Thema: Berlinale 2004
Ein Tag auf dem Planeten. Das klingt nach Beliebigkeit und Willkür. Irgendein Tag, irgendwo hier, irgendwer wird beobachtet. Night on Earth, nur andersrum. Und auch wenn zu Beginn die Einheit der Zeit recht deutlich mittels Einblendung definiert wird, ist das doch eigentlich nur unerheblich, beinahe schon ein lakonischer Witz.Beobachtet wird - zumindest im Zentrum, denn der Film differenziert sich gelegentlich in andere Richtungen aus - ein Grüppchen von Spät-Teenies oder auch Früh-Twens, die gemeinsam eine Party in Masamichis (Shuji Kashiwabara) neuer Bude in Kyoto feiern, kurz vor dem Semesterbeginn. Man albert herum, flirtet etwas, labert viel dummes Zeug, betrinkt sich, schneidet sich im Suff die Haare ab, zockt Playstation, wie das halt so ist. Viel geschieht nicht, gar nichts eigentlich, sogar wenn es mal zu einem langen Dialog zwischen zweien kommt, die sich vom Rest trennen, also so etwas wie Intimität entsteht, gibt man eigentlich nur Banales wider. Regisseur Isao Yukisada erzählt nichts, er macht im Gegenteil Inhaltslosigkeit zum Thema. Und im Fernsehen, im Radio seltsame Meldungen: Ein ziemlich grotesker Trottel steckt in dem schmalen Spalt zwischen zwei Gebäuden. Am Strand (er gleicht später dann - frappant! - jenem aus Kazushi Watanabes 19, das aber nur am Rande) läuft ein Wal auf, verschiedene Rettungsversuche schlagen fehl. Manchmal erfährt man von diesen Dingen sogar ohne zusätzliche mediale Folie: Ganz so, als hingen diese Ereignisse, nun nicht mehr über den Fernseher vermittelt, wirklich mit den doch irgendwie depressiv vor sich hin feiernden Studenten zusammen, die immer wieder am Fernseher hängen bleiben, den Typen und den Wal beobachten. Der Wal, er wird die Nacht nicht überleben, schafft es am nächsten Tag noch in die Zeitung, der nach vielen Stunden endlich gerettete Kerl zwischen den Wänden, dem auch noch eine Taube ins Gesicht geschissen hat, wird irgendwann mangels spektakulärer Reize aus der Berichterstattung ausgeblendet, obwohl, wie wir sehen, am Ende seiner Rettung eine Freundschaft entstanden sein wird. Anhand dieser Hierarchien in den Medienkanälen werden die Ereignisse Teil des Lebens dieses Grüppchens, welches, zwischen Videospiel, Coladosen und trunkener Binsenphilosophie diese Hierarchien sogar kurz zu hinterfragen wagt.
Eine schöne Welt muss das eigentlich sein, in der die Medien voll sind von Berichten über zwischen Wänden steckenden Männern und am Strand verendeten Walen und sonst so recht nichts zu geschehen weiß. So ganz anders etwa als sich medial konstruierte Wirklichkeit sonst, diesseits der Leinwand, darbietet. Ruhig und im stupiden vor sich Hinbrüten sogar irgendwie behaglich: Is ignorance bliss? Und so langsam dämmert es einem: Das hat in seiner totalen Ausblendung dieses Themas doch auch alles mit 09/11 zu tun, vor allem aber mit dem absoluten Nachrichten-Overkill dieser Tage. In der Tat: Der typische Aufreißerspruch eines ziemlich betrunkenen Mädchens ist die Frage, ob sich Betrunkensein nicht so anfühle, als befände man sich in einem Ei. Und wie das denn wohl so sei, in einem Ei. So sinniert sie dahin, über Schalen und Eier, gluckst etwas glückselig und kommt ihrem Ziel, dem knackigen Kerl gegenüber, doch eigentlich nicht näher. Die Eierschale der Medien, in der sie alle sich befinden, nimmt sie nicht wahr.
Ist es nun also die Sehnsucht nach einer Welt, in der Berichterstattung noch unschuldig war, die diesen Film antreibt? Schwer zu beantworten. Denn auch die Verdrängung und Verdeckung, die einer solchen Welt zugrunde läge, wird thematisiert. Einerseits im Bildkader selbst, dessen Organisation japanischen Bildtraditionen des Im-Bild-verdeckt-Seins verpflichtet ist: Der Wal ist in der Aufnahme des Strandes zunächst eine Weile lang nicht zu sehen, erst als er plötzlich Wasser in die Luft zu pusten beginnt, wird uns bewusst, dass zwischen dem Hügel und dem Wasser noch etwas anderes als bloßer Strand sein muss. Und wenn Masamichi spät nachts noch Bierholen geht, dann verlässt er auf dem Fahrrad den Bildkader, die Kamera folgt ihm zwar, doch zu langsam, um ihn dann, nach ordentlich Getöse auf der Tonspur, auf den Boden liegend zu zeigen, vom Auto angefahren. Als sein Handy klingelt und sich seine Freundin meldet, erzählt er ihr nichts von dem Unfall, nichts von der Schürfwunde im Gesicht: Er befände sich gerade "in der Nähe des Flusses" und hinge halt so rum. Und auch die Personen selbst sind eigentlich ausgeblendet, verdeckt, wenn wir sie zunächst bloß feiern sehen und erst im Nachhinein der den Festivitäten im kleinen Kreis vorangegangenen Tag einzelner Figuren erhellt wird.
Ein eigenartiger, interessanter Film. Minutiös zeichnet er die größeren und kleineren Wege des Informationsflusses nach, die Weltkonstruktionen zugrunde liegen, und verbindet diese mal gewitzt, mal behäbig inszenierte Skizze mit einem coming-out-of-age-Szenario. Auch wenn er die Geduld des Zuschauers vor allem in allzu lang ausgetretenen, "leeren" Dialogszenen zum Teil stark beansprucht, stecken da doch eine innere Ruhe und eine Ausstrahlungskraft fernab vom Überwältigungsversuchen in ihm, die zu faszinieren wissen. Sofern man sich drauf einlassen kann.
Der Film läuft auf den 54. Internationalen Filmfestspielen Berlin in der Sektion Panorama.
>> A Day on the Planet (Japan 2003)
>> Regie: Isao Yukisada
>> Drehbuch: Isao Yukisada/Shouichi Mashiko (nach der literarischen Vorlage von Tomoka Shibasaki)
>> Darsteller: Rena Tanaka, Satoshi Tsumabuki, Ayumi Ito, Shuji Kashiwabara, Chizuru Ikewaki, u.a.
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Thema: Berlinale 2004
19. Januar 04 | Autor: thgroh | 0 Kommentare | Kommentieren
Der etwas autistisch veranlagte, kleine Yu lebt mit seinem Vater getrennt von Mutter und Schwester in einem kleinen, japanischen Hafenort. Sein fotografisches Gedächtnis bringt ihn bald in Schwierigkeiten, als sich herausstellt, dass er in einem gestohlenen Mercedes einige Bankauszüge zu Gesicht bekam. Fortan stellen ihm korrupte Polizisten und diverse Gangster nach, während seine Lehrerin und der Vater versuchen, das Unheil von ihm abzuwenden.In seinem 25. Film, dem ersten seit immerhin knapp sechs Jahren, erzählt der 76jährige Regisseur Morisaki Azuma erneut ambitioniert eine Geschichte aus Perspektive der Kleinen und Schwachen der Gesellschaft. Mit allerlei eigentümlichen Schrulligkeiten, die sich wenig später als lediglich unbekümmertes Verhalten des geistig behinderten Yu herausstellen, gelingt es ihm gleich zu Beginn, trotz etwas exzessiver, bisweilen auch aufdringlicher musikalischer Untermalung, beim Zuschauer Interesse zu wecken. Dieses aufrechtzuerhalten gelingt dem Film im weiteren Verlauf aber aufgrund seiner Unentschlossenheit, entweder soziale Milieuschilderung, Abenteuerfilm für Kinder oder ein ausgemachter Krimi zu sein, kaum. Als Mischung all dieser Elemente mag er nicht so recht überzeugen, zumal er aufgrund seiner personellen "Ausfransung" teilweise stark auf der Stelle tritt.
Nach etwas über einer Stunde aus dem Saal geschlichen (vielleicht wird er in den letzten 40 Minuten also noch richtig gut, wer weiß!). Nicht, weil der Film sonderlich schlecht, langweilig oder ärgerlich wäre, sondern weil mich die Geschichte, ihre Figuren, wie auch die ästhetische Auflösung des Ganzen nach dem netten Beginn dann doch über weite Strecken einfach nur kalt ließen. Aus Gründen der Fairness soll zudem nicht unerwähnt bleiben, dass ich bei der Sichtung ziemlich müde gewesen bin. Unter günstigeren Voraussetzungen also bestimmt ein weit besserer Film.
Der Film läuft auf den 54. Internationalen Filmfestspielen Berlin im Rahmen des Internationalen Forums des jungen Films.
>> The Chicken is Barefoot (Niwatori wa hadashi da, Japan 2003)
>> Regie: Morisaki Azuma
>> Darsteller: Harada Yoshio, Baisho Mitsuko, u.a.
>> Länge: 114 min.
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Thema: Berlinale 2004
19. Januar 04 | Autor: immo | 0 Kommentare | Kommentieren
Seit heute steht die Jury des Wettbewerbs der Berlinale fest. Als Präsidentin konnte die us-amerikanische Schauspielerin Frances McDormand (u.a. Fargo) verpflichtet werden. Um die Gunst folgender Juroren wird zudem gebuhlt:
Die Jury wird am 14. Februar die verschiedenen Auszeichnungen des Wettbewerbs verleihen.
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Thema: Berlinale 2004
19. Januar 04 | Autor: thomas.reuthebuch | 0 Kommentare | Kommentieren
Ein kleines Dorf, irgendwo auf der anderen Seite der chinesischen Mauer, dort wo alte Legenden und Traditionen bis heute lebendig geblieben sind. Man hängt etwa dem merkwürdigen Glauben an, dass sich unverheiratete Tote einsam fühlen. Regisseur William Kwok Wai Lun, der mit Wing Wang auch das Drehbuch schrieb und seine Ausbildung in Hong Kong und New York genoß, wurde durch einen Zeitungsartikel auf diesen Brauch aufmerksam. In einem weit abgelegenen Landstrich des riesigen Landes kam man einer Gaunerbande auf die Spur die frische Gräber aufgebrochen hatten. Die entwendeten Leichen der toten Frauen wurden umgehend feilgeboten um in magischen Heiratsritualen an den bereits verstorbenen Singlegatten verkuppelt zu werden. In "Darkness Bride" verbindet Kwok Wai Lun diese skurrile Geschichte mit einer fest verankerten chinesischen Tradition: der Würde der Jungfräulichkeit. Es geht also um die Zwiespältigkeit von Moralbegriffen und deren Verfall, die beinahe exemplarisch anmutend in der Dreiecksbeziehung zwischen dem verschlossenen Sissy, dessen bescheuerter Name wohl auch im chinesischen ähnlich dämlich klingt, seiner kindlichen Verlobten Qing Hua und dem Waisenknaben Chun Sheng. Qing Hua träumt von einer rot gekleideten Frau, von Menschen umringt, Chun Sheng wird etwa zur selben Zeit dazu angestiftet das "Grab der Jungfrau" zu plündern, jener Ort, an dem der Legende nach eine Frau auf der Flucht vor Räubern von einem Felsen sprang um ihre Jungfräulichkeit zu retten. Bereits in der Hochzeitsnacht sitzt Chung Sen mit am Tisch, heimlich versteht sich, und stößt mit Qing Hua und ner Pulle Hochprozentigem aufs Leben an. Wenig später ist Sissy spurlos verschwunden. Nachdem er kurzerhand von den Dorfältesten für Tod erklärt wird, soll ihm Qing Hua ins Jenseits folgen. Die eigene Mutter mischt ihr den Giftcocktail. Für das unerkannte Liebespaar ist die Zeit reif um aus dem Nest zu fliehen und das Glück in der großen Stadt zu suchen.
Der Film besteht aus zwei etwa gleich großen Teilen. Die erste Hälfte spielt im Dorf, in den selbst für chinesische Verhältnisse ärmlichen Lehmhöhlen, die in die hügelige Landschaft getrieben wurden - in einem mittelalterlich anmutendem Sozialverbund, inmitten einer kargen Landschaft, der Kameramann Wong Ping Hung immer wieder Bilder von bemerkenswerter Schönheit abringen kann. Die Erzählung braucht sehr viel Zeit um zu sich zu kommen, ist zunächst damit beschäftigt das Setting zu beschreiben, uns die Lebensumstände und die befremdlichen Rituale der Menschen näherzubringen. Die Einstellungsgrößen lassen uns kaum Luft, der abgeschrittene Raum, auch wenn wir häufig den Handlungsort wechseln, bleibt überschaubar. Dann jedoch, immer wiederkehrend, über den ganzen Film verteilt, löst sich der Blick. Wir gewinnen Distanz zu den Figuren, zu ihrer Welt und begreifen dadurch erst ihre Umstände. Mal ist es eine Kranfahrt, mal ein Dollyshot, immer jedoch sind es freischwebende, gleitende Kamerafahrten, die einen krassen Kontrast abgeben, zu dem was der Film dazwischen an Sozialstudie betreibt.
Im zweiten Teil dann die Stadt. Sissy wird zunächst gezeigt, der sich mit der Animierdame Yan Yan angefreundet hat, ihr die Kunden zutreibt und dabei von einer Gaunerbande instrumentalisiert wird, die den Freiern das Geld abpresst. Er trinkt zum ersten Mal Cola, findet gefallen an Kentucky Fried Chicken. In einer erbärmlichen Unterkunft trifft er schließlich auf Qing Hua und Chung Sheng, die in die Stadt gekommen sind um ihn zu suchen. Wie zu erwarten reagiert Quing Hua eifersüchtig auf Yan Yan, die den beiden Männern bald den Kopf verdreht hat.
Auch in der Stadt verfolgt Kwok Wai Lun das gleiche Prinzip. Wir sehen immer nur Ausschnitte, eine desolate Wartehalle, der winzige Fiseursalon, in dem Yan Yan unterschlüpft, die Gießerei, in der Chung Seng Arbeit findet. Der allgegenwärtige Verfall wird zum ästhetischen Prinzip erhoben. Hier beschränken sich die beschriebenen Fahrten auf Hinterhöfe oder Fußgängertunnel. Die einzige Totale zeigt ein Kraftwerk, vor dessen Hintergrund Betonpfeiler aus der Erde ragen. Nicht nur hier, auch bereits vorher, wenn ein verdörrter Baum das Bild dominiert, kommt einem Tarkowskij in den Sinn - die Stadt erinnert an die verbotene Zone aus "Stalker" - oder vielleicht sogar Lars von Trier, was die tableauartigen, durch die Kadrierung wie gerahmt wirkenden Bilder anbelangt. "Darkness Bride" ist aber zuallererst unabhängiges chinesisches Kino, wie man es ähnlich auch schon in den Jahren zuvor im Forum beobachten konnte. In der letzten Einstellung etwa sitzt Sissy in der Polizeistation. Kurz zuvor erst hat er Bekanntschaft gemacht mit der alltäglichen staatlichen Willkür, die Kleinkriminelle oder einfach nur Pechvögel auf Lieferwägen verlädt und vom plärrenden Megaphon begleitet durch die Stadt karrt. Als er da so sitzt, auf der Bank, entfernt sich die Kamera von ihm und zeigt uns zum ersten und einzigen Mal die Stadt im zusammenhängenden Kontext. Vor unseren Augen verschwindet die Häuserzeile hinter einer Wegbiegung, auf den unbefestigten Straßen verstreut liegt verlorengegangenes Transportgut - saftig rote Tomaten, die in ihrer Farbe an das Mädchen aus Qing Huas Träumen erinnert. Der Film kommt schließlich mit diesem Bild zu seinem ursprünglichen Anliegen zurück und es ist beinahe als stünde er sich mit diesem bemüht wirkenden thematischen Überbau selbst im Weg.
Darkness Bride (You Gow, Hong Kong/Taiwan 2003)
Regie: William Kwok Wai Lun; Buch: William Kwok Wai Lun, Wing Wang; Kamera: Wong Ping Hung
Darsteller: Fang Jing (Qing Hua), Tang Lu (Yan Yan), Wu Jian (Chun Sheng), Gao Fei (Sissy)
Länge: 104 Minuten
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Thema: Lesezeichen
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19. Januar 04 | Autor: thgroh | 0 Kommentare | Kommentieren
Vermutlich eh schon wieder kalter Kaffee, weil's jeder schon weiß, nur ich bin mal wieder der Letzte: Die Zeit bloggt jetzt auch. Scheint mehr so Linkhub zu werden. Mal schauen, wie's weitergeht.
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Thema: Kinokultur
19. Januar 04 | Autor: thgroh | 0 Kommentare | Kommentieren
"Wo sonst im germanischen Blätterwald darf sich ein Interview mit dem Chefkameramann von «Far from Heaven» über zehn Seiten ausbreiten? Der Himmel für Cinephile.", schreibt die NZZ.
Dem ist nichts hinzuzufügen! Einer meiner Lieblingsfilmzeitschriften auch von mir alles Gute zum Jubiläum! Auf die nächsten 250!
Dem ist nichts hinzuzufügen! Einer meiner Lieblingsfilmzeitschriften auch von mir alles Gute zum Jubiläum! Auf die nächsten 250!
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