Samstag, 15. März 2008
Auf der Pynchon-Mailinglist gab's heute ein hübsches Fundstück: Nach etwa 10 Sekunden blitzt im Trailer von Michel Gondrys neuestem Film Be Kind Rewind für einen kurzen Moment ein unzufriedener Videothekenkunde auf, der dem Meister doch verflucht ähnlich sieht. Issers?



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Samstag, 8. März 2008
Das Material ist Super8, die Farben leicht trist. Alles auf langsam gestellt, vielleicht ist da Zeitlupe im Spiel. Jedenfalls ist der Film etwas unscharf. Die Tonspur besteht lediglich aus einem einzelnen Stück: William Basinskis A Red Score in Title. Die Dauer des Stücks bestimmt die Dauer des Films. Er spielt in einer Großstadt, ist nicht unbedingt narrativ. Vielleicht regnet es. Im Unscharfen des Bildes beginnt der Traum, den Basinskis Loop-Miniatur skizziert.


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Donnerstag, 6. März 2008
Thema: Hinweise
The Believer bietet ein Transkript eines Gesprächs der beiden im Volltext.


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Montag, 3. März 2008
Thema: videodrome

direktlink


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Samstag, 1. März 2008


Nachdem unser kleines Midnite-Movie-Special zu Ehren von Nekromantik anlässlich dessen 20. Geburtstags am kommenden Freitag mit einem Screening des zweiten Teils in Anwesenheit von Regisseur Jörg Buttgereit seinen Beschluss findet, dürfen sich Freunde des etwas anderen Weltkinos auf ein ganz besonderes Schmankerl freuen: Mit einer kleinen Auswahl von Filmen vornehmlich aus den 70er Jahren werden wir einen großen mexikanischen Volkshelden, keinen geringeren als den Wrestler Santo, und dessen unglaublich großes filmisches Schaffen vorstellen. Geboten werden Monster, Mumien, Sensationen, dazu im Vorprogramm fiese Grindhouse-Trailer aus den 70ern - alles im kuschligsten Sofa-Kino östlich des Amazonas, immer freitags in der Midnite-Movie-Schiene ab 23 Uhr.



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Donnerstag, 28. Februar 2008
Thema: Hinweise


Tim Lucas widmet sich in einem Essay dem Phantastischen Kino des von mir hochverehrten brasillianischen Regisseurs José Mojica Marins, der längst synonym geworden ist mit seiner berühmtesten Figur, dem ketzerischenTotengräber Zé do Caixao (Coffin Joe), der in Brasilien schon seit langem den Rang eines Knecht Ruprecht genießt.

Marins schöpft in seinen Filmen aus dem vollen Saft klassischer Gruselcomics, des Surrealismus, althergebrachter Exploitation und des Katholizismus. Jeder Film ein Abenteuer zwischen Geisterbahn, Midnite Move und Voodoo-Seance.


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Thema: Hoerkino


Der Bass ist schneeweiß, die Gitarre schwarz, das Schlagzeug: minimale Grundausstattung. Der erste Ton, und ein schläfriger, uralter Waran setzt sich in Bewegung. Nicht so sehr Töne, Frequenzen schlagen einem entgegen. Bass. Die Kleidung am Leib vibriert, der Boden kitzelt durch die Schuhe hindurch die Füße.

Präzise Übungen in Langsamkeit und Minimalismus. Reduktion aufs Wesentliche, keine Verzerrer. Die Gitarre klingt in die Weite des Raums.

Die Band kämpft mit sich selbst. Alles aufeinander abgestimmt. Jeder Schlag aufs Schlagzeug sitzt, die Zeit zwischen zweien dehnt sich ins Unendliche. Die Schlagzeugerin durchlebt wer weiß wieviele Urzustände. Befreiung, wenn ein Break zur raschen Abfolge einlädt. Die Langsamkeit zieht Schweiß. Ein Durchwinden aller Songstrukturen.



Bilder eines grauen, kargen Western entstehen vor dem geistigen Auge. Die Reise ging vom Doom Metal zur Klarheit der klingenden Gitarre. Ein bisschen Blues dringt durch. Americana.

Sechs Lieder, vielleicht sieben. Gänsehaut anderthalb Stunden lang. Ein Saal, vielleicht dreihundert Leute drin, schwingt für diese Zeit geduldig mit, ein wellendes Wogen, langsam, noch langsamer, zieht durch die Reihen. Großartig.



» Website
» MySpace
» The Driver
» Southern Lord


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Mittwoch, 27. Februar 2008
Thema: DVDs


Weitersagen ausdrücklich erlaubt: Übermorgen geht nach Cinema Surreal das zweite, thematisch auf Weltkino spezialisierte DVD-Label Visimundi vom b-Ware!-Netzwerk mit den Veröffentlichungen zweier früher Filme von Kim Ki-Duk an den Start: Crocodile ist sein rauhes Debüt, in seinem dritten Film Birdcage Inn findet der Regisseur erstmals auch versöhnlichere Töne.

Beide DVDs können über die (noch sehr provisorische) Website des Labels bestellt werden oder bei den üblichen Verdächtigen, bzw. im gutsortierten Handel.

Infoanfragen, Anforderungen von Rezensionsexemplaren o.ä. bitte nicht an mich (ich bin bei b-Ware lediglich der Lohnschreiber!) richten, sondern an presse [----at----] b [---minus---] ware [---punkt---] tv, wo der nette Morris sicher für alles ein offenes Ohr hat. :)


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Die Coens zurück in alter guter, wenn nicht besserer Form - nach den blödsinnigen Ein (un)möglicher Härtefall und Ladykillers hätte ich das nicht mehr erwartet. Umso schöner, dass No Country ein wunderbar grimmiger, düsterer Neo-Noir-Western geworden ist, der, zumal auf großer Leinwand, Freunde solcher Filme sehr mitreißen sollte. Mich hat er das jedenfalls. Einer der seltenen Momente, in denen das Sonnenlicht nach Verlassen des Kinos - Pressevorführungen finden ja meist tagsüber statt - anders aussieht, weil man noch halb im Film steckt und für die Realität noch gar nicht gewappnet ist.

Eine ausführliche Kritik habe ich für den perlentaucher verfasst, dazu gibt's unter demselben Link im Bunde noch Ekkehards Besprechung von Todd Haynes' I'm not There, auf den ich mich auch schon freue.

Trailer:



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Montag, 25. Februar 2008
Das Kino Arsenal kündigt für den Zeitraum von Mai bis Juli eine sehr interessante Film-Großreihe an. Die Pressemitteilung von gerade eben:
Pop & Politik, Ästhetik & Agitprop, Aufbruch & Scheitern, Revolution & Musik, rote Fahnen & schicke Autos, Fabriken & Schultafeln, Pflastersteine & Flowerpower, Schwarzweiß & Farbe

Die Monate Mai bis Juli 2008 stehen im Kino Arsenal ganz im Zeichen des Jahres 1968. 40 Jahre nach dem Mai 68 präsentieren die Freunde der Deutschen Kinemathek e.V. die umfangreichste Retrospektive, die es bislang zu diesem Thema in Deutschland gab. In 120 Vorstellungen werden mehr als 60 Filme gezeigt. Zahlreiche internationale Gäste sind eingeladen, Vorträge, Einführungen, Diskussionen und Publikumsgespräche ergänzen das Programm.

Die enge Verbindung und gegenseitige Durchdringung von Politik und Kultur, von sozialen und künstlerischen Prozessen in jener Zeit (vor allem in Frankreich), führte dazu, dass im Zuge der politischen Ereignisse des Mai 68 einerseits zahlreiche Filme entstanden, andererseits war das, was im Mai 68 gesellschaftlich kulminierte, in vielen Filmen bereits antizipiert worden – die gegenseitigen Impulse verliefen also nicht nur von der Politik zum Film, sondern auch umgekehrt. Es lag etwas in der Luft, das Kino, Politik und Lebensgefühl umfasste und weit über den eigentlichen Mai 68 hinaus wirkte.

Das Programm spannt den Bogen von historischen Dokumenten aus den Jahren 1967/68 über das filmische Echo des Mai 68 in Filmen der letzten Jahrzehnte bis ins 21. Jahrhundert hin zu einer aktuellen Diskussion von Fragen um das Verhältnis von Kino und Politik. Es geht also sowohl um Vergegenwärtigung und Reflexion des Mai 68 als (Film-)Geschichte wie auch um die Frage nach dessen Relevanz für aktuelle Diskurse.

Die Filmreihe versammelt lange nicht mehr auf der großen Leinwand gezeigte Klassiker sowie Entdeckungen und hierzulande unbekannte Raritäten. Besonders hervorzuheben sind die von Jean-Luc Godard von 1967–74 im Kollektiv „Groupe Dziga Vertov“ gedrehten Filme, die alle in untertitelten Fassungen zur Aufführung kommen.

Das Programm hat folgende Schwerpunkte:
- L’imagination au pouvoir ! – Militante Dokumentarfilme aus den Jahren 1967/68
- L’air du temps – Filme des Jahres 1968 aus der internationalen Kinematografie
- L’esprit de Mai – Nachhall des Mai 68 in Filmen (bis in die Gegenwart)
- Der Fall Godard – Filme des Kollektivs „Groupe Dziga Vertov“

Es erscheint eine ausführliche Programmbroschüre.
Ich bin gespannt, welche filmhistorischen Perlen die Reihe zutage fördern wird. Und man wird - wenn auch wohl vergebens - abwarten dürfen, ob nicht vielleicht auch Jean Rollins Debütfilm aus dem Jahr 1967, der entrückt delirierende Le Viol du Vampire zu sehen sein wird, der, wenn man der Überlieferung Glauben schenken darf, für den Pariser Mai 1968 eine gewisse, wenn auch unfreiwillige kulturelle Rahmenfunktion einnahm:
Because of the events of May 1968 in Paris, French distributors, fearing for the box office, decided to freeze their activities until it went back to normal. As a result, no other new feature was released during that period apart from this one. Consequently, by lack of competitors, it became the most successful film of the year in France.
Quelle: imdb trivia.


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Thema: videodrome
Endlich online: Die rund anderthalb Minuten lange Fassung des Grindhouse Double Features inkl. Trailer Spoofs as performed by Bunnies. Fab!


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Michel Gondrys Jack-Black-Film Be Kind Rewind war ein schöner Beschluss der diesjährigen Berlinale; nicht ganz so bezaubernd wie Science of Sleep, aber auch mit vielen tollen (und vor allem zu Tränen rührenden) Momenten. Die Grundidee ist, dass zwei slackernde Videothekare - Jack Black und (ebenso großartig) Mos Def - die Filme ihrer VHS-Sammlung nach einem magnetischen Zwischenfall mit No Budget und viel Krimskrams nachspielen und damit in ihrer community einen Riesenkult auslösen. Aus der Not der Situation heraus erfindet Jack Black für dieses Verfahren spontan den Begriff "sweded movies" - geschwedete Filme. Ein, wie Gondry selbst einräumt, zwar nicht ganz widerspruchsfreier, aber doch herrlich subversiver Film, der die Fahne der Do-it-yourself-Kultur hochhält und sich mit jeglicher Form ästhetischer Aneignung solidarisch erklärt. Gut so!

Schön ist, dass Gondry das Konzept des sweding auch auf seinen Trailer ausgeweitet hat. In diesem sweded trailer stellt er selbst mit einfachsten Mitteln (die allesamt auch in den sweded movies des Films selbst zum Tragen kommen) den Trailer zu Be Kind Rewind nach - dabei sweded er gewissermaßen wiederum die sweded movies, die im Originaltrailer gezeigt werden. Denkbar wäre jetzt freilich noch eine sweded version des sweded trailers, der das sweding noch weiter auf die Spitze treibt, welcher dann wiederum geswedet wird undsoweiter...



Eine schöne Anekdote aus der Berlinale-Pressekonferenz zum Film: Auf die Frage, nach welchen Kriterien Gondry die Filme ausgesucht habe, die in Be Kind Rewind geswedet werden, antwortete der Regisseur, dass zumindest der großzügige Raum, der Ghost Busters zugestanden wird, dem Umstand geschuldet sei, dass es sich hierbei um den Lieblingsfilm seiner Ex-Freundin handele, den beide dutzende Mal gemeinsam gesehen hatten, und die er wohl mit diesem Quasi-Remake zurück gewinnen wollte (was wohl aber, leider, nicht geglückt ist). Was für eine schöne Geschichte! :)

Be Kind Rewind läuft ab April im Kino und wird allen herzlich empfohlen.

Ach, und weil von Jack Black gerade die Rede ist: Praktisch unter Ausschluss der zumindest hiesigen Öffentlichkeit lief im letzten Jahr sein Pick of Destiny unter dem Titel Kings of Rock bei uns im Kino. Der Film ist jetzt auch auf DVD (und mit beschissenem Cover) erschienen und sollte für wenig Geld in allen Videotheken erhältlich sein. Wer ein Herz für Gitarrenmusik und blödsinnig nerdigen Humor hat, wird an diesem feinen Streifen seine helle Freude haben!


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Thema: good news


Meine Gratulation an die Coen-Brüder für den Oscarregen der letzten Nacht. No Country for Old Men, der mich in der Pressevorführung sehr begeistert hat, ist ein seit langem mal wieder verdientermaßen mit Goldjungen überhäufter Film. Das erfreulichste aber ist wohl, dass die nach den völlig unterirdischen Ein (un)möglicher Härtefall und Ladykillers abgeschrieben und ausgebrannt wirkenden Coen-Brüder sich nun endlich wieder mit einem grimmig düsteren, geradliningen Thriller in alter bester Form präsentieren konnten. In my humble opinion: A masterpiece.

Geglaubt hatte ich ja nicht so recht an den Oscar-Segen, da mir der Hauptkonkurrent (und schlussendlich der große Verlierer des Abends), der ebenfalls großartige There Will Be Blood, doch zu sehr von vornherein auf Oscar abonniert schien. Zu erwarten steht bei Paul Thomas Anderson nun wohl das Scorsese-Syndrom: Die Versessenheit auf einen Oscar, egal für was.

Auch verdient ausgezeichnet: Javier Bardem, dessen Spiel mir zahlreiche Gänsehäute im Kinosaal bescherte. Eine Kostprobe hier. [via]

Und ganz besonders freut mich natürlich die Auszeichnung für den herzallerliebsten Ratatouille. I'm a sucker for rats, I just can't help it.


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Freitag, 22. Februar 2008
Thema: videodrome
Eine der schönsten Kategorien der alljährlichen Oscarnominierungen - und zugleich eine der unbeachtetsten - ist die der Animationskurzfilme. Auf Ticklebooth.com findet sich eine Liste mit Links zu den Streamings der diesjährigen Nominierungen.


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Thema: DVDs
Eine schöne, reich bebilderte Top30-Liste bei cinebeats:
  • Mission Statement
  • 1-10
  • 11-20
  • 21-30


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    »Als Sweeney Todd (Johnny Depp) unschuldig ins Gefängnis geworfen wird, schwört er Rache, nicht nur für seine brutale Strafe, sondern auch für das grausige Schicksal, das seine Frau und Tochter erleiden müssen. Eines Tages kehrt er zurück, arbeitet wieder als Frisör und steigt zum dämonischen Barbier der Fleet Street auf: "Er rasiert den Gentlemen die Köpfe, die daraufhin spurlos verschwinden."«
    (Text: Warner Bros.)
    » imdb
    » filmz

    Sweeney Todd ist Tom Burtons düsterster, tragischster, mit Gewissheit sein blutigster Film, sein bester indessen leider nicht.



    London als Unterwelt zu zeichnen, in die mit dem Boot erst hinüberzusetzen ist (im Original - auf der Bühne, im Film - fehlt diese Anreise meines Wissens), funktioniert zwar; selten war London derart teerig, rußig, dreckig, kurzum: schwarz zu sehen. Schritt für Schritt verdüstert sich das Bild, bis man schließlich im Keller angekommen ist, wo der dunkel dräuende Eisenofen überstundenlang brennt und sich die Leichen stapeln.

    Allein fraglich bleibt die Entscheidung, auf das Musical nicht zu verzichten; dass Johnny Depp und Helena Bonham Carter gut singen könnten, mag vermutlich niemand behaupten wollen (Depp, immerhin, gibt sich Mühe). Es mangelt den (viel zu häufigen) Gesangssequenzen auch an Irrsinn, sprühendem Witz oder wenigstens durchchoreografierter Grandezza. Im wesentlichen wirken sie hemmend und stehen dem Film oft im Wege.

    Auch scheint Burton langsam, aber sicher in eine Phase seines Schaffens eingetreten zu sein, in dem sein unbedingter Wille zur Gestaltung alles, vor allem den Film, unter sich erdrückt. Das war beim Willie-Wonka-Film schon ähnlich, aus dem ich mit Zahnschmerzen gegangen bin; hier ist's kaum anders: Dem Staunen über die ästhetische Wunderwelt, die Burton einst mit lockerer Hand aus dem Hut gezaubert zu haben schien, steht der Film hier mit all seiner Wucht und Pedanterie entgegen.

    Nicht, dass Sweeney Todd ein wirklich schlechter Film wäre. Nur wo früher bei Burton die Funken sprühten, wirkt dieser Film wie ein Basaltstein erstarrt.


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    Mittwoch, 20. Februar 2008
    Morgen läuft James Grays Helden der Nacht an (original schöner We own the Night betitelt), ein kleiner Genrefilm am Rande des Kinobetriebs, der mich und Perlentaucher-Kollege Lukas ziemlich fasziniert hat. Vermutlich kein Film, den in Jahren noch viele kennen werden, aber als kleiner Rabauke aus Hollywood eben doch sehenswert und mit einigen sehr furios inszenierten Sequenzen (und eben tatsächlich noch inszeniert, nicht designt oder mit 100 Wackelkameras aufgenommen).

    Eine komplette Kritik habe ich für den perlentaucher geschrieben. Einen Trailer gibt's hier zum Anwärmen:



    Überhaupt schon auffällig, dass Mark Wahlberg - im Großfilm Departed zur Nebenrolle an der Grenze zur Lächerlichkeit verurteilt - in letzter Zeit eher durch kleinere, dafür fulminante Genrefilme von sich reden macht. Letztes Jahr der großartige Shooter, dieses Jahr We Own the Night? Mal schauen, was da noch kommt...


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    Dienstag, 19. Februar 2008
    Thema: Hinweise
    SpiegelWissen ist nun endlich online. Damit sind jetzt auch weite Teile des historischen Archivs des Spiegels im Netz frei zugänglich. Beim ersten Test habe ich, unverbesserlicher Werner-Herzog-Junkie, der ich bin, auf die Schnelle zwei kleine Perle zutage gefördert. Zum einen die Nachricht Ein Gringo im Urwald, über die Vorbereitungen Werner Herzogs Dreharbeiten zu Fitzcarraldo (erst vor kurzem wieder gesehen, und was für ein toller Film das einfach ist) sowie Eine Welt in der Schiffe über Berge fliegen, eine Reportage über die Entstehung desselben Films.

    Bin gespannt, was sich da noch an schönen Sachen aus den digitalen Gräten schneiden lässt.


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    Montag, 18. Februar 2008
    Thema: Hoerkino


    Die neue Platte der von mir hochverehrten Earth. Seit kurzem erhältlich und wirklich unbeschreiblich schön. Und es grenzt an ein Wunder, dass nach dem hervorragenden Hex und dem Halb-Album Hibernaculum (weil: waren ja nur Neuaufnahmen. Aber tolle.) schon wieder so ein völlig in sich ruhendes Meisterwerk vorgelegt wurde. So in den Raum hinein klingen eben einfach nur us-amerikanische Gitarren. Hier nun wieder mehr /Band/ als zuvor (Instrumentierung), aber immer noch von klingender Entgrenztheit: //ssssounnnnd// Und der wunderbare Titel des Albums erst.

    Erschienen auf dem Label Southern Lord, dem derzeit vielleicht besten gitarrenmusiklastigen Label in den USA, wo sich die letzten Jahre die Meisterwerke nur so die Klinke in die Hand gaben. Jetzt auch mit Blog, hier der Eintrag zur neuen Earth-LP.

    Und besonders toll: Am 27.Februar spielt die Band in Berlin. Im Kreuzberger Lido. Schon jetzt der Kandidat für das Konzert des Jahres.


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    Samstag, 16. Februar 2008
    » Infoseite
    » imdb



    Dass der Experimentalfilmregisseur Guy Maddin für seinen ersten Dokumentarfilm auf eine hierfür übliche Filmform zurückgreifen würde, wird keiner ernsthaft erwartet haben: In seinem mittlerweile stattlichen Werk entwickelte der Kanadier eine im internationalen Filmgeschehen einzigartige Formsprache, die klassische Undergroundfilm-Ästhetik mit dem ästhetischen Repertoire des Stummfilms und anderer historischer Filmformen geradezu hyperbolisch eskalierend verschmilzt. Postmoderner Zitatereigen und bloß sich anschmiegende Pastiche-Ränke hingegen sind seine Sache nicht; zwar bedient sich Maddin reichhaltig aus dem Fundus der Filmgeschichte, greift diese Elemente aber lediglich auf, um sie vermittels einer hochassoziativen Montage zu einem ekstatisch-rauschhaften „stream of consciousness“ zu verdichten, der immer auch, so zumindest die Behauptung, autobiografisch eingefärbt ist: Gedächtnis und Erinnerung sind bei Maddin, so hat es den Anschein, immer schon von den geisterhaften Bildern der Geschichte besiedelt. Wenn Guy Maddin also den Spuren der Geschichte seiner Heimatstadt Winnipeg folgt, darf man annehmen, dass er hierfür vor allem in den verschütteten Schichtungen seiner eigenen Erinnerung schürft und diese in delirante Bilder umsetzt. Jeglichen Anspruch auf Objektivität verbietet schließlich schon der Filmtitel.

    Winnipeg erscheint als mythologisch überhöhter Ort: In der Mitte des nordamerikanischen Kontinents gelegen, entstanden an einer Kreuzung zweier Flüsse, die immer wieder assoziativ mit dem Schoß der eigenen Mutter verquickt werden, eine Stadt, die den Großteil des Jahres eingeschneit ist und deren Bewohner Maddin als eine Horde Somnambuler darstellt. Ein Ort, der Maddin wie ein Alb auf die Seele drückt, mehr „haunting ghost“ als konkrete Lokalität, ein Ort, der ihn hervorgebracht, wenn nicht ausgespien hat, sein steter biografischer Bezugspunkt (immer wieder kommt Maddin in seinen Filmen auf Winnipeg zu sprechen), dem doch unbedingt zu entfliehen ist. My Winnipeg, ein anscheinend nötig gewordener Exorzismus: Aufwachen aus diesem Albtraum Winnipeg, von hier fliehen, das ist Maddins Programm.

    Dazu gräbt er tief in der Geschichte, auf deren Episoden er die Stationen seiner Biografie bezieht. Eine Auflistung großer Männer und ihrer Taten darf deshalb nicht erwartet werden, Maddin betont das Obskure, Abseitige, Verwunderliche: Dass Winnipeg den größten Güterbahnhof Nordamerikas hat beispielsweise, oder aber er berichtet von seltsamen Stadtfesten, von verqueren TV-Serien, in denen seine Mutter (hier erstmals bei Maddin von sich selbst gespielt) mitgewirkt hat, natürlich von dem Friseursalon, in dem er aufgewachsen ist, von dessen beißenden Gerüchen, von Neben- und Hinterstraßen, vom Schnee über der Stadt und von mystischen Seancen im Rathaus unter Teilname von Politikern und Bordell-Geschäftsführerinnen. Dies alles geschieht wie in einem flirrenden Wachtraum, in Form des für Maddin so typischen, filmhistorisch informierten Gleitens durch wehmütige Erinnerungen und assoziative Gedankenfetzen, die der Regisseur im fortwährenden Off-Kommentar einbaut.

    Je tiefer Maddin gräbt, umso mehr Schichten der Stadt, wie seiner Persönlichkeit, legt er frei. „A City of Palimpsests“, sagt er an einer Stelle in einer Mischung aus Abscheu und Faszination. Dabei geht es ihm, im Endeffekt, genau um die Rettung dieser historischen Schichten: Denn dies alte Winnipeg, in dem Maddin aufgewachsen ist, droht vom Modernisierungsschub unaufhaltsam verdrängt zu werden. Das alte Eishockeystadion, in dem die Winnipeg Maroons manch glorreichen Sieg davontrugen, an das Maddin goldene Kindheitserinnerungen knüpft, in dem seit Jahrzehnten jener charakteristische Duft aus Männerschweiß und Pisse durch die Gänge zieht, muss einer seelen-, also geister-, da geschichtslosen Shopping Mall weichen, derweil ein neues, für Maddin gänzlich uninteressantes Stadion an anderer Stelle aufgebaut wird. In diesen Momenten erwacht der Filmträumer Maddin und lässt als Kommentator des aktuellen Stadtgeschehens seinem narzisstisch eingefärbten Zorn freien Lauf; um die Hässlichkeit des bloß Präsentischen herauszustellen, werden in solchen Spitzen die traumwandlerischen Schwarzweißbilder durch lediglich die blanke Materialität der äußeren Erscheinung transportierende Digitalfotografien verdrängt, so dass man erbarmungslos mit der Nase voran auf das Pflaster der Realität gestoßen wird.

    Die Reise in Guy Maddins Heimatstadt entspricht einer Reise in Guy Maddins verkarstete Neurosenwelt, sein Verhältnis zur Stadt entspricht, ganz psychoanalytisch, dem zwischen Mutter und Kleinkind: Zwischen verzehren wollender Liebe und drangsalierendem Hass. Maddins Flucht muss – wie die von der Mutter - notwendig erfolglos bleiben: Mit seinem wunderbaren Doku-Biography-Amalgam My Winnipeg setzt er seiner Stadt ein eigenwilliges, dunkel glitzerndes Denkmal und verschweißt sich so noch mehr mit ihr. Ohne Winnipeg ist Maddin nicht denkbar, und jetzt, nach diesem Film, auch Winnipeg nicht mehr ohne Maddin.


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    Ein ausgemachter Pimpf von heruntergekommenem Adelpatriarchen erliegt den Einflüsterungen seines opportunistischen Schwagers und verhökert seine beiden Töchter an den um einen Thronfolger bangenden König Heinrich VIII., nur um damit, infolge einiger Unabsehbarkeiten und Intrigen, das Leben seines Nachwuchses aufs Spiel zu setzen, was mit weitreichenden welthistorischen Erschütterungen - die Lossagung Englands von der katholischen Kirche - einher geht.

    Ausgewalkt wird dies in 115 langen Minuten, in denen jede Kameraeinstellung sitzt, jeder Lichtstrahl exakt hingetupft ist, fortwährend Zeugnis abgelegt wird von Überstunden der Ausstattungs- und Schminke-Crew und regelmäßig Wolken im Zeitraffer bedeutungsschwanger über Adelshäuser hinwegfliegen dürfen. Die Schwester der Königin ist durch und durch glossy und über seine gesamte Spieldauer unerträglich geschmackvoll.

    Was er erzählt, wäre von einigem historischen Interesse. Immer wieder gibt es eine Ahnung des Risses durch die Bevölkerung, den die schwanzfixierten Manöver des Königs zur Begattungs-Durchsetzung von Anne Boleyn hervorriefen, die schließlich die Church of England zur Gründung brachten, allein es wird sich nicht die Bohne dafür interessiert. Stattdessen viel persönliches Drama und Tränenrühriges, ein bisschen Kindstod hier, ein wenig Vergewaltigung von hinten dort, nicht enden wollende Geilheit, versuchter Inzest dann und schließlich auch Enthauptungen - stets unter Wahrung von Geschmack und Respekt vor den Sehgewohnheiten des Publikums: Die Schwester der Königin erzählt sich nach Manier eines süßlich-traurigen Romanheftchens industrieller Fertigung für bildungsferne Hausfrauen im fortgeschrittenen Alter. Solche werden sich auf einen schönen Kinoabend freuen, andere dürfen sich beleidigt fühlen.


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    Mittwoch, 13. Februar 2008
    Berlinaleflaschen, Laptop-Tippen, Konzentrationstheorien, der neue Film von Johnnie To usw


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    Ein kleiner Tumblelog-Testballon: Midnight Radio [feed]


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    Wohl eines der Highlights der diesjährigen Berlinale - und von mir leider noch nicht ein einziges Mal besucht - ist Ekkehard zufolge die Hommage an Francesco Rosi, Bei aufsmaulsuppe, wo ebenfalls fleißig von der Berlinale gebloggt wird, findet sich der Hinweis auf einen bereits 1987 von Georg Seeßlen verfassten, bei der alten Tante filmzentrale hinterlegten Essay zum Werk des geehrten Regisseurs.


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    Nur den Akkreditierten Berlinale ist die unglaublich kleine, alte Dame ein Begriff, normalsterbliche Besucher kennen nur ihre Bilder: Erika Rabau, oder eben schlicht: Erika. Keine Pressekonferenz ohne die schrullige Hoffotografin des Festivals in der ersten Reihe. Im Berlinale-Staralbum der taz wird sie näher vorgestellt. 2004 war sie bereits der Berliner Zeitung sowie dem Tagesspiegel ein Portrait wert.


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    Thema: Hinweise
    Morgen läuft der spanische, von Guillermo Del Toro produzierte Gruselfilm Das Waisenhaus im Kino an. Solide inszenierte, allerdings ein wenig zu sehr nach Lehrbuch angeordnete Gothic Fiction vor zeitgenössischer Kulisse um eine Klein-Familie, die ein ehemaliges Waisenhaus als neues Domizil bezieht und alsbald von dem Gespenst der eigenen Vergangenheit heimgesucht wird.

    Nicht wirklich schlecht, aber meiner Meinung nach auch nicht so herausragend, wie es internationale Kritiker glauben machen wollen (hie und da habe ich, ehrlich gesagt, mitunter gähnen müssen). Meine ausführliche Kritik erschien heute beim Perlentaucher, den Trailer gibt's als Bonus hier:



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    In der lediglich Akkreditierten und Branchenbesuchern zugänglichen Sektion "German Cinema" wurde auch Dominik Grafs neuer Film Das Gelübde, wenn ich das richtig überblicke eine Fernsehproduktion mit bislang nicht festgelegten Erstausstrahlungstermin, gezeigt. Ein eigenartiger, flirrender, aber schöner Film.

    Basierend auf dem Kurzroman des Fantasy-Schriftstellers Kay Meyer (hier sein Weblog), den ich allerdings nicht gelesen habe, erzählt er von der historischen, um fiktionale Elemente erweiterten Begegnung des romantischen Schriftstellers Clemens Brentano mit der 2004 seliggesprochenen Nonne Anna Katharina Emmerick im Jahr 1819 im Westfälischen vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen zwischen frommem Katholizismus und Anti-Aufklärung auf der einen Seite, preußische Disziplin und Fortschrittsglaube auf der anderen. Die Stigmata der Emmerick und ihre Visionen treiben den frisch zur Frömmigkeit gefundenen Romantiker und Ex-Lebemann dazu, sich hinter alle Kunst zu stellen und als braver Protokollant die Trance-Reden der Nonnen aufzuschreiben. Das Buch Das bittere Leiden unsers Herrn Jesu Christi ist Zeugnis dieser jahrelangen Schreibarbeit und zudem wohl, wenn man diversen Websites und der Wikipedia zum Thema Glauben schenken darf, Inspiration für die Grausamkeiten in Mel Gibsons blödsinnigen Jesus-Gewaltporno The Passion of the Christ.

    Die Begegnung ist schicksalsschwer: Brentano, als Seitenwechsler vom Preußentum zu religiös informierter Mittelalterromantik, erscheint als Figur seiner Zeit, in denen sich die seinerzeitigen historischen Frontstellungen aufreibend manifestieren. Brentano, so wird es wenigstens impliziert, geht eine eigenartige Liebesgeschichte zu der Nonne ein, über der er seine eigene Liebe aufs Spiel setzt und verliert, erkrankt schwer und ergeht sich in allerlei Wahnsinn, wie er Romantiker - Hölderlin im Turm - gern ereilt. Graf setzt dies nicht brav nach Lehrbuch um, sondern verleiht auch seinem Film eine Tendenz zum Irrealen, Enthobenen und Gleitenden.



    Nonnen, Wahnsinn, Teufelei, das Vexierspiel aus Zucht und Unzucht vor Kulisse des 19. Jahrhunderts: Das gab's schon einmal in der Filmgeschichte, im später so genannten Nunsploitation-Film vornehmlich italienischer Herkunft. Nun wäre es wohl vermessen, Grafs Film wegwischend in eben diese Tradition zu stellen, doch scheint er, unter Deutschlands namhaften Regisseuren dem kernigen Genre-Handwerk noch am ehesten verpflichtet, von diesem zumindest informiert zu sein, wenn er Das Gelübde als stark assoziativ geschnittenen Film inszeniert und dabei auffallend oft das Stilmittel des Zooms - eigentlich verpönt, im italienischen Genrekino aber gang und gäbe, beim Spanier Jess Franco, der selbst einige Nonnenfilme gedreht hat, zur deliranten Kunst gereift - einsetzt: Immer folgt das Bild den Aufmerksamkeiten und Gedanken der Protagonisten, wenn die Montage Aspekte der Handlung krass betont und schnelle Zooms Affekte umsetzen; das leicht grobe Korn des Filmmaterials, die Ausstattung und der immer leicht irrealisierende Gestus der Inszenierung erinnern zudem auf sehr sympathische Weise an das Genrekino der 70er Jahre.

    Das Gelübde ist auf gewisse Weise ein Gegenton im deutschen Fernsehfilmschaffen. Orientiert ist er an der etwas rabiateren Genretradition, dennoch ist er auf das nicht zu reduzieren, denn es ist ihm durchaus auch um Kunst zu tun, wenngleich er vom spröde protestantisch anmutenden Kunstfilm mit Aussagecharakter deutscher Provenienz nicht das geringste wissen will.

    Graf erweist sich einmal mehr als verlässlicher Maverick der hiesigen Filmproduktion. Zu hoffen bleibt, dass dieser schöne Film nicht dazu verdammt wird, bloß auf Fernsehbildschirmen zu verhungern, sondern auch, denn hier entwickelt er Qualität, im Kino zu sehen sein wird.


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    » Vorführtermine
    » siehe auch: Lukas (begeistert), Anja (beglückt) und Ekkehard (knapp, enttäuscht)



    Als Spatzen – Sparrows – bezeichnet man in Hongkong die Taschendiebe, eine dort, wie Johnnie To in der Pressekonferenz süffisant anmerkt, aussterbende Zunft. Aussterbend ist auch die Zunft der Filmemacher, die im Genrekino nicht so sehr auf technologische Selbstläufer, sondern auf exakte Inszenierung, Raumverständnis usw. setzen; und wenn es darum geht, sich im Raum exakt bewegen zu können, ihn für sich zu nutzen, dann sind Taschendiebe und solche Filmemacher, wie To einer ist, mitunter wesensverwandt - der vorliegende Film ist hierfür schöner Beweis.

    Sparrow ist zugleich eine Herzensangelegenheit für seinen Regisseur. Vier Jahre lang hat To daran gearbeitet und wäre die Berlinale-Anfrage nicht dazwischen gekommen, so To in einem Interview, würde er noch heute wohl an ihm basteln. Immer wieder rückte er hinter andere Arbeiten – das übliche Maß an Auftragsarbeiten, aber auch ambitionierte Projekte wie die beiden Election-Filme – und wurde nur dann, wie To sagt, fortgesetzt, wenn es die Inspiration hergab. Das ist einerseits vor dem Hintergrund der allgemeinen Produktionsbedingungen in Hongkong bemerkenswert, wo schnelles Produktionsgeld schnellen Ertrag sichern soll, aber auch vor demjenigen, dass To pro Jahr mithin drei bis vier Filme vorlegt.

    Dass man dem Film diese Entstehungsgeschichte anmerkt, wäre noch leicht untertrieben. Sparrow zerfällt, wie zuletzt kein anderer Film des Regisseurs, in eine Abfolge ineinander purzelnde set pieces, in denen sich die kaum ausgefeilte Geschichte – ohnedies keine Spezialität Johnnie Tos – gerade mal so ausbuchstabiert: Erzählt wird von Kei (Johnnie-To-Regular Simon Yam), einem sympathischen, augenzwinkernd und hochelegant zu Werke gehenden Taschendieb, der mit drei Partnern – allesamt eher Witzfiguren aus dem Kabinett der Hongkong-Komödie – in hübsch arrangierten Anordnungen auf der Straße zu Werke geht. Wie es ihm, und damit dem Film, an jenen ultra-kriminellen Aspekten, die ansonsten mit dem Hongkong-Film assoziiert sind, mangelt, so mangelt es ihm auch am Pathos, den man gemeinhin aus Hongkong kennt. Kei ist ein Kleinkrimineller, der eher an seinem „Handwerk“ interessiert scheint, als am großen Geld, das sich in den Triaden machen ließe.



    Wie jeder gute To-Film spielt auch Sparrow über weite Strecken auf den Straßen seiner Stadt: Als Flaneur streift Kei mit einer alten Kamera durch Hongkong, immer auf der Suche nach schönen Motiven. Dass Sparrow auch ein Film über den Wandel seiner Heimatstadt sei, wo in den letzten Jahren zahlreiche alte Gebäude neuen, modernen Komplexen weichen mussten, darauf weist Johnnie To in der Pressekonferenz hin; mit seiner Kamera hält Kei dieses alte, zurückgedrängte Hongkong fest, genau wie der Film, der, im Hintergrund und am Rande, auch über den Zeitraum seiner Entstehung den Wandel in der Stadt beobachtet. Bei einem solchen Foto-Streifzug tritt Kei schließlich auch die schöne Chun Lei (die wunderbare Kelly Lin) vor den Sucher, die, wie sich bald herausstellt, nicht nur ihm, sondern auch seinen Partnern systematisch den Kopf verdreht und dies mit Grund: Als Festland-Chinesin ist sie einem alten Schwerkriminellen, einem ehemaligen Taschendieb, der ihren Pass unter Verschluss hält, um sie so an sich zu binden, ausgeliefert: Im Duell der Taschendiebe, ausgetragen in den Straßen von Hongkong, entscheidet sich Chun Leis Schicksal.

    To erzählt seinen Film anhand überschaubarer, mal von einer kleinen, mal von einer großen Idee getragenen Sequenzen, denen man stets ansieht, dass sie nicht einem übergeordeneten Masterplan, sondern allein der gelegentlichen Inspiration zwischen zwei anderen Arbeiten entspringen. Dabei ging es nie um den großen cineastischen Wurf, sondern eher um freudiges Ausprobieren und die Lust am Experiment, stets von einem Augenzwinkern begleitet. Eine Standardsituation etwa, wie man sie aus zahlreichen Komödien kennt – eine Verfolgung wird durch Leute behindert, die einen großen Gegenstand durch die ohnedies schon beengte Gegend tragen -, wird in Sparrow zu einem kleinen, frechen Meisterstück auf engstem Raum (in einem Hochhausaufzug); den Versuch, einen begehrten Gegenstand zu entwenden – ein Amulett am Halse des Gegenspielers -, inszeniert To als Travestie in der Arztpraxis mit Humor auf kleinstem Raume; atemberaubend hingegen sind seine, wider alle Hongkong-Tradition, entschleunigenden Momente, wenn er eine Verfolgung auf dem Fahrrad inszeniert oder beim grandiosen Showdown, der, statt großer Oper, den Zeitlupen-Minimalismus zwischen Jackentaschen und Regenschirmen sucht. Zwar ist nicht jedes set piece die ganz große Kunst geworden, ein großer Spaß sind sie aber, je auf eigene Weise, schon.



    So wie Straßendiebe einen übertölpeln, übertölpelt freilich auch To, der hier On und Off des Bildes mit der großen Souveränität des erfahrenen Filmemachers, der er ist, zu nutzen versteht; zum sympathisch ironischen Grundton des Filmes gehört freilich, dass er nicht jeden Trick der Taschendiebe ins Bild setzt, sondern oft genug ins Nicht-Sichtbare verrückt. Die freche Dreistigkeit, mit der er zwischen Nachvollzug des Geschehens und bloßem Budenzauber changiert, gehört aber mit zur schönen Unbekümmertheit von Sparrow.

    Johnnie Tos bester und beeindruckendster Film ist Sparrow zwar nicht geworden; nach wie gehört es zu den großen Verfehlungen aus den Geschichtsbüchern der Berlinale, PTU (2003) seinerzeit nicht in den Wettbewerb geholt zu haben; dennoch, nach den düsteren Triadendramen der Election-Reihe und Exiled ist es ein Genuss, To mal wieder in guter Tradition einfach nur mit Film und seinen Formen fröhlich herumspielen zu sehen.


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