Montag, 25. Februar 2008
Das Kino Arsenal kündigt für den Zeitraum von Mai bis Juli eine sehr interessante Film-Großreihe an. Die Pressemitteilung von gerade eben:
Pop & Politik, Ästhetik & Agitprop, Aufbruch & Scheitern, Revolution & Musik, rote Fahnen & schicke Autos, Fabriken & Schultafeln, Pflastersteine & Flowerpower, Schwarzweiß & Farbe

Die Monate Mai bis Juli 2008 stehen im Kino Arsenal ganz im Zeichen des Jahres 1968. 40 Jahre nach dem Mai 68 präsentieren die Freunde der Deutschen Kinemathek e.V. die umfangreichste Retrospektive, die es bislang zu diesem Thema in Deutschland gab. In 120 Vorstellungen werden mehr als 60 Filme gezeigt. Zahlreiche internationale Gäste sind eingeladen, Vorträge, Einführungen, Diskussionen und Publikumsgespräche ergänzen das Programm.

Die enge Verbindung und gegenseitige Durchdringung von Politik und Kultur, von sozialen und künstlerischen Prozessen in jener Zeit (vor allem in Frankreich), führte dazu, dass im Zuge der politischen Ereignisse des Mai 68 einerseits zahlreiche Filme entstanden, andererseits war das, was im Mai 68 gesellschaftlich kulminierte, in vielen Filmen bereits antizipiert worden – die gegenseitigen Impulse verliefen also nicht nur von der Politik zum Film, sondern auch umgekehrt. Es lag etwas in der Luft, das Kino, Politik und Lebensgefühl umfasste und weit über den eigentlichen Mai 68 hinaus wirkte.

Das Programm spannt den Bogen von historischen Dokumenten aus den Jahren 1967/68 über das filmische Echo des Mai 68 in Filmen der letzten Jahrzehnte bis ins 21. Jahrhundert hin zu einer aktuellen Diskussion von Fragen um das Verhältnis von Kino und Politik. Es geht also sowohl um Vergegenwärtigung und Reflexion des Mai 68 als (Film-)Geschichte wie auch um die Frage nach dessen Relevanz für aktuelle Diskurse.

Die Filmreihe versammelt lange nicht mehr auf der großen Leinwand gezeigte Klassiker sowie Entdeckungen und hierzulande unbekannte Raritäten. Besonders hervorzuheben sind die von Jean-Luc Godard von 1967–74 im Kollektiv „Groupe Dziga Vertov“ gedrehten Filme, die alle in untertitelten Fassungen zur Aufführung kommen.

Das Programm hat folgende Schwerpunkte:
- L’imagination au pouvoir ! – Militante Dokumentarfilme aus den Jahren 1967/68
- L’air du temps – Filme des Jahres 1968 aus der internationalen Kinematografie
- L’esprit de Mai – Nachhall des Mai 68 in Filmen (bis in die Gegenwart)
- Der Fall Godard – Filme des Kollektivs „Groupe Dziga Vertov“

Es erscheint eine ausführliche Programmbroschüre.
Ich bin gespannt, welche filmhistorischen Perlen die Reihe zutage fördern wird. Und man wird - wenn auch wohl vergebens - abwarten dürfen, ob nicht vielleicht auch Jean Rollins Debütfilm aus dem Jahr 1967, der entrückt delirierende Le Viol du Vampire zu sehen sein wird, der, wenn man der Überlieferung Glauben schenken darf, für den Pariser Mai 1968 eine gewisse, wenn auch unfreiwillige kulturelle Rahmenfunktion einnahm:
Because of the events of May 1968 in Paris, French distributors, fearing for the box office, decided to freeze their activities until it went back to normal. As a result, no other new feature was released during that period apart from this one. Consequently, by lack of competitors, it became the most successful film of the year in France.
Quelle: imdb trivia.


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Thema: videodrome
Endlich online: Die rund anderthalb Minuten lange Fassung des Grindhouse Double Features inkl. Trailer Spoofs as performed by Bunnies. Fab!


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Michel Gondrys Jack-Black-Film Be Kind Rewind war ein schöner Beschluss der diesjährigen Berlinale; nicht ganz so bezaubernd wie Science of Sleep, aber auch mit vielen tollen (und vor allem zu Tränen rührenden) Momenten. Die Grundidee ist, dass zwei slackernde Videothekare - Jack Black und (ebenso großartig) Mos Def - die Filme ihrer VHS-Sammlung nach einem magnetischen Zwischenfall mit No Budget und viel Krimskrams nachspielen und damit in ihrer community einen Riesenkult auslösen. Aus der Not der Situation heraus erfindet Jack Black für dieses Verfahren spontan den Begriff "sweded movies" - geschwedete Filme. Ein, wie Gondry selbst einräumt, zwar nicht ganz widerspruchsfreier, aber doch herrlich subversiver Film, der die Fahne der Do-it-yourself-Kultur hochhält und sich mit jeglicher Form ästhetischer Aneignung solidarisch erklärt. Gut so!

Schön ist, dass Gondry das Konzept des sweding auch auf seinen Trailer ausgeweitet hat. In diesem sweded trailer stellt er selbst mit einfachsten Mitteln (die allesamt auch in den sweded movies des Films selbst zum Tragen kommen) den Trailer zu Be Kind Rewind nach - dabei sweded er gewissermaßen wiederum die sweded movies, die im Originaltrailer gezeigt werden. Denkbar wäre jetzt freilich noch eine sweded version des sweded trailers, der das sweding noch weiter auf die Spitze treibt, welcher dann wiederum geswedet wird undsoweiter...



Eine schöne Anekdote aus der Berlinale-Pressekonferenz zum Film: Auf die Frage, nach welchen Kriterien Gondry die Filme ausgesucht habe, die in Be Kind Rewind geswedet werden, antwortete der Regisseur, dass zumindest der großzügige Raum, der Ghost Busters zugestanden wird, dem Umstand geschuldet sei, dass es sich hierbei um den Lieblingsfilm seiner Ex-Freundin handele, den beide dutzende Mal gemeinsam gesehen hatten, und die er wohl mit diesem Quasi-Remake zurück gewinnen wollte (was wohl aber, leider, nicht geglückt ist). Was für eine schöne Geschichte! :)

Be Kind Rewind läuft ab April im Kino und wird allen herzlich empfohlen.

Ach, und weil von Jack Black gerade die Rede ist: Praktisch unter Ausschluss der zumindest hiesigen Öffentlichkeit lief im letzten Jahr sein Pick of Destiny unter dem Titel Kings of Rock bei uns im Kino. Der Film ist jetzt auch auf DVD (und mit beschissenem Cover) erschienen und sollte für wenig Geld in allen Videotheken erhältlich sein. Wer ein Herz für Gitarrenmusik und blödsinnig nerdigen Humor hat, wird an diesem feinen Streifen seine helle Freude haben!


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Thema: good news


Meine Gratulation an die Coen-Brüder für den Oscarregen der letzten Nacht. No Country for Old Men, der mich in der Pressevorführung sehr begeistert hat, ist ein seit langem mal wieder verdientermaßen mit Goldjungen überhäufter Film. Das erfreulichste aber ist wohl, dass die nach den völlig unterirdischen Ein (un)möglicher Härtefall und Ladykillers abgeschrieben und ausgebrannt wirkenden Coen-Brüder sich nun endlich wieder mit einem grimmig düsteren, geradliningen Thriller in alter bester Form präsentieren konnten. In my humble opinion: A masterpiece.

Geglaubt hatte ich ja nicht so recht an den Oscar-Segen, da mir der Hauptkonkurrent (und schlussendlich der große Verlierer des Abends), der ebenfalls großartige There Will Be Blood, doch zu sehr von vornherein auf Oscar abonniert schien. Zu erwarten steht bei Paul Thomas Anderson nun wohl das Scorsese-Syndrom: Die Versessenheit auf einen Oscar, egal für was.

Auch verdient ausgezeichnet: Javier Bardem, dessen Spiel mir zahlreiche Gänsehäute im Kinosaal bescherte. Eine Kostprobe hier. [via]

Und ganz besonders freut mich natürlich die Auszeichnung für den herzallerliebsten Ratatouille. I'm a sucker for rats, I just can't help it.


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