Manchmal gehen im Kino Wünsche in Erfüllung und das ist dann besonders großartig. Man sitzt zum Beispiel in diesem Film, betrachtet verzaubert die Leinwand, das Bild darauf, und denkt sich so, wenn der Film sich jetzt beschließen würde - genau jetzt, in diesem Moment, wo alles gesagt wurde, die Karten auf dem Tisch liegen und dennoch alles in der Schwebe hängt -, das wäre wirklich das Größte. Als könnte der Film Gedanken lesen, macht er einem eine Sekunde später auch prompt den Gefallen und blendet ab, zieht sich gleichsam zurück. Da ist man baff, perplex für einen Moment und freut sich: Alles, wirklich rundum alles wurde richtig gemacht.

Was gibt es viel von dem Film zu berichten? Wenig, bis gar nichts. 9 Jahre nach den Ereignissen aus Before Sunrise, der vor 9 Jahren von dem gleichen Team produziert wurde, hat Jesse Wallace seine Begegnung mit Celine in ein Buch verarbeitet. Damals hatte man sich - er Amerikaner, sie Französin - auf Reisen getroffen und eine Nacht miteinander verbracht. Das vereinbarte Treffen ein halbes Jahr später in Wien, so erfahren wir nun hier, hat nie stattgefunden. Auf einer Lesetour durch Europa kommt es in Paris zu einer erneuten Begegnung. Gemeinsam streift man durch Paris, lässt 9 Jahre Leben, Beziehung, Weltbild Revue passieren.

Der Rest ist banal und albern, oft klug, mal ernst, dann ausgelassen, kurzum: charmant bis auf die Knochen. Nicht alles, was gesagt wird und es wird sehr viel gesagt, ist hehre Weisheit, aber einiges ist nah dran. Das macht einem den Film nahe, zumal nichts kalkuliert, aufgesetzt wirkt. Gewiss ist das auch nicht das Leben wie es ist. Aber: Im Gegensatz zu dem unsäglich gescheiterten Was nützt die Liebe in Gedanken?, der im Panorama zu sehen ist, kommt Before Sunset, in all seiner Klugheit, einem Bild von der Liebe, damit eben auch von dem Leben, vor allem aber der Tragik und Schönheit desselben, bemerkenswert nahe.

Es gibt nicht viel zu berichten. Ähnlich wie Mein Essen mit André, ebenfalls ein nahezu reiner Dialogfilm, ist hier die Devise: Nicht lesen, sondern selber sehen! Oder aber, um Ekkehard Knörer zu zitieren, der in seiner Kritik einen mir unbekannten Schweizer Kollegen zitiert, der, wie der Film, schlicht und effizient alles auf den Punkt gebracht hat: "S'isch e wundrbare Film." Ganz genau!

Der Film läuft auf den 54. Internationalen Filmfestspielen Berlin im Wettbewerb.

>> Before Sunset (USA 2004)
>> Regie: Richard Linklater
>> Drehbuch: Richard Linklater, Julie Delpy, Ethan Hawke
>> Darsteller: Julie Delpy, Ethan Hawke

imdb


° ° °




kommentare dazu:



argh, Freitag, 13. Februar 2004, 01:41
before sunrise
liebe ich abgöttisch, und ich weiß wirklich nicht, ob ich mich deswegen trauen werde, before sunset anzusehen. aber allein die tatsache, daß er existiert, verändert ja den ersten teil schon .. daß man ihn jetzt "ersten teil" nennt. hach. mir wäre lieber, wenn ich davon nichts halten müßte.


thgroh, Freitag, 13. Februar 2004, 08:15
Ich habe das Glück, den "ersten Teil" nicht zu kennen. Vielleicht hätte mir dann "der zweite Teil" auch nicht gefallen. Andererseits schreibt Ekkehard Knörer in seiner kritik, dass wer den ersten Teil liebt, auch den zweiten lieben wird. Und während der Before Sunrise ja offensichtlich weit romantischer ausgelegt war, ist Before Sunset wesentlich mehr down to Earth: Man verändert sich in 9 Jahren ja auch ziemlich.

Dennoch: Wunderschöner, klasse Film. Ehrlich! :)


oflw, Freitag, 13. Februar 2004, 18:16
Kann ich mich nur anschließen! Auch ich fand den "ersten Teil" wunderbar, war etwas skeptisch, wie der "zweite" werden würde, und war dann einfach begeistert. "Before Sunset" ist - auch und gerade bei Kenntnis von "Before Sunrise" - wirklich wunderschön!



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