Freitag, 21. Mai 2004
Thema: DVDs
Ein neuer Schwung DVD-Besprechungen meinerseits bei Jump Cut:
  • Dr. Mabuse, der Spieler (Fritz Lang, Deutschland 1922)
  • Oktober (Sergej M. Eisenstein, UdSSR 1927)
  • Onkel Wanja (Andrej Kontschalowski, UdSSR 1971)
  • Die Bettwurst/Berliner Bettwurst (Rosa von Praunheim, Deutschland 1971/73)
  • Frightmare (Pete Walker, Großbritannien 1974)
  • Die Sehnsucht der Veronika Voss (R.W. Fassbinder, Deutschland 1982)
  • Rad der Zeit (Werner Herzog, Deutschland 2003)
  • Dogville (Lars von Trier, Dänemark 2003)


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    Thema: Kinokultur
    Auf russische Filme hat sich das neue Kino Krokodil spezialisiert, das dieser Tage im Gebäude des ehemaligen Kino Nord in der Greifshagener Straße den Betrieb aufgenommen hat. Im Tagesspiegel dazu ein Artikel von Julian Hanich.

    Das Filmtagebuch wünscht viel Erfolg.


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    Thema: festivals
    Außer Konkurrenz in Cannes zu sehen: Zhang Yimous neuer, überaus prominent besetzter Film House of Flying Daggers (ausführliche Informationen hier). Nach seinem farbenprächtigen, aber nicht unumstrittenen letzten Film Hero (China 2002, meine Kritik hier) hat sich Zhang Yimou auch hier wieder der Form des Martial-Arts-Films, bzw. des wuxia pian, bedient, um eine tragische Liebesgeschichte kunstvoll zu inszenieren.

    Eugene Hernandez (indiewire) zeigt sich in seinem Weblog mehr als nur begeistert: Der Film sei "a remarkable cinematic experience" und fände "some of the most stunning images", die er in letzter Zeit im Kino gesehen habe. Etwas bodenständiger Roger Ebert: "a superior example of its genre, but did not transcend it". Vor ein paar Jahren wäre er noch begeisterter gewesen. Kirk Honeycutt (Hollywood Reporter) nimmt sich Raum für eine komplette Kritik. Die fällt sehr begeistert aus: Ein "gem" wurde hier geschaffen, die Actionsequenzen seien atemberaubend, mit "balletic force" dargeboten, nehmen der Geschichte aber dennoch nicht ihren Raum. Die Schwerkraft sei außer Kraft gesetzt. Nun hört man sowas über Kampfkunstfilme aller Tage - aufhorchen lässt den Festivalbeobachter aus der Ferne jedoch der Hinweis, es handele sich hierbei um ein "tribute to King Hu", einem Meister und Pionier des wuxia pian. Doch damit nicht genug: "Zhang Yimou has objects and people defy gravity in ways Hu could only dream about." Lobende Worte auch für die Kamera- und Ausstattungsarbeit. Und: Hauptdarstellerin Zhang Yiyi ist "hauntingly beautiful" - das ist selbstverständlich richtig, da spare ich mir den Konjunktiv.

    Jonathan Romney (ScreenDaily) sieht das ganz genauso: "Beyond a doubt the most visually ravishing film on offer at Cannes this year". Mittig lasse der Film zwar etwas nach, doch wurde auch hier über die Actionsequenzen und die Ausstattungsleistung gestaunt. Und überhaupt auch hier: Lob in jedem Satz.

    Gerüchteweise soll der chinesische Kinostart des Films der Grund dafür sein, dass die neuesten US-Blockbuster in China um mehrere Wochen verschoben wurden, so zumindest eine Meldung im Guardian.


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    Ein Schlag in die Fresse des Feminismus, Artikel aus dem Intro über Shinya Tsukamotos Snake Of June (Japan 2002), schon vor längerer Zeit im Heft erschienen und ich hatte mich damals schon sehr aufgeregt, jetzt eben via swen im Internet entdeckt.

    Für's Protokoll: Einen "Schmarren" - Venker will einen solchen im Film erkannt haben - stellt allenfalls diese absurde "Ideologiekritik" dar, die so zu bezeichnen eigentlich den Begriff schon beschmutzt. Bodenlos, was hier an Halbgewusstem, Nichtverstandenem und kaum Gekonntem zu einem Gebräu von neunmalkluger Penetranz vermischt wird, das dem Film mit jedem Satz Gewalt antut. Alles im Namen mackerhafter Selbstinszenierung des Autoren. Als Feminist in diesem Falle, paradoxerweise.

    mrqe | filmz.de


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    Thema: festivals
    Aufruhr in Cannes!? Nein, es wurde kein wichtiger Kinosaal von den protestierenden Arbeitern besetzt. Auch Tarantinos Bekenntnis zum gelegentlichen Griff zur Raubkopie ist schon wieder vergessen. Dass Jean-Luc Godard Michael Moore kritisiert ist ebenso allenfalls vorhersehbar gewesen. Nein, viel Schlimmeres ist geschehen: Die für Dienstag angesetzte Pressevorführung von Wong Kar Wais langersehntem 2046 war ausgefallen. Würde der seit Jahren verschobene Film noch rechtzeitig zur Galavorführung eintreffen? Ist dem Festival zu trauen, dass den ausgefallenen Termin mit Transportschwierigkeiten abwiegelt? Ist der Film fertig?



    Offenbar. Zumindest A.O Scott (New York Times) ist sich sicher, einen Wong-Kar-Wai-Film gesehen zu haben, "full of lush, melancholy sensuality and swathed in light as lustrous and supple as the Shantung dresses all of the actresses seem to wear". Wie zu erwarten, scheint der Film auf den ersten Blick unverständlich: "2046 teases the boundary of incomprehensibility". Der stimmungsvolle Film sei eine freiassoziierende Serie von Nuancen und "gorgeous moments [...] with the usual connective tissue left out". So mancher hätte auch den zweiten Vorführtermin genutzt: "to experience its intoxicating beauty one more time", aber auch: "to figure out what on earth it was about.". Scott ist sich sicher, einen Höhepunkt des Festivals gesehen zu haben. Eugene Hernandez (Indiewire) konstatiert kurz und knapp: "Cinematically stunning, the film itself, like the train, remained a bit of a mystery for many of those quickly polled after the film's first showing."

    Allan Hunter (ScreenDaily) meint in seiner ausführlichen Besprechung, den Film weise nicht "the precision or poise of In The Mood For Love" aus, sei aber "Told with sulphurous style", vor allem aber wohl ein Favorit für die Goldene Palme. Auch hier übliche Bemerkungen zur Verständlichkeit: "not be as crystal clear and coherent as some viewers may wish", über weite Strecken handele es sich um Reflexionen und Illustrationen dessen, was in der im Film verhandelten Konstellation angelegt sei. Die Ästhetik sei betörend: "Wong has created a typically ravishing film that satiates the senses with the way it sculpts light and shadow, the richness of its colour palette and the attention to detail in all those plumes of billowing cigarette smoke, glistening skins and carefully struck poses that might come straight from a Jack Vettriano painting", aber es handele sich keineswegs nur um eine "exercise in style".

    Nicht unerwähnt bleiben soll hier Rüdiger Suchslands Cannes-Tagebuch bei artechock.com. Das hatte in den ersten Tagen meiner Meinung nach ein paar Anlaufschwierigkeiten, vermutlich formbedingt. Eher nerviges Gonzo-Schnöseltum, fragmentarisch vorgetragen. Doch 2046 - besser eigentlich: das asiatische Kino in Cannes - hat dann doch noch den Filmschwärmer in ihm geweckt (und mal ehrlich: sowas liest man als solcher doch mit am liebsten): Die assoziationsreichen Bilder vermengten sich aufgrund ihrer meisterhaften Inszenierung und Montage "zu einem dichten und genau rythmisierten atmosphärischen Teppich", die Geschichte sei "atemberaubend", aber "fragmentarisch erzählt". "[E]ine komplexe Passage durch Zeiten und Ideen, Phantasien und Realität", Schnittstellen zu den Cyber-Animes tun sich auf, dabei lehnt sich der Film doch eher an die 60er Jahre an. Der Film sei beispiellos in der Geschichte, man habe in den letzten Jahren wenig berührenderes gesehen. Ganz und gar also: Ein "Genuß". Das Lesen dieser fragmentarischen Eindrücke im übrigen ebenso.

    Ein sehr sympathisches Interview mit Wong Kar Wai: "What's next after "2046"?" - "Another movie."

    Zahlreiche Informationen zum Film hier.

    Deutscher Kinostart bislang: 13.01.2005.


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