Als Anreiz sei noch der Trailer zu Storchs wirklich wahnwitzig-gutem Film präsentiert:
Auch in der Zeitung geschrieben hat Dath die bislang schönste Besprechung des letzten Pynchon-Romans Against the Day, den ich nackt vor zwei, drei Tagen um 8:30 von einem hektisch klingelnden DHL-Lieferanten in Empfang nahm. Da war ich gerade mal drei Stunden im Bett gewesen - die grüne Fee hatte mir nachts zuvor mit wermut-geröteten Augen zugezwinkert - , sah entsprechend und also wohl auch erschreckend aus und fühlte mich ein klein wenig wie Zoyd Wheeler kurz vor dem nächsten, noch nicht verdienten Scheck.
20 Seiten bislang gelesen (man muss sich Pynchon aufsparen, jeden Satz wie ein Festmahl genießen) und es geht auf Englisch recht flüssig runter, was mich überrascht (das Oxford Dictionary und das Pynchonwiki liegen stets griffbereit). Und schon sind mir die chums of chance ans Herz gewachsen. Die erste Beinahe-Katastrophe - und sie ist zum Brüllen komisch, wie Katastrophen nur bei Pynchon derart komisch sein können - ist auch schon überstanden. Zwei, drei Gänsehäute schon bekommen - permanent siege -, noch mehr als 1000 Seiten habe ich vor mir.
ausdrücklich gestattet und erwünscht :) =
Eine große Freude ist mir der Hinweis, dass am 06.08. das Open-Air-Kinoprojekt "Ausgezeichneter Sommer" vom b-Ware!Netzwerk endlich nach langer Vorbereitung in seine Filmfestival-Phase eintritt. Gezeigt werden dann auf dem Badeschiff und in der Wildwest-Strandbar Bar25 (in der kürzlich Quentin Tarantino himself die Füße mit Milch gewaschen wurden!) nicht mehr Filme der aktuellen Kinosaison, sondern Independent- und Underground-Filme, die bislang noch nicht im Kino liefen. In den Sektionen "Fiktion" und "Realität" buhlen sie um die Gunst des Publikums, das per Stimmzettel die Wettbewerbsgewinner wählt. Als Bonus werden vor den Filmen Kurzfilmbeiträge des "Stuttgarter Filmwinters" aus dessen kommenden Programm präsentiert. "Ausgezeichneter Sommer" ist ein instiutionell unabhängiges, von Fördergeldern schmerzlich befreites und fast im Alleingang von ein paar Filmverrückten realisiertes Projekt :)
Unter dem Menüpunkt Festival steht das komplette Programm mit allen weiteren Infos online.
Die allergrößte Freude aber ist es mir, die von mir für das Festival akquirierten Filme hervorzuheben: Blood Tea and Red String ist ein wunderschön-bizarrer Puppenanimationsfilm, an dem die Regisseurin Christiane Cegavske 13 Jahre lang gearbeitet hat (Trailer). Call of Cthulhu ist die werkgetreue Adaption der gleichnamigen Kurzgeschichte von H.P. Lovecraft, die weitgehend im Stil eines Stummfilms aus dem Jahr 1928 gehalten ist (Trailer).
Ein ganz besonderes Bonbon ist die Wenzel-Storch-Retrospektive, die das Festival begleitet und die Möglichkeit eröffnet, einen der herausragendsten und zugleich marginalisiertesten Filmemacher Deutschlands kennenzulernen. Am 06.08. beginnt das Festival mit Storchs wundervollem und zu Recht allseits gefeierten Reise ins Glück (Trailer ~ Info), den ich persönlich für einen der besten und schönsten Filme aus Deutschland der letzten Jahre halte. Storch selbst wird den Film präsentieren und im Anschluss einen seltenen Super8-Film zeigen und in einer Diashow von den Dreharbeiten zum Film berichten. Es folgen im Verlauf des Festivals noch Sommer der Liebe (Info) und als Abschlussfilm Der Glanz dieser Tage (Info).
Kommt zahlreich, bringt gutes Wetter mit und viel Spaß bei den Filmen!

Aber dann wieder, film-dienst, eh klar...
ja, da passiert nix, in dem ding. das ding ist bestenfalls ein teaser-teaser. aber, hach.

Straw Dogs von Sam Peckinpah reiht sich in dessen an so kontroversen wie meisterlichen Beiträgen reichen Filmografie ohne weiteres als weitere Sternstunde ein. Und doch scheint es die Tücke des Schicksals dieses auteurs vorgesehen zu haben, dass ihm dort, wo nicht schon Filmproduzenten, so auch Zensoren im Namen öffentlicher Sitte und vermeintlicher Moral ins Werk pfuschen: Straw Dogs, an irritierenden Momenten - wie alle große Kunst - nicht eben arm, "genoss" hierzulande bislang den Status eines indizierten Films, weshalb die bereits einige Jahre alte DVD aus dem Hause EuroVideo auch nur auf FSK16 heruntergeschnitten und in bescheidener Qualität vorlag.
Dass sich dies nun am 12. Juli endlich änderte, ist der Initiative von Mike Siegel zu verdanken, der vor nicht allzu langer Zeit eine Dokumentation über Peckinpah drehte und außerdem aus Artefakten und Dokumenten seines umfassenden privaten Peckinpah-Archivs ein sehr schönes Buch zusammenstellte. Schon seit einiger Zeit hörte man munkeln, dass Mike Siegel nun an einer De-Indizierung und an einer auch qualitativ überzeugenden Edition des Films arbeite. Seit 12. Juli ist die DVD im Handel erhältlich, auf DVDiscovery findet sich aus diesem Anlass ein zweigeteiltes Interview: 1 | 2

Plötzlich ist er da: Dieser Hauch des großen Kinos, von Hollywood, dem klassischen, wo das seinerzeit gegenwärtige sich schon auf dem besten Weg in die Krise befand. Detektive, Rudolf Thomes Debüt, ein funkelnd-brillanter, im steten Tempo überraschender, mal brüllend komischer, mal in genialen Dilletantismus entrückter Film, erträumt sich selbt ein "Mollywood", ein Hollywood, das in München, genauer: Schwabing, liegt. Eine Vision in schwarzweiß und Cinemascope, unterlegt mit coolstem Jazz, die man als reinstes Kinoglück gesehen haben muss.
Wie hier plötzlich alles sitzt, wie alles Bequemliche und Stickig-Gemütliche des deutschen Opakinos ohne viel Aufhebens einfach entsorgt wird, und etwas Modernes Einzug erhält, ohne aber sich dem Hyper-Intellektualismus - ganz im Gegenteil - zu ergeben, das alles lässt für einen Moment die Sackgassen und Irrwege der deutschen Nachkriegs-Filmgeschichte vergessen. Detektive, das ist die Liebe zum amerikanischen Kino durch die französische Brille, ein Taktschlag in einer filmhistorischen Kette, die von Humphrey Bogart zu Jean-Paul Belmondo und schließlich zum, wie stets, durch sein Nichtspiel faszinierenden Marquard Bohm reicht, der - soviel steht für mich nach Detektive, Rote Sonne und Deadlock fest - der eigentliche große Star des bundesrepublikanischen Kinos ist, dessen Geschichte allerdings noch geborgen werden muss. Doch von der jungen Iris Berben, Uli Lommel, dem deutschen Alain Delon, und, natürlich, von Uschi Obermaier (im Vorspann "Chrissi Malberg") ist mindestens ebenso zu reden. Das Mehr, das sich ergibt, wenn sich all diese dem großartigen Drehbuch von Max Zihlmann überantworten, ist, gelinde gesagt, von ganz exquisiter Qualität.
[Exkurs: Eine ganz seltsame Geschichte scheint mir bei näherer Betrachtung von dessen imdb-Profil die Filmografie von Uli Lommel zu sein. Vor allem als Regisseur offenbar völlig mißratener, am Stück hintereinander auf den Markt geschmissener Video-Horrorfilme, deren imdb-Votes selten die 1,5 übersteigen (was, angesichts der Schmerzbefreitheit zahlreicher Horrorfilm-Geeks, einiges aussagt), trat er zuletzt in Erscheinung. Doch auch schon in den späten 70ern und vor allem in den 80er Jahren drehte er offenbar Delirantes für die unteren Regale der hinteren Videothekenecken und blieb dabei immer, und man möchte fast sagen: in alter italienischer Tradition, den Vorgaben der jeweils populären Großfilme verbunden. Ich will's mir erst gar nicht vorstellen, was sich in diesem filmhistorischen Orkus nicht noch an, wohl kaum guten, aber vielleicht hübsch verqueren Abstrusitäten bergen ließe!]
Detektive verhehlt kaum, dass es um das, um was es geht, im Endeffekt nicht geht. Wichtiger als der von Zihlmann zwar fein ziselierte Krimiplot - Geldknappheit, reicher Großbürger, schöne Frauen, eine Lebensversicherung, ein wenig Gift und noch zwei, drei Intrigen - , sind die Szenen je für sich, der Moment, das Detail; die Story entfaltet sich fast nebenher, bleibt oft genug insofern egal, dass an ihr der Filmgenuss kaum hängt. Gut abgeschaut vom großen Kino von Übersee ist hingegen die Relevanz der kleinen Geste: ein nervöser Augenaufschlag, ein Zucken in den Gliedern, bevor eine Bewegung stattfindet, ein geworfenes Gewehr, die Lässigkeit eines offenen Hemdknopfes und ein rüde weggefegter von einer schönen Frauenrundung weggefegter Arm. Im an wunderbaren Anekdoten reichen Bonusmaterial des tollen DVD-Sets von Kinowelt fasst Iris Berben - und sichtlich fasziniert - Detektive als Film mit "vielen schönen Frauen und unglaublich lässigen Männern" punktgenau zusammen; das Diktum, dass man für einen Film lediglich eine Waffe und eine Frau benötige - stammt es aus Frankreich, war das Godard? -, wird von Detektive mit aller Coolness dieser Welt noch um zwei Männer, ein Gewehr und ein paar Gläser Whiskey ergänzt.
Eine schiere Freude auch die Montage des Films. Ob's die Unbekümmertheit Thomes war, die wilde Entstehungsgeschichte des Films - vom fast zweieinhalbstündigen Rohschnitt musste auf knapp unter 90 Minuten runtergekürzt werden, die Auflage, noch eine publikumswirksame Sexszene mit der Obermaier nachzudrehen, konnte Thome abwenden - oder vielleicht wirklich eine von der Muse geküsste Strategie, lässt sich kaum mit Sicherheit entscheiden. Jedenfalls sind ihre Ellipsen und Dynamisierungen von einer seinerzeit im deutschen Kino kaum geahnten Modernität (und dass sie eben doch auch französisch im Hinblick auf das Amerikanische wirken, lässt auf eine bewusste Montage zumindest hoffen). Der brillanteste Moment: Uli Lommel legt sich zur nackten Iris Berben ins Bett, Schnitt aufs andere Bett, wo sich Bohm und Obermaier befinden, sowie der reichlich lächerliche Busse (gespielt von Peter Moland) als dritter im Bunde am Rande. Jemand klingelt draußen an der Tür und es dauert lange, bis sich Bohm aufgerappelt hat, um nachzusehen. Zur völligen Überraschung steht dann da die Berben vor der Tür und kommt mit Brötchen rein. Wie noch um die zum Brüllen komische Absurdität dieser wundervoll im vermeintlich perspektivischen Umschnitt camouflierten Ellipse zu unterstreichen, fragt Bohm sie gleich darauf, wo denn bitte Lommel sei. Der ist, so Berben dann, schon vor einer Weile gegangen.
Detektive ist voll von solchen kleinen, wundervollen Momenten, ihnen nachzuspüren, macht eine ungemeine Freude. In ihm liegt eine Utopie, die sich aus der ehrlichen Liebe zum großen Kino einer damals eigentlich schon vergangenen Zeit speist (was ihn auf merkwürdige Weise in die Nähe zu Tarantino rückt, dem dieser Film, so dachte ich es mir wenigstens gelegentlich, sicher gut gefallen würde), eine Utopie, die sich in der deutschen Filmindustrie schließlich kaum verwirklichen ließ. Detektive lässt sich somit auch als Fenster begreifen, durch das man Blicke auf ein Kino späterhin nicht genutzter Möglichkeiten werfen kann. Zu hoffen bleibt, dass diese schöne DVD nachrückende Generationen hinreichend inspiriert, um sich der Schmockigkeit des deutschen Qualitätsfilms endlich zu entledigen; noch steht ja beispielsweise der erste richtige Genrefilm der so genannten "Berliner Schule" aus und zu erwarten.
» imdb ~ dvdesk@taz ~ süddeutsche (1969) ~ interview (1969)
... und selten war er besser als in "Death Proof"Knörer, gänzlich ohne Fanboy-Gejohle, im Perlentaucher
... Girls just wanna have funCristina Nord nicht minder begeistert und höchst ausführlich in der taz
... das beste Kino der USANochmal Knörer, diesmal in der taz, über eine in Death Proof gewürdigte Kino-Kascheme.
Ich finde das so toll, dass ich sogar dieses und nicht mein still und heimlich eingerichtetes, anonymes Musikblog dafür hernehme.
Die Rede ist, natürlich, von "Flagpole Sitta" von Harvey Danger. Den Text gibt es hier, anhören kann man sich das Stück auf deren myspace-Profil.
[ach, und wie rundherum enttäuschend, weil satt und unmotiviert, doch die neue Platte von The Mooney Suzuki geworden ist, wo sie vor drei jahren doch noch so begnadete Anthems geschrieben haben, von ihren allerersten EPs mal ganz zu schweigen]
[aus den glücklichen Fügungen eines Videothekarenlebens: Napoleon Dynamite, der bei uns zunächst ein Schattendasein fristete, entwickelte sich nach meiner ersten Sichtung und also Begeisterung infolge steter Empfehlungen für jene Klientel, die a) nicht weiß, was sie schauen soll, b) was lustiges sucht, das aber c) nicht zu blöd sein soll, nach all dem also entwickelte sich Napoleon Dynamite zu einem unserer All-Time-Top10-Hits. Manchmal ist es so befriedigend im Leben, das Gute und Schöne mit nur geringstem Eigeneinsatz zu mehren.]
Im April fand im Rahmen des IndieLisboa Filmfestivals die vom hochgeschätzten Olaf Möller kuratierte Reihe "A German Cinema" statt, die eine sehr subjektive und glücklicherweise sehr schmock- und industriebefreite Schau des interessanteren deutschen Films gestattete.
Reiche Nachlese in Form von Texten belohnt auch das hiesige Publikum: Der ebenso geschätzte Michael Baute war in die Jury berufen und berichtet nun in üblich charmanter Weise von seinen Abenteuern. Olaf Möller kommentiert und reflektiert seine Zusammenstellung (sehr schön der eine Absatz über Karmakar, den ich aus einer Laune heraus, die ich nicht bereue, letztens um 1 Uhr nachts auf der Simon-Dach-Straße als den besten proklamiert und verteidigt habe), alldieweil Cristina Nord schließlich "Notizen zur Berliner Schule" beisteuert. Alles als Langtexte auf newfilmkritik.de, wo Michael Baute, eigener Aussage nach, den Hausmeister gibt.
So gut und spannend kann Kinokultur in manchen schönen Momenten dann eben doch sein, wenn alles passt und von Herzen kommt. Danke allen Beteiligten.
Bleibt allein die Frage, wann, endlich, ich Chronik des Regens sehen kann.
If you’re purely after facts, please buy yourself the phone directory of Manhattan.Die "New York Times" hat Werner Herzog interviewt.
Also, Leute. A) Wer war's und B) mach's nie wieder!
WDR 3 startet eine neue Initiative im Netz: Mit dem Hörspiel von Schorsch Kamerun "Ein Menschenbild, das in seiner Summe null ergibt" wird erstmals ein Hörspiel, das im Radio gesendet wird, auch als Download im mp3-Format angeboten. Und jeden Monat wird es bei WDR 3 ein weiteres Hörspiel zum befristeten Herunterladen geben.Das Hörspiel des Goldene-Zitronen-Sängers kann man auf dieser Seite beziehen. Schön wäre das, wenn weitere Sender des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit vergleichbaren Aktionen nachziehen.

Die "Jungle World" wird 10. Der linken Wochenzeitung aus Berlin ist dies einen so amüsanten, wie informativen Rückblick wert, der sich über eine ganze Ausgabe erstreckt; ich meinerseits entbiete beste Glückwünsche und freue mich auf mindestens weitere zehn Jahre des Zentralorgans der Rocklinken.
Dass ich mich über dieses Jubiläum freue, hat natürlich viele Gründe. Der vorderste ist publizistikwissenschaftlich freilich schnell erklärt: Einigen Studien zufolge greifen Medienkonsumenten vor allen Dingen auf Medien mit jenen Inhalten zurück, die eigene Ansichten und Meinungen bestätigen und verstärken. Für mich bedeutet dies, dass im hiesigen Blätterwald keine Tages- oder Wochenzeitung meiner eigenen Ansicht so nahe kommt wie eben besagtes Kreuzberger Blatt. Wo sonst findet man schließlich ein dezidiert linkes Organ, dass Juden und Israelis nicht totzuschlagen und Israel den Fluten des Mittelmeers zu überantworten gedenkt? Wo sonst wird den linken Unarten eklen Moralisten- und Körnerfressereitums auf so unverschämt sympathische Weise das einzig sinnvolle Körperteil, richtig: der Mittelfinger, gezeigt? Wo sonst gibt's statt linker Gartenzwergkolonien nochmal eine Ahnung davon, was das schöne Leben sein könnte? Eben!
Ja, manchmal liegt die Zeitung nicht ganz richtig. So fuckin' what. Nur die übelsten Menschenfeinde haben beim Patentamt ein Anrecht auf Unfehlbarkeit(TM) hinterlegt. Mag nicht jedes Cover den Gepflogenheiten politischer Korrektitüde entsprechen, so ist's doch jedes Mal erfrischend, weil ein paar Koordinaten verschoben oder zumindest in Frage gestellt werden. In Frage stellen finde ich nämlich ganz grundsätzlich gut, schlimmer als jede Angemessenheit ist schließlich Gesinnungskruste und ästhetischer Biedermeier. Lieber zweimal gut provoziert, als einmal es allen recht gemacht.
Aber es gibt ja noch andere Gründe, warum ich mich dieser Zeitung mit dem goldenen Herzen romantischer Krimineller so verbunden fühle (Abo gekündigt: Februar 2001). Zum einen, weil ich just zu dem Zeitpunkt, als das Blatt unter schwersten, ja skandalösen Bedingungen die Welt betrat, mit einigen Provinzgenossen zur gemeinsamen Wohnungssuche in Berlin weilte. Mann, was hatte das Eindruck auf mich gemacht: Friedrichshain lag damals, Mai '97, ja noch halb in Trümmern, an den heutigen Amüsierbetrieb daselbst war noch lange nicht zu denken und jede zweite Fassade verkündete es per Anschlag, was in den Redaktionsräumen der "Jungen Welt" vor sich ging und dass eine Zeitung namens "Jungle World" in Aktion getreten sei. Es gab damals noch besetze Häuser und auf einen wie mich, der damals noch eine lustige Frisur, Militärhosen im camouflage-Stil und schwarze T-shirts mit düsteren Bildern das Elend dieser Welt betreffend trug, machte das schon höllisch Eindruck, was hier, in dieser Stadt, vor sich ging. Ich war mir sicher: Hierher kam ich und würde die Revolution noch sehen. Die nächsten 13 Monate sah ich dann in braver Ausübung meiner Bürgerpflicht zunächst einmal nackte Seniorengenitalien. Das (und die) war(en) meist beschissen. Festzuhalten bleibt aber: Jedes Jubiläum der "Jungle" ist damit für mich auch "Berlin-Jubiläum".
Dann immerhin veröffentlichte ich in der "Jungle" auch meinen ersten Feuilleton-Artikel. Hurra, auch wenn sonderlich stolz auf ihn ich eigentlich nicht bin. Ist bislang auch mein einziger geblieben, was späteren Werkphilologen die Arbeit immerhin erleichtern wird.
Schlussendlich gibt es in der "Jungle" immer wieder Dinge, die's woanders ganz einfach mal nicht gibt. Die Filmkritiken sind zwar oft mäßig erfreulich; entweder es herrscht Ahnungslosigkeit oder Pornografie mit liebgewonnenen Seminarhandapparaten. Dann und wann gibt's aber echte Leckerbissen; wenn Kuhlbrodt (Dietrich) dort die Feder schwingt zum Beispiel (grad aktuell wieder mit einem ganz tollen Text), oder wenn Seeßlen sich mal so gehen lassen kann, wie's die Bürgerhefterln ihm wohl kaum gestatten. Nettelbeck schrieb dort sehr schöne Sachen, mal gibt's tolle Dossiers oder Artikelreihen, die feuilletonistisch betrachtet streng genommen gar keinen Sinn ergeben, weil sie von Aktualitätsbezug nicht sind. Ich finde das toll. Das macht die Zeitung zur Wundertüte, zum Experimentallabor. Das stiftet Freude und Frohsinn und alle sind sich's zufrieden.
Oder damals, Kuhlbrodts (Detlef ist jetzt gemeint, nicht Dietrich) Tagebuch aus dem, ich glaub, November. Ein Glanzstück von Zeitungsprosa, so ein bisschen wie Alltagsbloggen in einer Wochenzeitung. Als Stern, Tagesspiegel, Spiegel, Focus und wie die ganzen Spelunken nicht alle heißen, noch nicht einmal den Arsch zur Hand hatten, mit dem man Weblogs schließlich nicht anschaut, gab's in der "Jungle World" schon erste, neugierige, kundige Berichte drüber. Der Praschl hat da mal was getextet, wenn ich mich nicht irre.
Dann noch der Begriff der "Rocklinken", für den man unendlich dankbar sein muss. "Poplinke", was für ein totaler Scheiß, ma echt jetz, wie völlig Wurscht. Aber "Rocklinke", yeah, das isses!
Die "Jungle World" ist ein Freibeuter im Ozean der waldvernichtenden Industrie. Manchmal gibt's nur mitgebrachtes Strandgut, aber häufig kehrt man von verwegenen Expeditionen mit vollen Händen zurück und kann dann exquisite Beute bestaunen.
Als Vagabund solcher Art kann man's nicht jedem recht machen. Die "Jungle" macht's genau den richtigen nicht recht und tut gut daran - auf die nächsten Jahre, mögen's unzählige sein!
Allerdings bin ich gespannt, welche Spezifika des so in den Stand eines "Originals" gesetzten Films das Remake herausarbeiten wird, um sich selbst als eben solches schließlich zu verhalten, was umso schwieriger sein dürfte, da sich ja der Ripper- und Serienkiller-Thematik ein kaum mehr überschaubares Konvolut von Filmen und Genrebeiträgen anschließt.
" - das ist so, als würden ununterbrochen vier Millionen Atombomben explodieren"Die taz hat Werner Herzog interviewt.
But my heart is busted now I'll die faster.
Her music's been done, her songs have been sung.
- The Van Pelt: His Saxophone is my Guitar.
Die SMS meiner Freundin erreichte mich vorhin auf Arbeit. So ich denn morgen früh Zeit hätte, solle ich vorbei kommen, schrieb sie, "unserm Mäuschen" - das ist unsere Ratte, genannt Radieschen - war es heute nicht so gut gegangen. Vielleicht nur falscher Alarm. Vielleicht ein Abschied.
Angefangen hatte es vor rund drei Wochen. Da entdeckten wir die erste Murmel an ihrem Hinterbeinchen. Innenseite. Tumor. Rattenschicksal, ab einem gewissen Alter. Unser Mäuschen ist nicht ganz zweieinhalb und bestätigt so die Statistik für solche Fälle. Natürlich war sie zuletzt auch älter geworden. Ein grauer Bart am Kinn. Es hüpft nicht mehr. Gemächlich geworden, ruht viel. Aber die Barthaare und Augen, beide witzig geblieben, neugierig auf alles. Und der Hunger erst, den unser kleiner Flatsch - wohlgenährt ist sie ja schon - immer und andauernd hat, wenn irgendwo geräuschvoll was zu essen ausgepackt wird.
Zunächst dachten wir: Das ist so klein, das kriegt man noch weg, operativ. Am nächsten Tag gab es keinen Tierarzt in Friedrichshain und Umgebung, der keinen Anruf von uns erhalten hätte. Allüberall dasselbe: In dem Alter, auch wenn sie rüstig ist, die Ratte, zwecklos. Entweder Quälerei oder das Tier wacht gar nicht mehr auf. Dann war da noch ein zweiter Tumor: Keine Murmel, eher ein Schwamm, am anderen Hinterbeinchen. Den kriegt man gar nicht weg, meinten die Experten. "Machen Sie dem Tier ein paar schöne letzte Wochen. Manche leben noch einige Monate mit einem Tumor. Und wenn es sich zu quälen beginnt, verabschieden Sie sich, ersparen Sie dem Tier das Schlimmste."
Nie hat ein Tier mein Herz derart erobert wie das Radieschen. Vom ersten Tag an, als es ganz frisch angekommen auf dem Küchentisch saß und scheu nach links und rechts schaute, hatte ich einen Narren daran gefressen. In meinem Bekannten- und Freundeskreis kam kaum einer drumrum, sich meine gesammelten Handyfotos anzukucken. Mein ganzer Stolz, das kleine Tier. Man macht sich ja gar keinen Begriff davon, was für ein Glück es ist, am Morgen davon geweckt zu werden, dass ein kleiner Fluff von einem Fellball hektisch an einem entlang wuselt (das Tier lebt frei in der Wohnung meiner Freundin, deshalb). Oder aber, wenn man Sonntag morgens bis mittags weder Drang noch Dringlichkeit verspürt, das Bett zu verlassen, weil man von der Sonne angestrahlt wird und die Augen noch gar nicht offen hat, und wenn dann, zu dieser Ruhe, sich plötzlich das emsige Trappsen kleiner Nagetierpfötchen auf Teppichboden hinzugesellt, weil der kleine Fratz gerade sein Nest verlassen hat und auf Nahrungssuche gegangen ist. Drippdrippdrippeldidripp-drippdripp drippldrippldrippld-dripp. Gefolgt vom Knusperknabbern, wenn der Futtertrog schließlich erreicht ist. Oder aber ein Kratzen und Ziehen, weil sich das Tier an der Matratze hochzieht und mit unter die warme Decke möchte. Guten Morgen, Maus, ja, ich bin auch schon wach, lass mich noch die Augen öffnen, dann bin ich da.
Sein verspieltestes Thema hat Ennio Morricone im Titellied von Mein Name ist Nobody untergebracht. Da steckt viel Witz und Neugier drin, wenn das Lied erst zu drippeln beginnt und schließlich die Flöten einsetzen. Ich kann nicht anders, als in diesem Lied nur noch das kleine Mäuschen zu sehen, wie es noch ganz jung war: Hallo, Welt, da bin ich, was hast Du für mich zu bieten, in Deinen Ecken und Winkeln? Dapp-dadapp-da-dapp-dada-dappdapp.
Radieschen hat mir eine kindliche Qualität von Freude zurückgegeben. Dafür bin ich ihm dankbar. Ich werde mich morgen verabschieden müssen, wahrscheinlich.
Es tut weh. Auf meinen Lippen der Geschmack von Salz. Mach's gut, kleine Maus.

Nachtrag: Heute nachmittag, so gegen halb vier, tat das Herz unseres Mäuschens seinen letzten Schlag. Es entschlummerte, dank einer Spritze, sanft in den Händen und unter den Liebkosungen meiner Freundin. Dem waren Stunden des Abschieds mit vielen Tränen und Zärtlichkeiten vorausgegangen. Ich hatte dem Mäuschen nochmals Sahne vom Vanillepudding mitgebracht, die es immer so gern mochte. Näschert wie eh und je hatte es mir diese von der Fingerkuppe geschleckt, da glomm nochmals der alte Eifer in seinen Augen auf.