Thema: Kinokultur
Ich habe Das Schmollen der Autisten, einen jüngst im Spiegel erschienenen Essay von Günter Rohrbach über die deutsche Filmkritik, zwar (noch) nicht gelesen, in der Welt findet sich aber eine Zusammenfassung mit einigen Zitaten. Wenn ich aber dies hier lese:
Zu häufig haben sie ihre Leser in die falschen Filme geschickt, zu narzisstisch haben sie das Bild ihrer cineastischen Kompetenz gezeichnet und dabei ihre zentrale Aufgabe vergessen, nämlich Entscheidungshilfen für potenzielle Zuschauer zu bieten. Statt sich in den Dienst der Filme zu stellen, haben sie umgekehrt diese für ihre Selbstdarstellung in Dienst genommen. Der heutige Kritiker schreibt am liebsten über sich selbst, der Film ist da nur beiläufiger Anlass.

könnte ich, ums mal gänzlich unnarzisstisch in meinem Mutterdialekt auszudrücken, "glatt die Wänd' naufgeh'".

Mit Verlaub, was für ein Riesenquatsch. Wer so schreibt, schreibt nicht über Filmkritik, sondern über outgesourcte PR-Einsatzkommandos, die man, als Anbieter der Ware Film, obendrein noch nicht einmal auf die Gehaltsliste setzen muss. Dass der Zustand hiesiger Filmkritik, zumindest in ihren bezahltesten Ausläufern, von innen her zur Morschheit neigt, ist dabei gänzlich unbestritten, was allerdings eher am zweifelhaften Gebaren von Ressortleitern liegt, die Hinz und Kunz in Pressevorführungen schicken und wenn sie noch so wenig Ahnung von Film haben. Dass diese Schreiberlinge - mehr sind sie ja wirklich nicht - noch obendrein die Haltung des Finanz- und Konsumberaters, die auch Rohrbach sich erwünscht, schon auf eine dermaßen erschreckende Weise in ihre "Schreibe" internalisiert haben, dass sie Film nurmehr auf Grund von Parametern wie "Spannung", "gute Schauspieler" und "witzig" beurteilen können und dabei noch den einen oder anderen rhetorischen Flachwitz einbauen, garniert mit ein bisschen Wichtigkeits-Kreolen (eine allerdings übliche Krankheit unter Journalisten), ist dabei schon längst alltäglich geworden; Film, so lautet der Tenor, ist eben gefühlig, ein Instant-Erfrischungsgetränk, mit oberflächlicher Abtastung zu meistern, bitte schön.

Schlicht und ergreifend gelogen - dreist gelogen! - ist die Behauptung, Filmkritik sei dazu da, dem Leser eine Entscheidungshilfe zu bieten, was er bitte sehen solle/wolle. Als ob ein Durchschnitts-Kinogänger, und gerade und besonders auch aus jenem leicht an-intellektualisiertem Spektrum, das sich Rohrbach wünscht, nicht von alleine wissen würde was a) ihn interessiert und b) ihn ansprechen wird. Ich wage zu behaupten, dass ein solcher Mensch, der sich einigermaßen um seinen Kinogenuss kümmert, in der Lage ist, schon angesichts eines Trailers eine Entscheidung zu treffen, ob ihm ein Film als Abendinvestition taugen könnte oder nicht. Wer anders argumentiert, behauptet, dass seine Mitmenschen obrigkeitshörige Deppen ohne eigenen Erfahrungs- und Ermessensraum sind.

Filmkritik ist keine Investitionsberatung. Das ist nicht ihre Funktion. Filmkritik kann vieles sein. Zuallererst eine Dokumentation von Erfahrung. Dann Speicher für Beobachtungen, Festhalten von Eindrücken und Auffälligkeiten. Nicht zuletzt wird der einzelne Film mit seinen ephemeren Qualitäten verankert in einem Netz aus Bedeutungen, Ansichten, Geschichten, Traditionen. Filmkritik ist Reden über einen Film - mit dem Vorteil einer dokumentierenden Speicherung der Auseinandersetzung. Sie dient nicht zuletzt der Nachwelt dazu, zu erfahren, was über Film und Filme gedacht wurde, wie sie gesehen wurden, wie sie in der Kultur widerhallten. Wer einen Film aus längst vergangenen Jahrzehnten sieht, wird sein besonderes Auftreten in der Semantik seines eigenen Hier und Jetzt erst wirklich /dann/ verstanden haben, wenn er zu Rate zieht, was über den Film - seinerzeit - gedacht/geredet/geschrieben wurde. Gute Filmkritik vermag einen Film in einer Weise zusätzlich aufzuschließen, dass andere Sichtweisen kommunizier- und teilbar werden (am liebsten lese ich deshalb Filmkritiken, die mir nicht nach meinem Gusto schreiben - sondern die mich in einer Weise konfronieren, die mich reicher werden lässt).

Filmkritik sollte auch niemals "sich in den Dienst der Filme" stellen, wie Rohrbach sich das hier flauschig zurecht imaginiert. Wir haben das schon zur Genüge in der Berichterstattung über "den deutschen Film", bei dem es als Indiz für Supidupi-Neo-Geilheit schon ausreicht, wenn er zahlenmäßig signifikant im landeseigenen A-Festival vertreten ist. Nein, "nicht im Dienst der Filme" steht die Filmkritik, sonst hieße sie ja PR-Agentur MediaCool oder so; sie steht, wenn nicht im Dienst der eigenen Erfahrung, so doch im Dienst der Sache des Films als solchem, Cinephilie heißt nicht "Filme gut finden", sondern Film. Dies schließt ein, dass man ihn überall da verteidigt, wo mit ihm Schindluder getrieben wird; dies heißt nicht unbedingt, dass man in altes und gänzlich ahistorisches Blockwartdenken (hier der böse US-Hochpreis-Film, da das gute Mümmel-Kino mit cineastischem Bonusstempelchen) verfällt.

Rohrbach spricht von "cineastischer Kompetenz", denen die Filmkritiker allzu oft verfallen seien. Dabei ist es ja überhaupt erst diese, die sein Schreiben und seine Wortmeldung überhaupt erst legitimiert und also die unabdingbare Grundlage seiner Arbeit bildet. Nicht ein /zuviel/ an "cineastischer Kompetenz" ist das Problem, sondern ganz klar ein /zuwenig/ derselben: Lieblos runtergeschusterte Texte ohne cinephilen Resonanzraum, die sich genauso gut auf ein "war gut" / "war nich so gut" reduzieren lassen könnten, Texte also, deren Lektüre kein Stück weit lohnt, weil es völlig gleichgültig ist, was da steht, weil sie keine Basis haben und also genauso gut das Gegenteil da stehen könnte (irgendeinen, dem der Film eben "nich so gut" gefallen hat, findet man schließlich immer). Wenn sich Filmkritik auf "cineastische Kompetenz" als Grundlage ihrer Arbeit final verabschieden würde, dann könnte man sie auch gleich vollkommen abschaffen. Dann setzt man sich einfach Freiwillige aus der Bevölkerung vorab in ein Kino, die halt ganz gerne mal 'nen Film schauen, und am Ende darf jeder auf ein elektronisches Abstimmgerät drücken:

- Super Film!
- Guter Film!
- Ging so, die Effekte hätten besser sein können!
- Hab mich gelangweilt
- Zu wenig Titten
- Scheißfilm

Das Ende wird dann allgemein kommuniziert. "76% der repräsentativen Zuschauer fanden diesen Film gelungen. 89% der Zuschauer, die diesen Film gelungen fanden, fanden auch die Filme X, Y und Z besonders gut. Auf Grundlage dieses Ergebnisses können Sie nun selbst entscheiden, ob Sie Ihre 3 Euro fuffzich am Kinotag in diesen Film für Ihre gediegene Unterhaltung investieren wollen!"

Film wird auf diese Weise zum BigMac, auf den sich alle einigen können. Schnell gefressen, schnell geschissen. Für das leicht an-intellektualisierte Kulturbürgertum gibt's dann noch etwas Distinktionskolorit, das sich ebenfalls so irgendwie berechnen lässt, muss man halt die Parameter abändern. Ist auch okay so, wenn das so gehandhabt wird - im Supermarkt weiß ich auch lieber vorab, was für Futter mich im Anschluss erwartet -, nur hat diese Domäne eben rein gar nichts mit Filmkritik zu tun. Wer fordert, dass Filmkritik in dieser Funktion tätig sein soll, der führt ein diebisches Projekt im Schilde: Er fordert, dass sich Filmkritik auf eine Weise verhalten soll, die ihre eigene Legitimität und Grundlage schrittweise abbaut, damit sie später nur umso leichter weggewischt werden kann.

Im übrigen gibt es ein ganz einfaches Mittel, sich nölige Kritiken vom Leibe zu halten. Gute Filme drehen.



° ° °




kommentare dazu:



orcival, Dienstag, 23. Januar 2007, 18:10
danke, du hast mir aus dem herzen gesprochen, auch wenn das wenn man sich die redensart so recht vorstellte wohl eher unappetitlich waere, egal: danke.

und ansonsten sollte der spiegel wohl anstatt diesen und vielen anderen mist, der mit zumindest beim querlesen treffen in der welt-zusammenfassung wiedergegeben zu sein scheint, zu drucken wohl eher darum kuemmern, wieder mehr inhalt zu produzieren, der das lesen lohnt.
zum beispiel gute intelligente filmkritik...


p77a, Mittwoch, 24. Januar 2007, 12:07
ganz generell was die Bedeutung , den Sinn von Filmkritik angeht und den Umgang damit sowie die unschönen Auswüchse hast du meine absolute Zustimmung! wenn ich nur an den Werbespruch von TVMovie denke ("Europas härteste Filmredaktion" oder so ähnlich) könnte ich mein Frühstück von mir geben...
was mir aber bei dem Post gegen den Strich geht ist, dass du deinen Furor gegen einen Artikel richtest, den du gar nicht gelesen hast. Das gehört sich nicht!


thgroh, Mittwoch, 24. Januar 2007, 12:16
Deswegen zuerst mein relativierender Absatz.

Desweiteren richte ich mich nicht gegen einen Artikel im Gesamten, sondern beziehe mich rein inhaltlich ausschließlich (!) auf ein sehr deutliches (und ausführliches) Zitat - und auf nichts, was über dieses hinausgeht - , und dies dann noch im Zusammenhang mit einer sehr klaren Zusammenfassung des Textes in der "Welt". Was daran "nicht gehörig" sein soll, erschließt sich mir kein Stück: Ich gebe ja gar nicht vor, den Artikel komplett gelesen zu haben, noch beziehe ich mich auf irgendwas, was über die zitierten Sätze von Rohrbach hinaus geht!?


fry, Mittwoch, 24. Januar 2007, 12:45
Als ich die Spiegel-Geschichte vorgestern las, dachte ich auch: huch, was soll das denn. Und als ich deine Replik hier las, dachte ich: yep, recht hat er. Beim zweiten Mal Rohrbach lesen fiel mir dann aber doch auf, dass man den Text nicht auf den von dir zitierten und angegriffenen Absatz reduzieren kann.

Zum einen, weil er halt nun mal von Produzentenseite aus spricht und deshalb natürlich die Dinge anders sieht. Zum Beispiel wenn er sich beschwert, das handwerklich gut gemachte Filme nicht als solche gelobt werden, sondern der Regisseur als "Handwerker" diffamiert werde. Oder wenn "Das Leben der Anderen" wegen seines Erfolges als "multikompatibler Konsensfilm" kritisiert werde. Im Großen und Ganzen ist Rohrbachs Text eine Verteidigung des "Parfum" (der ja angesichts des Erfolges kaum eine Verteidigung nötig hat), den er gegen Grisebachs "Sehnsucht" abgrenzt:

"Es ist unprofessionell, wenn der Blick auf Filme durch ein Ressentiment gesteuert wird. Dass ein Film teuer war, muss nicht per se gegen ihn sprechen."

Da hat er zwar recht, aber in dieser Allgemeingültigkeit ist die Aussage natürlich überflüssig. Sagen will er, wenn ich ihn recht verstehe, nur folgendes: In der Filmkritik werden persönliche Vorlieben und Befindlichkeiten zu einem kritischen Urteil aufgewertet, das sich doch eher an professionellen Standards orientieren sollte (dieser sei beim Parfum nämlich außerordentlich gut). Ob das nun publikums- oder leserfreundlicher wäre sei dahingestellt - tolle Kostüme und teure Spezialeffekte machen ja bekanntlich noch keinen guten Film, und nichts ist langweiliger zu lesen, als eine der Handwerkskammer würdige Betrachtung. Die Ursache für gutes Handwerk ist eben allzuoft einfach nur, dass genügend Geld zur Verfügung stand.

Zum anderen, weil er deinen Vorwurf bereits vorwegnimmt, indem er schreibt, nichts stünde dem selbstbewussten Kritiker ferner, als etwa nützlich sein zu wollen. Die Frage, für wen man schreibt, stellt sich aber bei journalistischen Texten - und solche sind Filmkritiken, wenn sie nicht gleich ganz in die Filmwissenschaft hinübergleiten - grundsätzlich immer. Insofern hoffe ich doch, dass Filmkritiker auch nützlich sein wollen. Dass dieser Nutzen ein anderer ist, als ein Filmproduzent ihn sich vorstellen mag, liegt in der Natur der Sache.
Sorry für den ewig langen Kommentar.


p77a, Mittwoch, 24. Januar 2007, 13:30
@ thgroh
hätte vielleicht noch ein Smiley hinter meinen Kommentar machen sollen, war nicht vorwurfsvoll gemeint! Ich wollte nur darauf hinaus, dass man sich selbst ganz schön ins Knie schießen kann, wenn man einen Text, ohne ihn in der Gänze zu kennen, in die Pfanne haut. frys Kommentar macht das ja auch gut deutlich, dass man den Rohrbach-text in seiner Gesamtheit ganz anders verstehen kann (sollte?) als es in dem Zitat zum Ausdruck kommt.
Nix für ungut, ja?



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