Thema: Weblogflaneur
09. Mai 04 | Autor: thgroh | 0 Kommentare | Kommentieren
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Thema: literatur
Ein Buch, von dem ich mir gewünscht habe, dass es mir gefällt. Nicht nur wegen des Titels, vor allem wegen meiner Entdeckung: Ich bin eigentlich kein Freund des langwierigen Suchens. Zwar kein wirklicher Romantiker, gefällt mir die Idee, dass sich das, was in mein Leben kommen sollte, schon irgendwie bei mir bemerkbar macht. Auf Flohmärkten wühle ich beispielsweise nicht: Ich schaue mir Stände an und horche allenfalls dahingehend auf meine Intuition, dass ich mal ein Buch hochhebe, um zu kucken, welches drunter liegt. Wenn es hier was für mich geben sollte, dann wird mich das schon anspringen. Mir gefällt dieses Konzept, auch wenn ich weiß, dass sich dahinter nichts verbirgt, dass es Spielerei ist, aber ich laufe gerne so durch's Leben, es gibt den einzelnen Dingen einen direkten Bezug.
Wie verhielt es sich also hier? Ich stand vor einigen Wochen in der Karl-Marx-Buchhandlung, wo ich gerne und dann auch tendenziell andächtig bin - nicht weil ich diesen Laden, dieses Antiquariat so liebe (da gibt es, für mich, weit bessere), sondern weil es die bedächtige Atmosphäre dort irgendwie zu gebieten scheint. Gekauft habe ich dort hingegen selten was. Und dann dieses Buch, das mir beim gedankenverlorenen Mit-dem-Finger-über-Buchrücken-Streichen beinahe schon in die Hände fiel. Wie schön es auch gefertigt ist: Ein Einband aus mattem Karton, ein sehr faseriges Papier innen drin und außen klebt dann noch ein Hochglanz-Foto eines alten Projektors (oder einer Kamera? Ich habe das gerade nicht präsent, das Buch auch nicht zur Hand und interessanterweise ähnelt sich beides ja frappant) drauf. Zudem steht vorne noch "1. Auflage 1999" drin, hinten drauf keine Spur von einem Euro-Preis, nur so ein kleiner Aufkleber, auf den jemand mit Kugelschreiber 'ne "6" draufgeschrieben hat. Das Gefühl, dass dieses ungemein schöne Buch dort schon seit bald 5 Jahren im Regal liegt begeisterte mich umgehend: Es wollte von mir gefunden, gelesen werden. Hier fügte sich etwas zusammen, der Umstand, dass ich ohnehin nur noch 6 Euro in der Tasche hatte, unterstrich dies noch. Also zur Kasse.
Auch die Synopse klang nett und spannend: Ein Arbeiter im Ost-Berlin der 70er liebt nichts so sehr wie alte Filme und Fussball. Als an einem Abend die Nachbarin zum Fernsehkucken vorbeikommt - gezeigt wird eine Burleske aus den 30ern - , ändert sich sein von Beamtenwillkür und eingeschlafener Ehe gezeichnetetes Leben von Grund auf: Die Alte jauchzt plötzlich auf, dass sei sie dort im Fernsehen, diese Tänzerin dort, in jungen Jahren versteht sich. Der Arbeiter zeigt sich im folgenden irritiert, wenn nicht geschockt. Auf seinen ziellosen Wegen durch Ost-Berlin begegnet er einem jungen Mädchen, das ihn fasziniert. Als seine Frau für ein Wochenende verreist - zu etwas unausgesprochen Eindeutigem - stürzt der Arbeiter in einer Kneipe ab und landet mit dickem Kopf in einem bohème-artigen Künstlermilieu. Dort trifft er auch das Mädchen wieder, sein Leben wirbelt zunehmend durcheinander ...
Soweit, sogut. Die Lektüre gestaltete sich anfangs recht nett. Vor allem die Szenen mit den Beamten - der Arbeiter beantragt stur Woche für Woche eine größere Wohnung, natürlich ohne Erfolg - weisen ein paar nette (versteckte?) Spitzen auf, die auf angenehm unaufdringliche Weise das Absurde dieser Situation herausarbeiteten. Auch im weiteren Verlauf ist alles irgendwie nett. Aber: Leider Gottes empfand ich das alles als nie wirklich begeisternd. Und literarisch ist das, zumindest für meine Begriffe und aus heutiger Perspektive, zwar ambitioniert, aber letztendlich eigentlich nur Routine. Wenn der Typ betrunken ist, vermischen sich direkte und indirekte Rede, innere Beschreibung und Dialog, Perspektive und Raum zu einem Kuddelmuddel, das auf rein sprachlicher Ebene den Zustand des Protagonisten simuliert, über das bloß Naheliegende aber irgendwie nicht hinauskommt. Und überhaupt: Irgendwie ging mir die schlichte, milieuverhaftete Sicht auf die Welt, die da eigentümlich fasziniert für das eigene literarische Werk aufgegriffen wurde, mit der Zeit erheblich auf die Nuss. Vielleicht bin ich da überheblich, das mag sein, aber die Perspektive eines solchen Menschen ist für mich denkbar uninteressant (ich räume ein, dies aus einer historischen Distanz zu schreiben, in der das Phänomen der Talkshow das aufdringliche Zurschaustellen der Befindlichkeiten eher schlichter Menschen regelrecht zum bestimmenden Paradigma der Medienwelt erhoben hat). Vielleicht kenne ich mich auch nur in der Literaturwelt der DDR nicht gut genug aus (erst heute wieder auf dem Flohmarkt Ulrich Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W. dann doch liegengelassen, obwohl ich doch schon letzte Woche daran vorbeigegangen bin). Andererseits scheint mir die Lust am bloßen Fabulieren einer irgendwie skurrilen, letztendlich aber doch piefig bleibenden Geschichte mit der ganzen Lust an Jargon und Milieu wiederum unangenehm vertraut - sei es aus west-deutscher Literatur oder aus gesamtdeutschen Filmen der Post-Wendezeit.
Es war natürlich nicht so vollkommen schlecht, wie das jetzt alles klingt. Hier und da fand ich das sogar sehr schön. Nur im Gesamten hat's für mich nicht funktioniert. Das nächste Mal funktioniert meine Intuition, was das Aufspüren betrifft, bitte wieder besser.
literaturhaus.at:klaus schlesinger | aufbau verlag
Wie verhielt es sich also hier? Ich stand vor einigen Wochen in der Karl-Marx-Buchhandlung, wo ich gerne und dann auch tendenziell andächtig bin - nicht weil ich diesen Laden, dieses Antiquariat so liebe (da gibt es, für mich, weit bessere), sondern weil es die bedächtige Atmosphäre dort irgendwie zu gebieten scheint. Gekauft habe ich dort hingegen selten was. Und dann dieses Buch, das mir beim gedankenverlorenen Mit-dem-Finger-über-Buchrücken-Streichen beinahe schon in die Hände fiel. Wie schön es auch gefertigt ist: Ein Einband aus mattem Karton, ein sehr faseriges Papier innen drin und außen klebt dann noch ein Hochglanz-Foto eines alten Projektors (oder einer Kamera? Ich habe das gerade nicht präsent, das Buch auch nicht zur Hand und interessanterweise ähnelt sich beides ja frappant) drauf. Zudem steht vorne noch "1. Auflage 1999" drin, hinten drauf keine Spur von einem Euro-Preis, nur so ein kleiner Aufkleber, auf den jemand mit Kugelschreiber 'ne "6" draufgeschrieben hat. Das Gefühl, dass dieses ungemein schöne Buch dort schon seit bald 5 Jahren im Regal liegt begeisterte mich umgehend: Es wollte von mir gefunden, gelesen werden. Hier fügte sich etwas zusammen, der Umstand, dass ich ohnehin nur noch 6 Euro in der Tasche hatte, unterstrich dies noch. Also zur Kasse.
Auch die Synopse klang nett und spannend: Ein Arbeiter im Ost-Berlin der 70er liebt nichts so sehr wie alte Filme und Fussball. Als an einem Abend die Nachbarin zum Fernsehkucken vorbeikommt - gezeigt wird eine Burleske aus den 30ern - , ändert sich sein von Beamtenwillkür und eingeschlafener Ehe gezeichnetetes Leben von Grund auf: Die Alte jauchzt plötzlich auf, dass sei sie dort im Fernsehen, diese Tänzerin dort, in jungen Jahren versteht sich. Der Arbeiter zeigt sich im folgenden irritiert, wenn nicht geschockt. Auf seinen ziellosen Wegen durch Ost-Berlin begegnet er einem jungen Mädchen, das ihn fasziniert. Als seine Frau für ein Wochenende verreist - zu etwas unausgesprochen Eindeutigem - stürzt der Arbeiter in einer Kneipe ab und landet mit dickem Kopf in einem bohème-artigen Künstlermilieu. Dort trifft er auch das Mädchen wieder, sein Leben wirbelt zunehmend durcheinander ...
Soweit, sogut. Die Lektüre gestaltete sich anfangs recht nett. Vor allem die Szenen mit den Beamten - der Arbeiter beantragt stur Woche für Woche eine größere Wohnung, natürlich ohne Erfolg - weisen ein paar nette (versteckte?) Spitzen auf, die auf angenehm unaufdringliche Weise das Absurde dieser Situation herausarbeiteten. Auch im weiteren Verlauf ist alles irgendwie nett. Aber: Leider Gottes empfand ich das alles als nie wirklich begeisternd. Und literarisch ist das, zumindest für meine Begriffe und aus heutiger Perspektive, zwar ambitioniert, aber letztendlich eigentlich nur Routine. Wenn der Typ betrunken ist, vermischen sich direkte und indirekte Rede, innere Beschreibung und Dialog, Perspektive und Raum zu einem Kuddelmuddel, das auf rein sprachlicher Ebene den Zustand des Protagonisten simuliert, über das bloß Naheliegende aber irgendwie nicht hinauskommt. Und überhaupt: Irgendwie ging mir die schlichte, milieuverhaftete Sicht auf die Welt, die da eigentümlich fasziniert für das eigene literarische Werk aufgegriffen wurde, mit der Zeit erheblich auf die Nuss. Vielleicht bin ich da überheblich, das mag sein, aber die Perspektive eines solchen Menschen ist für mich denkbar uninteressant (ich räume ein, dies aus einer historischen Distanz zu schreiben, in der das Phänomen der Talkshow das aufdringliche Zurschaustellen der Befindlichkeiten eher schlichter Menschen regelrecht zum bestimmenden Paradigma der Medienwelt erhoben hat). Vielleicht kenne ich mich auch nur in der Literaturwelt der DDR nicht gut genug aus (erst heute wieder auf dem Flohmarkt Ulrich Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W. dann doch liegengelassen, obwohl ich doch schon letzte Woche daran vorbeigegangen bin). Andererseits scheint mir die Lust am bloßen Fabulieren einer irgendwie skurrilen, letztendlich aber doch piefig bleibenden Geschichte mit der ganzen Lust an Jargon und Milieu wiederum unangenehm vertraut - sei es aus west-deutscher Literatur oder aus gesamtdeutschen Filmen der Post-Wendezeit.
Es war natürlich nicht so vollkommen schlecht, wie das jetzt alles klingt. Hier und da fand ich das sogar sehr schön. Nur im Gesamten hat's für mich nicht funktioniert. Das nächste Mal funktioniert meine Intuition, was das Aufspüren betrifft, bitte wieder besser.
literaturhaus.at:klaus schlesinger | aufbau verlag
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Thema: Kinokultur
09. Mai 04 | Autor: thgroh | 0 Kommentare | Kommentieren
Der Fall Blood Feast (USA 1963) bleibt weiterhin aktuell. Der Verein Medialog e.V. (i.Gr.) hat nun einen ersten Pressespiegel unter Berücksichtigung verschiedenster Medien zusammengestellt. Hier kann noch immer die Petition gegen dieses irrwitzige Verbot unterschrieben werden.
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Thema: Weblogflaneur

http://streetart.antville.org
Herrlich - und nur zufällig drübergestolpert. Seit langem schon trage ich den Gedanken an ein Weblog mit mir rum, in dem ich nur Bilder von kleinen Details am Wegesrand poste: Der Friedrichshainer Kiez quillt an so genannter "Street Art" förmlich über. Das Projekt scheiterte bislang am Nicht-Vorhandensein einer DigiCam - was es nur trauriger macht, denn es grämt mich schon, dass ich die schönsten Artefakte - manchmal bleibe ich lange davor stehen, um sie eingehend zu betrachten - nicht irgendwie mittels Abzug konservieren konnte. Und dann finde ich dieses Weblog, stöbere ewig drin rum - older stories, manchmal heißt das "Schatzkammer" -, bin hocherfreut, dass es ein solches gibt und bin förmlich entzückt über den internationalen Charakter des Ganzen, wenn da Bilder auftauchen, die ich eigentlich aus Berlin kenne, die Aufnahme stammt aber aus New York oder sonst woher.
Tolle Sache, bin rundum begeistert. Für sowas liebe ich Weblogs.
[via le lounge eletronique]
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