Thema: Filmtagebuch
16. Februar 04 | Autor: thgroh | 0 Kommentare | Kommentieren
Identity Kills von Sören Voigt erzählt nicht, wie man bei diesem Titel vielleicht denken könnte, eine Geschichte aus der Welt der "Gender Studies", die man nur mit Theoremen der Postmoderne im Rüstzeug verstehen könnte und auch Judith Butler muss man in einer Rezension nicht erwähnen, um auf der sicheren Seite zu sein. In nur grob vorskizzierten, auf Digitalvideo gedrehten Szenen wird Karen vorgestellt, die ihr Leben relativ sinnentleert im Irgendwo des Nirgendwo zwischen Plattenbau, Proll-Freund, Proll-Techno-Disco, Fabrikarbeit und Tagträumen verbringt. Ein zufällig mitgehörter Dialog der jungen Hotelfachfrau Fanny Volant mit ihrer Friseuse, dass sie schon bald einen attraktiven Beruf in einem Hotel auf der dominikanischen Republik ausüben werde, macht Karen neugierig und löst Fernweh aus. Einen Zufall später wird Karen im nahegelegenen Café vom extra angereisten Hotelmanager mit eben jener Fanny verwechselt, allerdings lässt sie das Mißverständnis sichtlich fasziniert von diesen neuen Lebenswelten zu und verbockt das Gespräch schlußendlich dann doch noch beim Spanischtest. Der Traum vom anderen Leben geht dennoch weiter: Karen nimmt, einige Wochen später, als vorgebliche Personalmanagerin des Hotels Kontakt mit der sich versetzt fühlenden Fanny auf.
Nach anfänglicher Skepsis ob des offenen Konzepts des Filmes kann man sich dem Geschehen, nicht zuletzt aufgrund der großen Improvisationsleistungen der Hauptdarstellerin Brigitte Hobmeier, recht schnell öffnen. Die erste, noch anonyme Begegnung zwischen Fanny und Karen, sowie die unmittelbar darauf folgenden Implikationen sorgen für das erste Spannungshoch und fesseln dementsprechend. Leider verliert sich der Film daraufhin wieder etwas zu sehr in der Darstellung des tristen Lebens von Karen, um erst weit gegen Ende den vielversprechenden Plot mit Fanny wieder aufzunehmen. Dies sorgt für manche Länge, die Identity Kills allerdings am Ende mit seinen sowohl überraschenden, wie auch, im positiven Sinne, erstaunlich unspektakulär inszenierten Wendungen wieder wett machen kann. Zwar haftet dem Film noch etwas der Ruch der Filmhochschule an, wirkt somit der Tendenz nach etwas zu arg herbeikonstruiert, doch weiß er unterm Strich zu überzeugen und lässt auf weitere, narrativ vielleicht noch etwas routinierter vorgetragene Filme des Regisseurs hoffen.Ab 11. März im Exit Filmverleih in den Kinos.
>> Identity Kills (Deutschland 2003)
>> Regie/Drehbuch: Sören Voigt
>> Kamera: Markus Stein
>> Darsteller: Mareike Alscher, Sabine Beck, Julia Blankenburg
Cay Helmich, Brigitte Hobmeier, Wicky Kalaitzi u.a.
>> Länge: 81 Minuten
imdb
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Thema: Kinokultur
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16. Februar 04 | Autor: thgroh | 0 Kommentare | Kommentieren
Wie der frischgegründete timebandits Filmverleih mitteilt, wurde nach dem Triumph von Fatih Akins neuem Film Gegen die Wand auf der Berlinale der Starttermin von April auf den 11. März vorverlegt.
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Thema: Berlinale 2004
16. Februar 04 | Autor: thomas.reuthebuch | 1 Kommentar | Kommentieren
Die Berlinale ist vorbei, die Bären erlegt, am Potsdamer Platz kehrt wieder Ruhe ein, auch wenn man mit vereinten medialen Anstrengungen dem Rest der Welt etwas anderes weißmachen will. Als Statistikfreak hab ich ein Faible für das gänzlich Nutzlose, als Lohnschreiber für das geschriebene Wort ohne literarischen Wert. Die Berlinale war also, zumindest für mich:
42 Filme in 10 Tagen, mit eingerechnet sind allerdings 9 Filme im entspannten Vorfeld der Pressevorführungen, die alljährlich ab Mitte Januar stattfinden.
7 Schachteln Zigaretten (erschreckend, und ein neuer persönlicher Rekord)
ca. 15 Portionen Bier, meist Hefeweizen, manchmal aber auch Pils
8 mal Chinapfanne beim Asiaten für 2,50 Euro (ja, ich habs gezählt)
1 mal Currywurst am Imbißstand gegenüber dem Cinemaxx (der kulinarische Tiefpunkt)
5 Stunden Schlaf, im Schnitt
1 Alkoholexzess
und daran anschließend:
1 mal Auto vergessen und am nächsten Morgen vermisst (dazu muss man wissen: aus Zeitgründen reise ich zum Potsdamer Platz mit Auto und S-Bahn an – fragwürdig, vor allem wenn man weiß, dass die Zeitersparnis etwa 5 Minuten ausmacht, handgestoppt, im Vergleich zur direkten Verbindung mit der U2)
2 mal im Kino eingeschlafen:
- bei „Demain, on déménage“ (vielleicht war ja ich der Schnarcher, den Kollege Knoerer in seiner Rezension zum Film beneidet – eine der vielen Rätsel, die ein Filmfestival in der Rückbesinnung bereit hält)
- und bei „Quattro Noza“, aber nur ganz kurz.
1 Filmparty (hab vergessen zu welchem Film)
Und abschließend noch ein nachgeschobenes Best-/Worst of:
Best: Running on Karma (Johnny To)
Worst: Quattro Noza und Country of my Skull
Schönstes Filmerlebnis: Days of Heaven (Terrence Mallick)
Furchtbarstes Filmerlebnis: Eine mit heftigen Blähungen halb durchgestandene Vorführung von The Candidate.
Surrealstes Filmerlebnis: One missed Call (Takeshi Miike) – Geruchskino in bester 50ies Manier. Als die verrottete Leiche der Mutter entdeckt wird, steigt beißender Pissegeruch auf. Grund: ein Penner, der sich verlaufen hat und schließlich freundlich, aber bestimmt des Saales verwiesen wird.
Das war´s von mir, es bleibt: vielen Dank fürs Lesen und bis zum nächsten Mal.
Thomas Reuthebuch
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Thema: Berlinale 2004
16. Februar 04 | Autor: thomas.reuthebuch | 0 Kommentare | Kommentieren
Wettbewerb: Final Cut (USA 2003, Omar Naim)Ein Film mit einer spannenden Prämisse und einer enttäuschenden Umsetzung. Robin Williams spielt den introvertierten Cutter mit bemerkenswerter Eindimensionalität, Mira Sorvino wird im dramaturgisch günstigen Moment wie ein hübsch anzusehendes Artefakt aus dem Hut gezaubert. Der Score verkleistert in beispiellos unerträglicher Weise die wenigen gedanklichen Freiräume, die der Plot dem Zuschauer läßt und auch filmhandwerklich ist speziell das Finale überraschend ungelenk inszeniert. Zwei Stunden vertane Lebenszeit.
Retrospektive: Sisters (USA 1972/73, Brian de Palma)
De Palmas verstörendster Film, vielleicht. Fühlt sich spätestens in der Hypnosesequenz wie ein früher Cronenberg an. Die erste Hälfte des Films ist jedoch de Palma pur, steckt voller Querverweise auf diverse Hitchcock Klassiker und greift exzessiv auf drastische filmische Mittel wie etwa die Split-Screen Technik zurück. Mit offensichtlicher Freude spielt de Palma mit gängigen Thrillerkonventionen, werden zusehends allgemeingültige Genreregeln unterlaufen und der Blick des Zuschauers in beispielhafter Weise zersetzt. Am Ende steht die völlige Orientierungslosigkeit des Betrachters und eine geniale letzte Einstellung, die mit diebischer Freude die ins leere gelaufenen Erwartungshaltungen des Zuschauers kommentiert.
Retrospektive: The Parallax View (USA 1973/74, Alan J. Pakula)
Ein Film, nicht ohne dramaturgische Schwächen, zwischendurch, der jedoch durch sein konsequent umgesetztes visuelles Konzept als Meisterwerk zu bezeichnen ist. Die finale Plansequenz ist in ihrem Erfindungsreichtum atemberaubend. Gordon Willis reizt das verwendete Filmmaterial in faszinierender Low-Key Ästhetik aus, die Bilder legen sich wie Tableaus über ihre Figuren. Interessant auch Pakulas Inszenierungsstil in den dialoglastigen Szenen, speziell in den Zweier-Konstellationen. Es gibt kaum Coverage, die Kamera folgt selten dem Schuß-Gegenschuß-Prinzip. Dahinter steckt ein ungeheures Zutrauen in die Schaupieler und es wird einem schmerzhaft bewußt, wie berechenbar das gegenwärtige Hollywoodkino in seinem fehlenden Selbstvertrauen ist.
Retrospektive: The Deer Hunter (USA ?, Michael Cimino)
Bemerkenswert: der Grad an veränderter Wahrnehmung auf der großen Leinwand. Bereits in den ersten Totalen des kleinen Industriestädtchens in der Nähe von Pittsburgh werden mögliche Zweifel an dem Sinn einer erneuten Sichtung des Films im Rahmen der Retro gründlich zerstreut. Es folgen drei unvergessliche Stunden. Michael Ciminos von mir im Fernsehen immer als zu lang empfundener Film, entwickelt eine erstaunliche Sogkraft. Die latent homosexuelle Beziehung zwischen Michael und Nick bildet das dramaturgische Fundament, ihre Dreiecksbeziehung mit Meryl Streep hält den Film zusammen. Die Vietman Sequenzen sind kürzer als erinnert und die letzte Szene, wenn die alten Freunde gemeinsam „God bless America“ intonieren, sagt mehr über die amerikanische Seele aus als viele kluge Abhandlungen.
Thomas Reuthebuch
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