Samstag, 27. Dezember 2003
01.05.2003, Heimkino

Eigentlich mag ich solche Geschichten ja sehr gerne: ein Kleiner, der sich durchsetzt, der gegen die Normen rebelliert und sich allein aufgrund seiner Hingabe, seiner Passion, seinem Glauben an die eigene Sache durchsetzt. Sowas darf auch gerne etwas kitschig sein, mir meist egal.

Kurioserweise funktioniert Billy Elliot dann aber doch nicht mit mir. Klar, hier und da ist das schon nett anzuschauen, wie sich der kleine Billy gegen die Ideologie schaffender Männlichkeit im englischen Arbeiterbezirk der Mitt-80er durchzusetzen versucht, seinen Traum, Tänzer zu werden, hartnäckig - against all odds - verfolgt. Über weite Strecken bleibt das dann aber eben doch nur bloße Behauptung von Emotion, reines Runterkurbeln gängiger Motivkonventionen, die weder sonderlich spannend noch sonderlich charmant vorgetragen werden. Der Film will vor allem, schafft es aber nicht, einfach nur zu sein. Und wenn dieser Umstand erstmal klar ist, dann wartet man eben nur noch gelangweilt auf den Schluß, um sich danach wieder anderen Dingen zuwenden zu können. Immerhin: der Vorspann mit dem springenden Billy ist sehr gelungen, was aber vor allem an der musikalischen Untermalung liegt. Formal mag das ganze zwar versiert umgesetzt worden sein, andererseits ist das aber auch ein zu erwartender Standard, wenn jemand schon knapp 2 Stunden meiner Lebenszeit für sich beansprucht.

Schlecht ist Billy Elliot ganz sicher nicht, aber eben auch nicht sonderlich gut. Durschnittlich also, lauwarm, gewollt, aber nicht gekonnt, behauptet, aber nicht eingelöst. Ich bleibe dabei: das ist das schlimmste, was ein Film sein kann. Über schlechte Filme kann man sich wenigstens noch aufregen. Verspürt man indes während einer Sichtung den Drang, mal eben nebenher seine E-Mails zu checken, so sollten die Alarmsirenen grell aufheulen!


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28.04.2003, Heimkino
Erzählzeit und erzählte Zeit fallen, zumindest emphatisch, aufeinander, allein David ist zu spät. Seltsam, ist doch sonst eigentlich nicht seine Art...

Gelungene Suspense-Studie vom Altmeister, die mich mit inszenatorischem Witz, geschliffenen Dialogen und einer überaus reizvollen Ausgangssituation vor einem ansonsten doch recht langweiligen Abend gerettet hat. Und nach einer Niete wie SWEPT AWAY am Vormittag braucht's einfach zumindest abends etwas für den Genießer. Kleiner, überschaubarer Film. Dennoch sehr, sehr groß!


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28.04.2003, Pressevorführung

Postmodern angehauchter Ex-Werbefilmer macht mediterrane "Verlassene-Insel"-Schnulze mit der Gattin in der Hauptrolle. Wer meint, das könne doch eigentlich nicht gut gehen, der hat Recht. Die Ironie und Coolness, mit der Ritchie berühmt geworden ist, gibt's hier nicht, hier soll die ganz große Romanze auf die Leinwand gezaubert werden. Unfreiwillig komisch ist das ganze Geschehen jedoch, bestenfalls. Blöd nur, dass sich der Film gerne als ernsten Beitrag verstanden wissen möchte.


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28.04.2003, Heimkino

Die lange Reihe der Neuinterpretationen klassischer Universalfilme der britischen Hammer Studios versprühen, zumindest zu Beginn jener Adaptionsphase, einen ganz eigenen Charme. Nicht nur das in der Filmgeschichte erstmalige Verwenden buchstäblich blutroten Lebenssaftes, damit einhergehend die, für damalige Verhältnisse, recht graphische Gewaltdarstellung, die den sich bereits am Horizont abzeichnenden Splatterfilm erahnen ließ, gehört dazu, sondern auch, und vor allem, die stellenweise ziemlich pfiffigen Spielereiein mit dem Originalplot und -stoff sorgen für die eine oder andere angenehme Überraschung. "Horror Of Dracula", die zweite Universal-Adaption, ist das beste Beispiel dafür.

In wunderschönen Sets und Locations wird da die Geschichte um den blutsaugenden Aristokraten, komplett ins Deutschland des 19. Jahrhunderts verlegt, erzählt. Dramatisch, unglaublich dramatisch wird sie angelegt, das Orchester kommt kaum zur Ruhe, so häufig sind die bedeutungsschwangeren Fanfaren vonnöten. Wir werden Zeuge einer einzigen Passionsgeschichte von Verlusten und Niederlagen. Getragen wird diese, wie so oft bei den Hammerstudios, eigentlich recht traurige, am Ende nur wenig versöhnliche Geschichte vor allem durch die klassische Besetzung jener glückseligen Tage: Peter Cushing als Van Helsing, Chrisopher Lee als Dracula, beide gehen sie mit der höchsten Perfektion ihrer Kunst zu Werke. Wunderbar die Szene, als sie sich zum ersten Mal begegnen: Van Helsing entdeckt Draculas Ruhestätte, den Sarg, im Keller eines Anwesens, plötzlich stürzt der Graf zur Tür hinein, erblickt seinen Gegenspieler, verlässt den Ort umgehend wieder, schlägt die Tür hinter sich zu.

Früher, ganz früher, waren die Hammer-Filme - mehr Einträge werden in den nächsten Tagen folgen - wohl eher Kost für Jugendliche. Heutzutage wird man jene Klientel wohl kaum von den gotisch-romantischen Schauer-Moralgeschichtchen überzeugen können, dafür sind sie, jetzt nicht etwa kulturpessimistisch gemeint, einfach nicht mehr grell genug. Man muss schon in die Filme hineinreifen, sich von ihnen und ihren ganz eigenen Reizen verführen lassen können, um ihre überschaubar angelegten Erzählungen, ihre visuellen Reize und ihre Umdeutungen gängiger Topoi genießen zu können. Wenn dies aber gelingt, diese Voraussetzungen erfüllt sind, dann sind die Hammerfilme einfach Genrekost zum rundum Liebhaben.


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27.04.2003, Pressevorführung

Nicht bloß der Name Steven Seagal ließ Erwartungshaltungen rapide nach unten sinken, auch die beinahe schon unglaublich schlechten Kritiken aus den USA taten ihr übriges. Doch beides reichte nicht aus, um den Film dennoch würdevoll über die Leinwand geistern zu lassen. Hinterher ist man zumindest dahingehend schlauer, dass selbst noch niedrigste Erwartungen von manchen Werken mit geradezu gruselig leichter Hand unterschritten werden können.

Weitgehend peinlich versucht der Film also einerseits mittels stumpfer, schwerfälliger NuRock-Standardriffs auf der Tonspur dem xXx-Zug hinterherzuhecheln ("aufzuspringen" wäre wohl in der Tat der falsche Terminus, schon allein angesichts des dargebotenen Seagal'schen Unvermögens hinsichtlich athletischer Leistungen), andererseits aber auch - eigens dafür wurde gar ein Schlitzaugenchoreograf, mit dem sich reichlich profiliert wird, aus Fernost importiert - den Sehgewohnheiten eines Post-Hongkongfilm-Publikums gerecht zu werden. Ganz konkret sieht das dann so aus, dass ein, analog zur musikalischen Untermalung, recht plumper, bisweilen markant übergewichtiger Seagal, dessen streetcredibility mit einem leicht albernen Bandana zu erhöhen versucht wurde, immer mal wieder durchs Bild fällt und ca. alle 2 Minuten vollkommen willkürlich Actionsequenzen runtergeleiert werden, die durch ihre Beliebigheit, ihre dramaturgische Nichtigkeit und ihrer, selbst noch für Freunde des Selbstzweckhaften, nicht zumutbaren Selbstzweckhaftigkeit eigentlich bloß nerven. Die Story an sich ist selbst Freunden gestandener 80er-Gülle kaum servierbar, das lediglich vermeintlich trickreiche biographische Geflecht zwischen den Hauptdarstellern ist schon noch nichtmal mehr nur abgeschrieben, zudem auch nicht sonderlich einfallsreich und gleich drei Mal nicht ausgereizt worden. HALF PAST DEAD - unumwunden ein Fall für die nächste Kloschüssel, anders kann man es, einen zumindest noch rudimentär vorhandenen Stolz als Genrefilmfreund vorausgesetzt, nicht umschreiben.

"Halb tot" nennt sich dieser Schmu dann in deutschen Landen. "Todlangweilig" oder "Mausetot" hätte es weit besser getroffen. Man kann eben nicht alles haben.


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Donnerstag, 20. November 2003
26.04.2003, Heimkino

Zweiter "Post-Tagungs-Filmabend", auch diesmal was deutschtönendes und zum Lachen, auch diesmal Trash, allerdings zeitgemäß. Prinzipiell finde ich es gut, wenn sich jemand wie Adam Sandler einen Edelfedersport wie Golf mit den ihm eigenen Mitteln aufmacht ordentlich mit Dreck zu bewerfen. Solche Anliegen sind per se zu begrüßen.

Hier und da ist dem anarchischem Treiben dann auch ein gelungener Lacher abzuringen, da macht die befreiende, ganz buchstäbliche Schlagfertigkeit Sandlers überaus Spaß. Ansonsten ist das dann aber doch eher gängiger Klamaukstandard, den ich, wie ich jetzt gerade feststellen muss, schon wieder weitgehend vergessen habe.


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25.04.2003, Heimkino
Die Bude ist voll mit Gästen, die extra zur höchstkulturwissenschaftlichen Splattertagung in Berlin angereist sind, ein paar Flaschen Bier stehen bereit, "high brain"-Kost hatte man den ganzen Tag auf der Tagung - das da kein Fellini oder Tarkowskij aus dem Regal gekramt wird, nun ja, das liegt wohl auf der Hand.

Der Konsensfilm - die einen wollten auf jeden Fall einen Film mit deutscher Tonspur, die anderen dürstete es nach was "zum Lachen" - war dann ungewöhnlicherweise auch recht schnell gefunden: ROCK'N'ROLL HIGH SCHOOL mit den Ramones, aus der Blütezeit der Corman'schen Produktionsschmiede, ein Prototyp des 70er-Trashs. Ein Film, der an cineastischen Hürden natürlich denkbar scheitert, mit erhöhtem Alkoholgehalt im Blut und einer illustren Runde (Horde?) vor dem Fernseher einfach irre Spaß macht. Eigentlich schade, dass soetwas frisches und anarchisches heute kaum noch denkbar scheint, ohne gleich in die untersten Regionen dümmlicher Prollkultur abzusinken.

Eine etwas ausführlichere Kritik habe ich im übrigen auch schon mal zu dem Film geschrieben. Falls es wen interessiert, mein ich.


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24.04.2003, Akademie der Künste

Endlich auch mal auf der Leinwand gesehen. Zwar nur auf 16mm-Kopie, die auch schon arg in Mitleidenschaft gezogen war, aber das tut dem Film keinen Abbruch, ganz im Gegenteil, es unterstützt noch seinen grimmigen, rauhen, ungeschliffenen Charakter. Das Flirren der texanischen Landschaft in der Hitze, der klebende Schweiß, diese seltsame Suspense, die von Beginn an über allem zu liegen scheint, die bizarre Inneneinrichtung des Anwesens der kannibalisch veranlagten Familie von Ex-Schlachthausarbeitern - all das wird durch die Risse, das Grobkörnige des Filmmaterials noch entschieden verstärkt.

Herzklopfen dann im weiteren Verlauf, ohne Unterbrechung. Die Augen geöffnet, orientierungslos auf der Leinwand, ungläubig starrend. Genau wie Sally, als sie aus ihrer Ohnmacht erwacht: die Augen, immer wieder die Augen, Detailaufnahme, Entmenschlichung des Organischen, auch durch die Kamera.

Wildes, grimmiges Kino. Man könnte auch sagen: Meisterwerk. Ja.


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24.04.2003, Akademie der Künste

Eigentlich ein sträfilcher Faux-Pas, dass dieser Film nicht als Einstieg zur "Bodies That Splatter"-Tagung gezeigt wurde, sondern erst spät abends als dritter Filmbeitrag, bietet der Film doch - nicht nur aufgrund der zahlreichen Ausschnitte - einen gelungenen Überblick über die ersten Beiträge, die Initialzündungen, wenn man so will, des modernen Horrorfilms. Zudem bettet der Film diese wilden, wütenden kleinen Filme in einen sozio-historischen Kontext ein, der den meisten Menschen hierzulande wohl notwendigerweise verschlossen bleiben muss, vor allem dann, wenn sich die Auseinandersetzung mit diesen Filmen alleine auf die visuellen Reize beschränkt. Wie das bei den meisten Edelfedern eben der Fall ist.

Ein Moment der Verwirrung zu Beginn: authentische TV-Szenen der damaligen Berichterstattung zu Themen wie Vietnam, die Bürgerrechtsbewegung, Pogrome in den Südstaaten, quasi-militärische Auflösungen von Antikriegsdemonstrationen, etc. werden parallel zu, natürlich fiktiven, Szenen aus den untersuchten Filmen geschnitten. Wer die Filme nicht kennt, wird sich nur wenig zurecht finden. Spätestens hier wird, der Titel der Doku deutet es ja bereits an, deutlich, auf was der Film hinaus will: es wird eine notwendige Verbindung zwischen beiden Phänomenen der Bilderwelten behauptet - die Ästhetik der Fiktion als Reaktion auf die Ästethik des medialisierten Faktischen. Der morderne Horrorfilm als wütende Antwort darauf, dass, wie es, ich glaube, Hooper sagt, die USA, entgegen aller Nationalfolklore, eben nicht immer der "good guy" sind.

"Die meisten von uns wussten damals gar nicht, was wir damit losgebrochen haben!", meint Romero gleich zu Beginn sinngemäß. Professor Lowenstein erklärt, dass man angesichts dieser Bilder "nicht nicht an Vietnam denken, nicht nicht an die Zerschlagung der Demonstrationen denken, nicht nicht an die rassistischen Pogrome denken konnte". Dass ist dann wohl die Quintessenz des Filmes, jenseits der Strategie der Rechtfertigung, warum man sich das eigentlich anschaue (denn danach riecht das bedenklich oft): man muss der These, dass sich Hooper, Romero, Carpenter, Cronenberg und Craven, jetzt mal als Privatpersonen betrachtet, über den Umweg des Filmemachens mit dem Trauma zunehmender Gewalt im Medienalltag auseinandersetzten nicht notwendigerweise zustimmen, schon alleine deshalb nicht, weil diese These die Ökonomie des Filmemachens, die Ökonomie des Von-Sich-Reden-Machens als junger Regisseur weitgehend außer Acht lässt, man erhält jedoch Einblick in die nordamerikanische Perspektive auf diesen Filmkanon, wie diese Filme beim zeitgemäßen Publikum gewirkt haben müssen, welche Schocks diese Bilder auslösten. Und dieser Erkenntnisgewinn ist nicht zu unterschätzen!

Jenseits dessen ist THE AMERICAN NIGHTMARE aber auch ein Film von einem Fan - Adam Simon, dessen Gehversuche auf dem Gebiet des Horrorfilms bislang eher wenig beachtet waren - für die Fans dieser Filme. Ein kleines Denkmal für die Living Dead Trilogy, Texas Chain Saw Massacre, Last House On The Left, Shivers, Rabid, Halloween und wie sie alle heißen mögen.


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24.04.2003, Akademie der Künste

Für Cronenbergs Debut-Langfilm gilt ähnliches wie für den kurz zuvor gesehenen RABID: Exploitationkino at its best! Bereits im Heimkino gefällt mir dieser kleine Sleaze-Streifen ja schon überaus gut, auf der Leinwand ist der Film schlichtweg ein Genuß. Ähnlich wie später in RABID geht es auch hier um eine Seuche, die sich schlagartig ausbreitet und ihre Opfer zu "Zombies" werden lässt, zu entfesselten "Lustzombies" um genau zu sein. Wieder ist's eine wissenschaftliche Errungenschaft - ein künstlich gezüchteter Parasit, der Funktionen verlustig gegangener Organe simulieren kann, jedoch auch, um's mit Freud zu sagen, "Ich" und "Überich" ausschaltet, den Menschen zum reinen "Id" reduziert -, die für alles verantwortlich ist. Schauplatz diesmal keine Stadt, sondern ein fernab von jener platzierter Luxus-Hochhauskomplex, der mit seinen Möglichkeiten und Angeboten jedoch mindestens eine ganze Stadt in sich vereint. Das peppt das ganze doch gleich noch mit etwas Konsumkritik auf, auch wenn's, genau genommen, eine reichlich antimodernistische ist.

Dort, in jenem Komplex, grassiert also jener Parasit, ein überdimensionierter Blutegel, der - wir befinden uns im Exploitationkino der 70er - natürlich über's Küssen weitergegeben wird. Die Bewohner fallen lüstern übereinander her, Orgien bald wohin man schaut. Cronenbergs dystopische Vision der sexuellen Revolution, wie sie die naiven 60er noch wenige Jahre zuvor proklamiert hatten und die in den 70ern doch einiges an Naivität verloren hat. Die Welt versinkt in der Triebhaftigkeit.

Gänsehaut auch hier wieder gegen Ende, natürlich, in jener Szene im Swimming Pool. Auch hier wieder der gekonnte Einsatz von Zeitlupe: Lynn Lowry taucht aus dem Wasser auf, wendet uns ihren lasziven Blick zu, erblickt ihren ehemals Geliebten, Paul Hampton, der sich bis zuletzt gegen die Lustseuche gewehrt hat, inmitten enthemmter Lustzombies, wendet sich ihm zu, küsst ihn. Der Parasit wird weitergegeben, es gibt kein Entkommen.

Großartig, einfach nur großartig!


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lol