reich und Sicherheiten schafft es auch nicht. Aber es macht sehr, sehr frei.


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