Thema: Berlinale 2004
Ein Boxkampf, 3 Paare, 6 Menschen. Alle mehr oder weniger zufällig anwesend. Die ersten zwei sind Angestellte eines Restaurants, von denen der eine noch nebenher Kickboxer ausbildet. Sein Mann kommt zu spät zum natürlich fingierten Kampf, also verpflichtet er seinen Kollegen, einen Koch. Der streubt sich, er kann doch gar nicht boxen - egal. Die anderen zwei sind Geschäftsmänner, die während des Kampfes dort doch eigentlich nur essen gehen wollten und an deren Platz sich ausgerechnet der Yakuza mit seiner Bande setzt, der auch den Kampf geschmiert hat. Und dann schließlich noch zwei jugendliche Kleinkriminelle, die während des Kampfes einen Koffer mit Geld klauen wollen. Man greift natürlich zum Falschen, wie man in Sabus Filmen immer nur das Falsche machen kann: Der Koch gewinnt, blöderweise, den Kampf, der Yakuza ist sauer, schießt um sich, trifft einen der Kleinganoven, die Polizei razzt, schießt ebenfalls um sich. Alle sechs fliehen, alle in andere Richtungen, ab ins nächste Auto, ganz egal welches.
Sabus Filme sind meist Anordnungen, Installationen. Schön säuberlich findet jedes Element wie ein Dominostein seinen Platz, recht übersichtlich geht es meist auch zu. Und ist der erste Stein dann angestoßen, folgt die unvermeidliche Kettenreaktion, die Sabu genüsslich inszeniert. Die darf sich dann auch gern verzweigen, parallel verlaufen, letztendlich führt dann aber doch meist alles, mit vielen Knalleffekten zwischendrin, in einem Punkt wieder zusammen, ergibt ein großes Bild. Wenngleich Sabus Filme gewiss nicht überraschungsarm sind, so sind sie doch nie umständlich geheimnisvoll. Schnitt und Kamera heischen nicht, sind aber effektiv eingesetzt: Zeigen statt Blicke lenken. Präsentieren statt manipulieren. Verschiedene, unabhängige Ereignisse und ihre Folgen rund um den Boxkampf als Angelpunkt der Geschichte werden isoliert betrachtet, um schließlich gegen Ende, wortwörtlich, zusammenzuprallen. Wo beispielsweise De Palma eine ganz große Oper der Kameraführung inszeniert hätte - man denke etwa an Snake Eyes -, gibt sich Sabu ganz klassisch mit einer ruhigen Kamera und einem konstruktiven Schnitt zufrieden, um unübersichtliches strukturell aufzulösen. Die ritualisierte Inszenierung des Kampfes und seiner Umstände, den wir zu Beginn in der ersten Episoden sehen, dient ihm allein als Erkennungsmerkmal: Zurück zur Schnittstelle, zweimal insgesamt. Die Sprache der Mathematik wäre eine passende für Sabus Filme: Blessing Bell, letztes Jahr im Forum zu sehen, war jener Film, den man mit "Und dann... und dann... und dann..." passend nacherzählt hätte. Man könnte vielleicht auch geometrische Figuren verwenden.Doch in Hard-Luck Hero mag dieses Konzept diesmal nicht wirklich überzeugend aufgehen. Wo in vergangenen Filmen die Struktur der Anordnung lediglich die Matrix für ein Feuerwerk absurd-witziger (Monday) oder absurd-charmanter (Blessing Bell) Ideen bildete, ist sie in Hard-Luck Hero nur noch Erkennungsmerkmal ohne weitere Referenz, das sagt: "Dies ist ein Sabu-Film." Und danach auch schon verstummt. Nachdem seine Filmografie bislang als Archiv von Fortbewegungsstudien angesehen werden darf - eine Binsenweisheit, natürlich -, scheint sich ein zweites Konzept abzuzeichnen: Sabus Filme gleichen mehr und mehr filmischen Pendants zu jener Sorte von Witz, die meist genüsslich lang und mit eindeutigen Absichten umständlich erzählt werden, um sich dann zuletzt in einer nicht vorhandenen Pointe zu erschöpfen, die in erster Linie, nach all dem Aufwand, zunächst nur für den Erzähler witzig ist. In Blessing Bell ging dieses Auflösungskonzept noch gut auf: Hier hatte Sabu die Lacher in dieser eigentlich recht unbefriedigenden Auflösung ohne weiteres auf seiner Seite. Nach Hard-Luck Hero aber, wo alles nur noch altbekanntes Schema ist und der Witz sich dann, auch in der Organisation des Zeitablaufs der Geschehnisse, nur darin erschöpft, als finales Bild einen in der Tat spektakulär inszenierten Crash zu zeigen, wundert man sich indes eher über diesen wunderlichen Erzähler. Dass es sich lediglich um einen kleinen Ausrutscher in einer ansonsten ohne Zweifel beeindruckenden Filmografie handelt, bleibt zu hoffen.
Der Film läuft auf den 54. Internationalen Filmfestspielen Berlin im Rahmen des Internationalen Forums des jungen Films.
>> Hard Luck Hero (Japan 2003)
>> Regie: Sabu
zur Berlinale-Kritikenübersicht | kritik von e.knörer
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Thema: Weblogflaneur
18. Januar 04 | Autor: thgroh | 0 Kommentare | Kommentieren
Und nochmal ein Hinweis für alle blogger.de-User, die es noch nicht mitgekriegt haben: Der Traffic steigt unentwegt, nur die Amazon-Provisionen nicht. Da Dirk Olbertz bereits saftige Traffic-Nachzahlungen hatte und es doch nicht angehen kann, dass einer allein für all die Blogs hier die Geldbörse öffnet, möchte ich dringend auf diese Übersicht mit Spendenaufruf hinweisen. 3,4,5 Euro tun keinem weh. Und man kann natürlich auch auf diese Spendenaktion hinweisen (wie hier) - nicht jeder schaut schließlich auf die blogger.de-Startsite. Und wer die Favourite-Items mit Provisionslinks zu Amazon aus seinem Seitenlayout genommen hat, stinkt.
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Thema: Berlinale 2004
Thomas Reuthebuch und Thomas Groh berichten gemeinsam von den Filmen der 54. Internationalen Filmfestspiele Berlin. Im folgenden alle besprochenen Filme im direkten Überblick mit Links zu den Kritiken und als besonderen Service noch die Links zu den Besprechungen unserer Kollegen von jump-cut.de. Diese Übersicht wird im Verlauf natürlich ständig aktualisiert.
A Day on the Planet (Isao Yukisada, Japan 2003) [Panorama]
Thomas Groh A Tale of Two Sisters (Kim Jee-Woon, Südkorea 2003) [Forum]
Thomas Reuthebuch | Thomas Groh | Ekkehard Knörer (jump-cut.de) Akame 48 Waterfalls (Genjirou Arato, Japan 2003) [Panorama]
Thomas Reuthebuch | Ekkehard Knörer (jump-cut.de) Badlands (Terrence Malick, USA 1973) [Retrospektive]
Thomas Groh Baytong (Nonzee Nimibutr, Thailand 2003) [Forum]
Ekkehard Knörer (jump-cut.de) Before Sunset (Richard Linklater, USA 2004) [Wettbewerb]
Thomas Groh Capitalist Manifesto: Workin Men of All Countries, Accumulate! (Kim Gok/Kim Sun, Korea 2003) [Forum]
Thomas Groh Chicken is Barefoot, The (Morisaki Azuma, Japan 2003) [Forum]
Thomas Groh (Kurzkritik) Cold Mountain (Anthony Minghella, USA 2003) [Wettbewerb]
Thomas Reuthebuch | Thomas Groh | Ekkehard Knörer (jump-cut.de) Country of my Skull (John Boorman, GB/Irland 2003)
Thomas Reuthebuch Darkness Bride (William Kwok Wai Lun, Hong Kong/Taiwan, 2003) [Forum]
Thomas Reuthebuch David Holzman's Diary (Jim McBride, USA 1967)
Thomas Groh | Thomas Reuthebuch Demain, on déménage (Frankreich 2003, Chantal Ackerman) [Panorama]
Thomas Reuthebuch Film as a Subversive Art (Paul Cronin, Großbritannien/USA 2003) [Forum]
Thomas Groh | Ekkehard Knörer (jump-cut.de) French Connection (William Friedkin, USA 1971) [Retrospektive]
Thomas Groh | Thomas Reuthebuch Hard Luck Hero (Sabu, Japan 2003) [Forum]
Thomas Groh | Ekkehard Knörer (jump-cut.de) Last Detail, The (Hal Ashby, USA 1973/73) [Retrospektive]
Thomas Reuthebuch Lost in Time (Derek Yee, Hongkong 2003) [Panorama]
Thomas Groh Machinist, The (Brad Anderson, Spanien 2004) [Panorama]
Thomas Groh | Ekkehard Knörer (jump-cut.de) Monster (Patty Jankins, USA 2003) [Wettbewerb]
Thomas Groh My Girl (div., Thailand 2003) [Forum]
Thomas Groh Nacht singt ihre Lieder, Die (Romuald Karmakar, Deutschland 2004) [Wettbewerb]
Thomas Groh Night of the living Dead (George A. Romero, USA 1968) [Retrospektive]
Thomas Groh One Missed Call (Takashi Miike, Japan 2003) [Forum]
Thomas Groh Panic in Needle Park, The (Jerry Schatzberg, USA 1970/71) [Retrospektive]
Thomas Reuthebuch Proteus (John Greyson, Jack Lewis, Südafrika 2003) [Panorama]
Ekkehard Knörer (jump-cut.de) Running On Karma (Johnnie To/Wai Ka Fai, Hongkong 2003) [Forum]
Thomas Reuthebuch | Ekkehard Knörer (jump-cut.de) Samaria (Kim Ki-Duk, Südkorea 2003) [Wettbewerb]
Thomas Reuthebuch Sisters (Brian de Palma, USA 1973) [Retrospektive]
Thomas Groh Something's Gotta Give (Nancy Meyers, USA 2003) [Wettbewerb]
Thomas Groh Stratosphere Girl, The (Matthias X. Oberg, Deutschland 2003) [Panorama]
Thomas Reuthebuch | Thomas Groh Sweet Sweetback´s Baadasssss Song (Melvin Van Peebles, USA 1970/71) [Retrospektive]
Thomas Reuthebuch Two-Lane Blacktop (Monte Hellman, USA 1971) [Retrospektive]
Ekkehard Knörer (jump-cut.de) Was nützt die Liebe in Gedanken? (Achim von Börries, Deutschland 2004) [Panorama]
Thomas Groh Wild Angels, The (Roger Corman, USA 1966) [Retrospektive]
Thomas Groh Wild Bunch, The (Sam Peckinpah, USA 1969) [Retrospektive]
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